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Kultur

30.06.2017 Die totale Eskalation auf der Bühne

Deichkind im Interview: "Wir drücken auf PLAY und gucken was kommt"

Autor Kaddi Cutz

Deichkind sind bekannt für die totale Eskalation auf und vor der Bühne und eine Show, die man so schnell nicht wieder aus dem Gedächtnis löschen kann. Außer es ist danach weg. Am 28. Juli zerlegen sie bei den Filmnächten am Elbufer mindenstens halb Dresden – und weil das noch nicht reicht, gab es im Mai schon mal eine exklusive Überraschungs-Warm-Up-Sause in der Groovestation. Bevor diese sich innerhalb weniger Sekunden in einen Hexenkessel verwandelte und in einem Meer aus Sekt und Federn versank, haben wir die Herren Kryptik Joe, Porky und Ferris zum Interview auf der Veranda getroffen. Es ging um geile Kostüme, Udo Lindenberg und Alterserscheinungen. Und um Literatur!

 

 Deichkind im Interview: "Wir drücken auf PLAY und gucken was kommt"

Kryptik Joe: Ich hab ja auch gerade dieses Buch von Noah Harari gelesen, der sagt nämlich, dass der Humanismus am Ende ist und dass nach heutigem Stand der Wissenschaft alles nur biochemisch ist und dass es gar keinen freien Willen gibt.

 

urbanite: Das ist tragisch.


Kryptik Joe: Najaaaaa....

 

Ferris: Was heißt das denn, keinen freien Willen mehr?


Kryptik Joe: Na, dass du eigentlich eine organische Maschine bist. Du hast deine Gefühle, du denkst, dass du Frust hast, oder Angst oder Freude, das empfindet man auch so und Maschinen werden das nach heutigem Stand nie erfahren, aber trotzdem sagt man rückschließend, dass der Körper trotzdem einen Algorythmus hat. Klar gibt’s einen Willen im Sinne von „Ich will jetzt das Bier hochheben“ und dann heb ich das hoch (hebt das Bier hoch), aber im Ganzen führst du dein Leben, wie es sowieso vorprogrammiert ist. Mit Filterblase inbegriffen.

 

 

Wird der Laden denn noch stehen morgen?

 

Porky: Ja, er wird noch stehen, aber er wird anders aussehen.

 

Was habt Ihr vorbereitet?



Porky: Auf jeden Fall haben wir wie immer ein Vorher- und ein Nachher-Foto gemacht. (kichert hexisch)

 

Ferris: Es ist ja sowieso alles vorprogrammiert, wie wir gerade erfahren haben, da brauchen wir ja nichts vorbereiten.

 

Kryptok Joe: Das hier draußen alles wird auf jeden Fall noch da sein, wir sind ja Naturfreunde.  Die Natur wird sowieso immer da sein.

 

 

Die müsst Ihr ja ein bisschen aushebeln, immerhin seid Ihr ja auch nicht mehr ganz sooooo jung – Wie schafft Ihr es, diese krasse Bühnenshow zu rocken? Habt Ihr irgendwelche geheimen Fitness-Tricks?

 

(Alles bricht in Gelächter aus)

 

Kryptik Joe: Na guck mal, wir haben ein sehr angenehmes Leben und gehen dann immer an so Peak Level ran, wo man dann auch schon mal so denkt: „Krass, bin ich am Arsch“, aber flächendeckend hast du ja als Maurer oder Zimmermann eine viel höhere Belastung. Ich hatte jetzt ein halbes Jahr frei und hab mich mit angenehmen Sachen beschäftigt und das hier ist auch eine sehr angenehme Sache.

 

Ferris: Das ist ja auch kein Solo-Artist, wir sind ja mehrere Mann, da verteilt sich die Energie auch untereinander. Ich persönlich sag halt auch immer zum Thema Sportprogramm: Ich hab 'ne 120-qm-Wohnung und da muss ich erstmal vom Bett zur Kaffeemaschine und Kaffee machen und dann von der Kaffeemaschine zur Couch, das sind halt auch ein paar Meter, die ich abreiße.

 

Das bringt bei mir leider gar nix.

 

Ferris: Doch, für den Moment heute reicht's! Heute verausgaben wir uns, dann haben wir aber auch wieder ein paar Tage frei.

 

Porky: Wir sind jetzt auch in dem Alter, wo man uns darauf hinweist, dass wir ein bisschen älter sind. Udo Lindenberg ist darüber zum Beispiel weg, den fragt man das nicht mehr.

 

Kryptik Joe: Das wird auch immer extra vor den Interviews gesagt, dass man den nicht auf sein Alter ansprechen darf.

 

Ferris: Musik hält halt auch jung.


Kryptik Joe: Ich hab vorgestern so 'ne Pizza ganz hektisch gegessen und mir dabei vorne auf die Lippe gebissen, wenn man älter wird, dann heilt das auch nicht mehr so schnell zu.

 

Porky: Und man stinkt auch schneller, wenn man älter wird. Das ist wahrscheinlich schon der Vorbote zur Verwesung.

 

Kryptik Joe: Das ist aber auch zeitgemäß. Man darf ja auch keine Deos mit Aluminium mehr benutzen, da stinkt man dann eh noch schneller. Ich kauf mir glaube ich auch wieder eins mit Aluminium das nächste mal. Vorhin kam da so ein Mock hoch...


Ferris: Das ist aber auch vor zehn Jahren schon so gewesen, ich weiß gar nicht, was ihr hier gerade erzählen wollt.

 

Passend dazu spielt ihr am 28. Juli bei den Filmnächten am Elbufer – warum seid Ihr heute eigentlich schon hier?



Porky: Weil wir Bock drauf hatten! Das ist quasi ein Warm-Up, wir hatten Bock drauf, mit den ganzen Jungs wieder zusammen zu kommen, in einem Zimmer zu schlafen, wir sind hier in der Künstlerwohnung einquartiert in einem 7-Bett-Zimmer und da freuen wir uns schon total drauf! Wir haben auch einen Maritim-Deal, das Maritim ist ja eh weltoffen für alle, das weiß man ja (schallendes Gelächter), aber das brauchen wir nicht, wir gehen direkt in die Jugendherberge, wie das eben so an der Front ist.

 

Spielt Ihr denn angesichts Eures 20-jährigen Bandjubiläums eine Special-Show im Sommer?


Porky: Nee, das Album ist ja jetzt zwei Jahre alt und das neue kommt 2019 und damit dann auch wieder eine neue Epoche, deshalb spielen wir unsere alte Show, die aber immer ja auch ein bisschen Variation drin hat – wer Bock hat, kann die sich gern noch mal reinziehen.

 

Habt Ihr eigentlich ein Lieblingskostüm?

Kryptik Joe: Mein Lieblingskostüm ist der Handy-Smoking! Ein Smoking komplett aus Handys. Weil der so blinkt und leuchtet und wirklich Eindruck schindet. Geil!

 

Porky: Ich mag am liebsten nur kurze Hose und Turnschuhe. Ansonsten nackt. Das finde ich am besten.

 

Auf Eurem Blog war zu lesen, dass Ihr für „Niveau, Weshalb, Warum“ mehr Federn gelassen habt, als für die vorherigen Alben, was hat es damit auf sich?

Kryptik Joe: Weiß ich gar nicht, ich hab irgendwie für alle Alben Federn gelassen, ich fand das eigentlich ganz witzig, wer hat denn das gesagt?

Porky: Ich wahrscheinlich.

 

Ferris: Das habt Ihr geschrieben!



Es war tatsächlich nicht auszumachen, von wem das nun kam.

 

Porky: Hatte wahrscheinlich auch mit dem biochemischen Zustand des Tages zu tun.

 

Kryptik Joe: Ich fand das gar nicht so viel schwieriger. Es ist ja immer schwierig, gerade zum Ende hin, bis zur Deadline, wenn man da noch mal liefern muss und dann fehlt noch die eine Nummer oder das muss noch umgesetzt werden und dann wird man immer schneller und ist immer länger im Studio und dann wird das natürlich anstrengend, aber das ist bei allen Alben so gewesen. Früher, also bei den ersten Alben, war das noch so, dass wir sehr viel nachts gearbeitet haben, das ist eigentlich überhaupt nicht mein Ding, habe ich jetzt festgestellt. Eigentlich bin ich froh, wenn ich so ab 20 Uhr einfach die Füße hochlegen und lesen oder irgendwas anderes machen kann.

 

 

Ihr habt letztes Jahr ja auch auf der Anti-Pegida-Demo ein kostenloses Straßenkonzert gespielt – was macht Euch denn mehr Laune? Die kleinen Sachen oder doch die große Eskalation?

 

Artikelbild für Deichkind im Interview: "Wir drücken auf PLAY und gucken was kommt"
Redakteurin Kaddi Cutz beim Interview mit Deichkind
Kryptik Joe: Das hat beides was. So was Kleines wie heute hier in der Groovestation oder so was Spontanes wie auf dem Opernplatz, das hat sowas rock'n'rolliges, da kann man auch nicht wirklich planen, was man da konkret macht. Da ist viel improvisiert, wir drücken auf PLAY und gucken was kommt. Und die großen Bühnen, es ist natürlich Wahnsinn, wenn da so ein mega Publikum steht und so irrsinnig viele Leute einem zujubeln, das ist ein tolles Gefühl.

 

Ferris: Auf den großen Bühnen ist die Show viel durchgetakteter, weil da einfach noch ein viel längerer Rattenschwanz dran hängt. Da sind viel mehr Leute involviert, jeder muss auf den Punkt funktionieren. Bei so kleinen Dingen haben wir die Möglichkeit, auch einfach mal die Sau rauszulassen, ohne Rücksicht auf Verluste oder Fehler. Man kann einfach freestylen und Spaß haben.

 

Wobei die Show auf dem Theaterplatz aber auch sehr krass war.

 

Ferris: Wir habend das auch extrem gefeiert! Das Euphorielevel war genau so hoch, wie bei den großen Konzerten. Deswegen machen wir so kleine Dinge auch so gern, weil uns das ein mindestens, wenn nicht noch geileres Gefühl gibt.

 

Das Konzert auf dem Theaterplatz war ja auch ein ziemlich klares Statement gegen Ausgrenzung und Fremdenhass – inwieweit seht Ihr Euch als Band auch in der Verantwortung, Euch öffentlich zu positionieren?

Kryptik Joe: Wir sind ja auch schon zur Echo-Verleihung 2015 mit Refugees-Welcome-Pullovern aufgetreten und ich muss auch heute immer noch klar sagen, dass wir nach wie vor total dahinter stehen, hinter diesem Grundsatz, dass man Flüchtlinge, die in Not sind, aufnimmt. Da gibt es natürlich Diskussionen, wie man das macht, das ist aber auch eher Politik als das, was wir üben und wie wir das empfinden, wie unser Weltbild ist.

 

Ferris: Klar ist Deichkind eine klare Haltung, die setzt sich aber eben auch aus verschiedenen Individuen zusammen, der eine achtet da mehr auf sein Gefühl, der andere auf Fakten. 

 

Porky: Vereinfacht glaube ich, dass man einfach sagen kann zum Thema Verantwortung, dass man entweder Negativität in sich hat, oder eben Liebe. Da ist gerade viel Negativität unterwegs und dem versuchen wir uns entgegen zu stellen, auch wenn das heißt, ein bisschen enger zusammen zu rücken. Das ist ja noch lange nicht alles, schau mal nach Äthiophien, da sind Blutrosen, die du hier überall kaufen kannst, die Oromo werden vertrieben, 40 Millionen machen sich da bald auf den Weg. Und solange du hier an Valentinstag weiterhin deine Blumen konsumieren willst und sagst 'Ausländer raus', gehst aber danach Blumen kaufen, dann bist du halt einfach nur ein unreflektierter, negativer Scheißhaufen. Mehr bist du dann nicht.

 

Ihr wart ja nun schon öfter in Dresden, habt Ihr irgendeine nette Episode, die ihr mit der Stadt verbindet?

 

Porky (begeistert): Einmal habe ich mit meiner Frau geknutscht! Da hat sie mich besucht hier, wir sind spazieren gegangen und haben geknutscht und dann Pizza gegessen. Das war toll.

 

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