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30.04.2016 Freital und die Counter Speech Tour

Interview mit Smudo

Autor Kaddi Cutz

„Laut gegen Nazis“ schickt Künstler auf die Counter Speech Tour – mit einer riesigen Sause soll in sechs Städten ein eindeutiges Zeichen gegen Rassismus und für Toleranz gesetzt werden. Auch Freital ist dabei – und Smudo! Wir sprachen mit ihm über das Projekt und sein eigenes Engagement gegen Rechts.   

Interview mit Smudo
Einer der Fantastischen Vier

Du engagierst dich ja schon seit diversen Jahren mit den Fantas für „Laut gegen Nazis“. Warum gerade dafür und was ist der Hintergrund der Counter Speech Tour?

 

Was mir an „Laut gegen Nazis“ gut gefällt, ist, dass deren Arbeit eine sehr kontinuierliche ist. Der Kampf gegen Rechts ist wie die jährliche Impfung, das muss man regelmäßig machen und das ist keine konjunkturelle Geschichte. Ich finde es ganz schlimm, wie en vogue es mittlerweile ist, Grenzen zur Gewalt, auch der verbalen, zu überschreiten und wie sehr in die Mitte der Gesellschaft diese undemokratische und unhumanitäre Haltung gerückt ist. Laut gegen Nazis unterstützt schon seit vielen Jahren quasi als 

Dachinstitution immer die lokalen Inititativen vor Ort, im sächsischen Raum ist das z.B. „Dresden Nazifrei“. Mit denen haben wir auch schon immer viel rund um die Gedenktage zur Bombardierung Dresdens Aktionen gemacht, als das Dresdner Rathaus es zugelassen hat, dass Dresden Mitte der 2000er Jahre zu Europas größter Nazi-Messe geworden ist. Die Counter Speech Tour will jetzt die Debatte zwischen den rechten und linken Rednern aus dem virtuellen Raum rausnehmen und in den öffentlichen Raum rücken. Vor Flüchtlingsheimen werden Bühnen aufgebaut und Begegnungsstätten geschaffen.

 

Aber in Freital fand der Bürgermeister diese Aktion ja gar nicht so sinnvoll?

 

Ja, man kann sich ja auch mal geirrt haben, das finde ich völlig in Ordnung. Ich kann das inhaltlich auch verstehen, wenn der Oberbürgermeister an dieser Stelle feststellt: Ich hab jetzt mal die Schnauze voll, wir sind in Freital nicht alle Nazis.

 

Das wäre aber zumindest eine gute Möglichkeit gewesen, genau das auch mal zu zeigen?

 

Absolut. Es war politisch schon sehr unklug, dass nun so herum zu machen. Aber es findet ja nun statt und ich freu mich sehr darauf, Freital mal mit eigenen Augen zu sehen und mich davon zu überzeugen, was der Oberbürgermeister da behauptet – nämlich dass das nicht so ist. Das wäre ja schön. 

 

Wie sind denn deine Erfahrungen mit solchen Veranstaltungen bisher? Findet da ein Dialog statt?

 

Das kann ich dir nicht sagen. So etwas, wie die da jetzt mit der Counter Speech Tour abfeiern wollen, erlebe ich zum ersten Mal. Vor sieben Jahren war ich in Dresden zum Gedenk-Spektakel, 20.000 Demonstranten auf beiden Seiten, flankiert von Hundertschaften der Polizei, Hubschrauber über der Stadt; sehr spektakulär. Da kann man nicht sagen, dass es einen Dialog zwischen rechts und links gab (lacht). Aber immerhin: Es gab eine Bühne, es waren Bundespolitiker anwesend – das hat große Kreise gezogen und ich denke auch, dass damit im Dresdner Rathaus endlich mal ein Aufwachen stattgefunden hat. Ich war früher zum Beispiel viel in der Sächsischen Schweiz zum Autorennen am Lausitzring und habe da in ziemlich abgelegenen, kleinen Etablissements übernachtet. Da konnte ich mit eigenen Augen sehen, und auch nachvollziehen, dass man sich dort als Jugendlicher von der Politik und auch von Deutschland wirklich im Stich gelassen fühlen kann. Da ist NICHTS los auf der Straße und ich kann gut verstehen, dass sich dann so ein Anspruchsdenken entwickelt und man sich fragt: Warum kriegen alle was ab, nur ich nicht? Wenn das in einer gewissen Menge passiert, führt das zu einer Haltung, die auch ins alltägliche Leben getragen wird und dann wird es schwierig, im öffentlichen Raum eine liberale Meinung zu vertreten. Mein persönlicher Beitrag ist der, eine private Inititative wie „Laut gegen Nazis“ zu unterstützen, die mit dieser Aktion in diesem öffentlichen Raum zum Dialog aufrufen und den lokalen, liberalen Initiativen zu einer Plattform verhelfen. Ich möchte diese Veranstaltung mit meinem Namen und meinem Handeln unterstützen. Es muss klar sein, dass friedliche Meinungsäußerung ok ist. Gewaltfrei! 

 

Wo siehst du deine Verantwortung als Künstler, auch eine politische Haltung offen zu vertreten?

 

In der Regel nehmen die meisten mir bekannten Musiker immer wieder ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr. Es sind eher unrühmliche Ausnahmen, die sich in solch turbulenten Zeiten wie heute bedeckt halten. Dass wir als Fantas aber für eine offene Meinung und für eine liberale Haltung stehen, ist irgendwie auch logisch. Ich fände es gut, wenn das andere Bands machen würden, die man vielleicht eher zwielichtig betrachtet. Ich fand es sehr schade, dass Frei.Wild, die sich ja schon öffentlich gegen rechts geäußert haben, die Plattform Echo nicht für ein klares Statement genutzt haben. Sie hätten stolz den Echo nehmen und sagen können: ,Danke, ihr habt euch geirrt und ihn uns jetzt gegeben, und zwar zu Recht; wir finden nämlich dies und jenes gut und problematisch, und Nazis raus.‘ Dort müsste man mehr Mut und etwas weniger Eitelkeit verlangen.  

 

Es ist ja heute schon fast salonfähig, auch deutlich rechte Meinungen öffentlich zu äußern – wie kommt das?

 

Angesichts so einer Herausforderung, wie wir sie gerade haben, sind Ängste vorhanden, und da reagiert man eben oft auch einfach irrational. Das Häschen sieht die Schlange und bleibt starr stehen, obwohl es bestimmt bessere Optionen hätte. Das ist dann eine eher negierende Haltung: ,Das Problem muss weg! Flüchtlinge, Ausländer müssen weg!‘ Und dann werden Gefühle, die man zu gesellschaftlichen Problemen hat, die einen selbst betreffen, oder vor denen man Angst hat, da mit reingebracht, obwohl das unsachlich ist. Und das koppelt sich dann mit den Möglichkeiten, die wir heute haben. Vor zehn Jahren konnte, salopp gesagt, die besoffene Glatze einfach kein Handy bedienen und bei Twitter etwas posten, weil er entweder das Handy, das Know-How oder das Einkommen nicht hatte. Jetzt kann er das alles machen. Wir als Sozialliberale, zu denen ich gehöre, müssen vielleicht einsehen, dass es eine romantische Vorstellung ist, dass es automatisch zu guten Ergebnissen kommt, wenn sich wirklich alle an einer öffentlichen Debatte beteiligen. Dadurch sind einfach unheimlich viele radikale und fundamentale Meinungen im Netz, die den Angstvollen Mut machen und eine Sogwirkung entfalten. Das was wir da gerade erleben – Informationsrevolution katalysiert mit Flüchtlingsproblematik – ist eine teuflische chemische Reaktion. Ich kann nur hoffen, dass wir daraus alle lernen. 

 

Rechnet Ihr mit einer Aktion von Rechts gegen die Counter Speech Tour?

 

Ich könnte mir schon vorstellen, dass es da eine Art Zeichen geben wird, so im Sinne von „Wir sind auch da und beobachten euch“. Ich fände es gut, wenn es irgendeine Art konstruktiver Beteiligung gäbe, aber da müssen wir uns wohl überraschen lassen.

 

Info: 2. Mai, ab 17 Uhr, Platz des Friedens, Freital lautgegennazis.de

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