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Hoch die Flossen!

Meerjungfrauenschwimmen

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29.05.2017
Autor: Kaddi Cutz


Hach, was haben wir geschmachtet, als Arielle 1989 grazil durch den gleichnamigen Disney-Film schwamm und trotz der Warnungen von Krabbe Sebastian nur einen einzigen großen Wunsch hatte: ein Mensch zu sein. Da scheint es fast ein bisschen wie verkehrte Welt, dass Mädchen und sogar erwachsene Frauen sich heute genau das Gegenteil wünschen, nämlich als Meerjungfrau durch die Fluten zu ziehen. Unter anderem in Freital ist das möglich.

 

 Hoch die Flossen!
Einmal Meerjungfrau sein: um diesen Traum wahr werden zu lassen, braucht man die eigene Stimme noch nicht mal mehr einer schlecht frisierten, purpurnen Meerhexe in den Rachen zu werfen – es reicht völlig aus, einen Mermaiding-Kurs bei Sabine Schönborn zu buchen. Die ist weder lila, noch führt sie Böses im Schilde: Die dreifache Mutter arbeitete früher als Krankenschwester in der Psychiatrie, bevor ein Burnout sie zu einer beruflichen Neufindung inspirierte – Als Schwimmtrainerin bot sie Babyschwimmen an und holte für das besondere Highlight Unterwasser-Fotograf Thomas Röher ins Boot. „Die Babys waren für die Shootings als Frösche, Kapitäne und Teddys verkleidet und es dauerte nicht lange, bis die älteren Geschwisterkinder ebenfalls Kostüme einforderten. Also habe ich mich auf die Suche gemacht und bin auf die Meerjungfrauenschwänze gestoßen. Und das ist – man kann es nicht anders sagen – eingeschlagen wie eine Bombe“, erzählt Schönborn, die inzwischen hauptberuflich als Meerjungfrau tätig ist. 

 

Die logische Konsequenz konnte natürlich nur sein, mit diesen Flossen auch schwimmen zu lernen, weshalb Schönborn ein umfangreiches Kursprogramm ausarbeitete, mit dem sie im März 2014 in Bad Lausick an den Start ging. Über mangelnde Resonanz konnte sie sich von Anfang an nicht beklagen und was als Ich-AG begann, ist inzwischen Deutschlands größte Meerjungfrauen-Schwimmschule mit derzeit 34 Bädern – Tendenz steigend. Was bei Arielle aber ganz easy buchstäblich aus der Hüfte zu kommen schien, ist tatsächlich harte Arbeit: „Das wird tatsächlich oft belächelt, ist in Wahrheit aber ein wahnsinniger Ausdauersport mit einem Workout für den ganzen Körper, den man bei dieser Art des Schwimmens auch völlig neu und anders kennenlernt“, erzählt die Mermaiding-Expertin. Es gibt, so sagt sie, inzwischen eine ganze Reihe von begeisterten Fans dieser Sportart, die pro Woche zwei- bis dreimal mit der Flosse trainieren und dabei auch an ein ganz anderes Limit gehen: „Da finden dann auch Elemente wie Freediving und Apnoe Eingang ins Training, das macht riesigen Spaß, wenn man das richtig beherrscht.“ 

Keine Frage des Geschlechts

 

Übrigens sind es längst nicht nur kleine Mädchen und Frauen, die in die schillernden bunten Flossen schlüpfen, um anmutig durchs Wasser zu ziehen, auch Männer finden zunehmend Gefallen daran, weiß Schönborn zu berichten. „Da steht natürlich vor allem der sportliche Aspekt im Vordergrund, manche haben aber auch einfach Bock auf Verkleidung – so ein bisschen wie beim Cosplay.“ Ihr eigener Partner ist ebenfalls begeisterter Meermann und dem Sport verfallen. 

 

Das Alter der Teilnehmer weist ebenfalls eine beachtliche Bandbreite auf: 77 Lenze zählte der bisher älteste Teilnehmer, die Kids dürfen ab 6 starten – vorausgesetzt, sie können bereits gut schwimmen. „Bronze ist schon besser als nur das Seepferdchen, denn vereinfacht gesagt, bindet man den Kindern die Füße zusammen und hängt ein Gewicht dran“, fasst die Profi-Nixe zusammen. Angst vorm unfreiwilligen Abtauchen muss aber dennoch niemand haben: Die meisten Kursleiter sind ausgebildete Rettungsschwimmer, alle haben aber mindestens den Silbernen Rettungsschwimmer. Das allein reicht aber nicht, wenn man in Schönborns Team mitschwimmen möchte: „Alle meine Kursleiter sind auch fit im Schminken, Blumenschmuck basteln und fotografieren.“ Diese Skills braucht man vor allem für die Exklusivworkshops, die auch das Basteln von Haarschmuck und ein Unterwasser-Shooting mit stilechtem Meerjungfrauen-Makeup beinhalten. So eine richtige Nixe will eben auch schillern, strahlen und schön aussehen. 

Für die Jungs ist das oft zu viel des Guten. Auch wenn der Sport viel Spaß bringt, möchte man sich als cooler Typ natürlich eher ungern von den Kumpels in der Schule für sein „Mädchenhobby“ verspotten lassen. Schönborn bastelt aber auch da schon an einer Lösung und entwickelt gerade gemeinsam mit einem Experten Haiflossen für den jungenhaften Coolness-Faktor im Becken. 

 

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Wenn Ihr Euch nun selber in die Fluten stürzen wollt, könnt Ihr das zwar bislang nicht in Dresden, immerhin jedoch im Freizeitbad Hains in Freital tun und ausprobieren, wie schweißtreibend sich diese fancy Sportart tatsächlich gestaltet. Flossen werden im Kurs zur Verfügung gestellt, wer sich vom Meerjungfrauen-Fieber anstecken lässt, kann aber ab 100€ aufwärts auch eine eigene Flosse in der Lieblingsfarbe erwerben und vielleicht auch schon beim 1. großen Sächsischen Meerjungfrauen-Treffen am 2. September dabei sein und sich in sportlichen Wettkämpfen gegen die beflosste Konkurrenz aus Mecklenburg-Vorpommern und Bayern beweisen. 

 

Traumerfüllungen

 

Klingt alles ziemlich spaßig, sodass Schönborn sicher auch die eine oder andere lustige Anekdote aus dem Ärmel schütteln kann: „Lustige Momente gibt es natürlich viele, viel mehr in Erinnerung bleiben mir aber die leiseren. Vor einer Weile wurde ich nach einem Kurs von zwei achtjährigen Mädchen von beiden Seiten umarmt und von beiden kam nahezu synchron ‚du hast uns heute unseren größten Traum erfüllt‘. Das war toll und ist genau der Grund, warum ich all das mache. Leider gibt es aber auch sehr traurige Momente. Kürzlich habe ich mich nach dem Kurs noch mit einer der Mütter unterhalten und sie zum Event im September eingeladen. Sie sagte darauf, dass sie das nicht mehr erleben werde. Sie ist schwer krank und der Kurs ist für sie eine Möglichkeit, die verbleibende Zeit mit ihren beiden Kindern noch mit ein paar unvergesslichen und schönen Momenten zu füllen. Sowas ist unfassbar traurig – ich bin mit ihr inzwischen in engem Kontakt und versuche was geht, um für sie und die Kinder eine schöne Zeit zu ermöglichen.“



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