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02.05.2017 Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Die 8. Parade der Vielfalt - Für ein Dresden ohne Barrieren

Sind wir mal ehrlich, fällt das Wort „Barrierefreiheit“, denken viele nach wie vor an Rampen statt Treppen, verbreiterte Türen, geebnete Einstiege in Bus und Bahn – kurz: eine rollstuhlgerechte Umwelt. Dabei gestaltet sich ein barrierefreier Alltag je nach Handicap grundverschieden. Das Bewusstsein für die Bedürfnisse unterschiedlicher Handicaps ist in unserer Gesellschaft noch nicht allzu tief verwurzelt. Damit sich das ändert, gibt es seit 1992 den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Parade der Vielfalt
Die Parade der Vielfalt 2016

Am und um den 5. Mai herum finden dazu seit über zwei Jahrzehnten deutschlandweit zahlreiche Aktionstage statt, um auf die Situation von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen. In Dresden steht dazu der 5. Mai ganz im Zeichen der Parade der Vielfalt. Zum nunmehr 8. Mal organisieren und gestalten über zwei Dutzend örtliche Vereine, Initiativen und Institutionen gemeinsam mit dem Netzwerkverein Stadt AG und gefördert durch die Aktion Mensch einen bunten, musikalisch begleiteten Protestmarsch durch das Stadtzentrum. „Eingeladen ist jeder, der sich für die Sache interessiert. Natürlich gilt je mehr, desto besser“, so Annett Heinich von der Stadt AG. Sie gehört zu den zahlreichen Unterstützern, die das Event ehrenamtlich organisieren. 

 

Auch in ihrer 8. Auflage soll die Parade der Vielfalt unter Schirmherrschaft von Staatsministerin Eva-Maria Stange eine aufgeweckte und zugleich informative Veranstaltung sein: „Natürlich möchten wir, dass es für die Leute ein toller Tag wird, dass sie Spaß haben“, so Heinich. „Aber trotz allem darf auch nicht vergessen werden, dass wir aus einem ernsten Anlass zusammenkommen. Schlussendlich ist die Parade der Vielfalt ein Protestmarsch.“

 

Ein Protest, der viele betrifft: Zum Jahresende 2015 lebten laut Statistischem Bundesamt rund 400.000 Menschen in Sachsen mit einer Behinderung. In Dresden liegt der Anteil derer mit einem Handicap bei rund zehn Prozent. 

 

Provinzialität einer parallelen Welt

 

„Im Grunde ist es wie eine Parallelwelt, denn Barrieren sind in der Stadt allgegenwärtig, wobei jeder eine eigene Perspektive hat“, so Norbert Richter. Er ist in einem Unternehmen für sprachbarrierefreie Kommunikation tätig, unterstützt die Organisation der Parade und ist selbst gehörlos. Die Unterschiede der Perspektive beschreibt er so: „Beispielsweise der Öffentliche Nahverkehr: Bei Verkehrsstörungen gibt es an manchen Haltestellen nur eine Durchsage, keine visuelle Anzeige. Ich merke nur an der Reaktion der Leute, dass etwas nicht stimmt oder dass eben die Bahn einfach nicht kommt, dann klick ich mich durch mein Handy oder spreche jemanden an. Auf der anderen Seite sind Höhenunterschiede beim Einsteigen in Bus und Bahn für mich kein Problem.“ 

 

Auch die Verwechslung von barrierefrei und rollstuhlgerecht ist Richter nicht fremd. „Manchmal werden Veranstaltungen auch als barrierefrei beschrieben, aber vor Ort findet sich dann kein Gebärdendolmetscher, sondern nur eine Rampe.“ 

 

Im Umkehrschluss führt das Missverstehen aber nicht dazu, dass sich Annett Heinich in ihrem elektrischen Rollstuhl gänzlich ungehindert bewegen kann: „Ich merke immer häufiger, wie uns die Bauweise der 90er Jahre jetzt auf die Füße fällt. Die Gebäude sind zu neu, um sie umzubauen, aber in punkto mobiler Barrierefreiheit zu schlecht gebaut. Nicht zu reden von denkmalgeschützten Gebäuden!“ Häufig fehle schlicht die Nachhaltigkeit, die Bereitschaft weiterzudenken und „dass man mutig Entscheidungen trifft, die vielleicht teurer und aufwendiger, aber dafür in die Zukunft gerichtet sind.“ 

 

Es gibt also noch viel zu tun, auch wenn man das vermutlich immer sagen könne, meint Heinich schmunzelnd. Richter sieht das ähnlich. Im Vergleich zu 2007 werde schon verstärkt darauf geachtet, dass gerade öffentliche Veranstaltungen barrierefreier gestaltet werden. „Generell ist Dresden in dieser Beziehung aber eher noch Provinz. Da müssen wir noch ganz viel kämpfen, um viel zu erreichen.“ In den Metropolen Deutschlands sei man da schon weiter, so Richter.

 

Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht

 

Artikelbild für Die 8. Parade der Vielfalt - Für ein Dresden ohne Barrieren
Für mehr gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung wird am 5. Mai protestiert.
Doch nicht nur strukturell gilt es nachzubessern, auch zwischenmenschlich klafft zwischen Theorie und Praxis noch eine Lücke. „Menschen mit und ohne Behinderung haben in Deutschland einfach noch zu wenig miteinander zu tun. Zwar finden über 90 Prozent aller Deutschen, dass Inklusion wichtig ist. Aber nur rund ein Drittel der Menschen ohne Behinderung hat auch regelmäßig Kontakt. Das führt zu Unsicherheiten im Umgang“, so der Pressesprecher der Aktion Mensch Sascha Decker. 

 

Gerade weil Richters Handicap optisch nicht erkennbar ist, sprechen ihn Hörende ganz selbstverständlich an. „Typisch ist, sobald ich in Gebärdensprache antworte, dass die Person ins Grübeln kommt und dann abhaut“, berichtet er, dabei könne man sich durchaus auch mit Händen und Füßen oder Aufschreiben via Smartphone verständigen. Es fehle einfach an Bewusstsein dafür, dass es mehr als einen Weg der Kommunikation gibt. „Viele Deutsche haben schon noch Berührungsängste, internationale Touristen oder Ausländer lassen sich bereitwilliger auf das Wagnis Kommunikation mit mir ein“, lacht er. 

 

Für das diesjährige Filmfest – welches übrigens erstmals einige Programme komplett barrierefrei gestaltete – trieb Annett Heinich gemeinsam mit ihrem Mann in dem satirischen Videoclip „Mount Scheune“ den verklemmten Umgang auf die Spitze: denn die vermeintlich „Normalen“ verhalten sich hier gegenüber zwei Rolli-Fahrern reichlich unnormal. Sie sprechen übertrieben deutlich, formulieren ausschließlich kleinkindverständliche Aussagen und nutzen reichlich Gestik, um dem Gesagten noch mehr Nachdruck zu verleihen.

 

 

Das Video trieft vor Selbstironie, doch ein Nachgeschmack bleibt, denn die Frage „Wie benehme ich mich eigentlich selbst?“ bleibt dabei im Raum stehen. Aus der Luft gegriffen sind solche Situationen nämlich keineswegs: „Es hängt davon ab, wie selbstbewusst man wirkt und ob man sein Anliegen oder seine Meinung klar kommunizieren kann. Wer beides, warum auch immer, nicht so recht schafft, der erlebt das durchaus“, so Heinich. Es komme durchaus auch vor, dass ihre Begleitung stellvertretend für sie angesprochen werde. „Das ist kein böser Wille, sondern vor allem Unsicherheit. Man versucht das Unangenehme, weil Unbekannte zu vermeiden und wählt den scheinbar einfacheren Weg.“ Für sie liegt der Schlüssel für einen selbstverständlichen Umgang im gemeinsamen Miteinander, am besten und vor allem im Alltag. Auch dafür werden Heinich und Richter am 5. Mai wieder protestieren.                

 

+++ Die Parade der Vielfalt +++

 

Los gehts um 16 Uhr am Sächsischen Landtag. Der Protestmarsch führt über Theater-, Postplatz & Altmarkt zum Dr.-Külz-Ring, wo um 17.30 Uhr die Abschlussveranstaltung mit Infoständen und Unterhaltungsprogramm stattfindet.

Den genauen Ablaufplan findet ihr unter online. Sofern ihr noch nicht wisst, wie ihr den Nachmittag des 5. Mai sinnvoll gestalten könnt, dann kramt den Weltverbesserer in euch hervor, schließt euch der Parade der Vielfalt an und kämpft am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung für ebendiese. 

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