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Kultur

21.01.2018 „Wenn man von allen geliebt wird, hat man auch irgendwo was falsch gemacht”

Kettcar im Interview über den Sommer '89 und alternde Punks

Autor Kaddi Cutz

Kettcar im Interview über den Sommer '89 und alternde Punks
Lange Zeit war es ruhig um Kettcar – nun sind die Hamburger Rocker wieder am Start und mit ihrer neuen Platte „Ich vs. Wir“ auf Tour. Wir haben mit Gitarrist Erik über das aktuelle Album, den Sommer ‘89 und alternde Punks gesprochen.    

 

Zwischen den letzten beiden Alben liegen fünf Jahre. Was ist in der Zwischenzeit passiert und was ist Kettcar 2017?

Unser Sänger hat eine Solo-Platte gemacht, unter anderem aus dem Gefühl heraus, das wir auch alle mit ihm geteilt haben: Dass 2013, nachdem wir unsere letzte Platte betourt hatten, bei uns so ein bisschen die Luft raus war. Nach elf Jahren Band war es dann einfach mal Zeit für eine Pause. Marcus hatte eine musikalische Vision, von der er dachte, dass er diese lieber allein durchziehen will. Letztendlich war das auch für die Band total gut. Er hat dann eben die Platte gemacht und ist damit auf Tour gegangen, und wir anderen haben unser Leben weitergelebt. Unser Keyboarder Lars hat zum Beispiel eine Fischräucherei außerhalb von Hamburg, auf die er sich dann wieder mehr konzentriert hat. Unser Schlagzeuger hat Schlagzeugunterricht gegeben, Reimer ist ja sowieso auch Teil unseres Plattenlabels Grand Hotel van Cleef.Und ich habe Gitarrenunterricht gegeben und vor allem selber auch genommen. Wir sind ja alles mehr die DIY-Typen, die sich das, was sie machen, mehr oder weniger selbst beigebracht haben. Es war dann auch mal ganz spannend für mich, rauszufinden, was genau ich da eigentlich mache (lacht).

 

Aber fünf Jahre sind ja schon eine lange Zeit ...

Naja, wir sind generell nicht die schnellste Band, wenn es darum geht, ein neues Album zu machen. Das liegt auch daran, dass der Fokus bei uns sehr auf den Texten liegt, die vor allem Marcus und Reimer schreiben. Das nimmt einfach auch Zeit in Anspruch.

 

War für euch eigentlich klar, dass es nach Marcus’ Soloausflug auch wieder eine Kettcar-Platte geben wird?

Ob es mit Kettcar als Band weitergeht, war nicht hundertprozentig klar. Nur, dass wir eine längere Pause machen, und da weißt du eben nie genau, was passiert. Im Grunde ähnlich wie in einer Beziehung, wo eine Pause aber ja meist eher den Anfang vom Ende einläutet, muss man sich als Band erst wieder finden.

Der Schlüssel ist glaube ich, dass man miteinander redet. Genau das haben wir gemacht. Wir hatten tatsächlich dann ziemlich schnell einen Plan, was wir machen wollen, nämlich ein politisches Album, das auch unsere außergewöhnlichen politischen Zeiten reflektiert. Wir hatten natürlich auch vorher immer schon politische Stücke auf unseren Alben, jetzt ist das aber noch sehr viel fokussierter.

 

Euer aktuelles Album ist das politischste, das ihr bisher gemacht habt – erreicht ihr damit tatsächlich auch die Leute, die über die Inhalte der Texte eigentlich mal nachdenken sollten?

Naja, es ist ja nun reichlich Zeit vergangen. Jetzt steht die Tour an, die sich mehr und mehr ausverkauft. Das läuft echt ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass wir eine ganze Weile weg waren. Das ist eben die Frage, ob das jetzt nur die Leute sind, die Kettcar immer schon gut fanden oder die wir 2008 mit unserer Platte abgeholt haben ... Oder ob da eben auch neue Leute dazu gekommen sind, die sich von den neuen Songs ange- sprochen fühlen. Generell ist es für eine Band wie uns aber auch schwierig, die „breite Masse“ zu erreichen, denn wir finden nun mal nicht im Mainstream-Radio statt und auch nicht in der BILD-Zeitung. Das ist aber auch gut so.

 

Muss man heute in Medien wie der BILD stattfinden, um erfolgeich zu sein?

Ich denke nicht. Als wir angefangen haben mit der Band, war Musikfernsehen in Deutschland noch wahnsinnig wichtig, da sind wir aber auch nicht aufgetaucht und trotzdem gibt’s uns noch. Das ist ja auch bei anderen Bands so, die nie großartig im Radio laufen, bei denen aber die Menschen trotzdem zu Konzerten kommen. Das sind einfach auch unterschiedliche Konzepte. Es gibt ja durchaus auch Bands, die sehr radiotaugliche Sachen machen, aber dann in den deutlich kleineren Hallen spielen. Wir sind und waren schon immer eine Live-Band, das wollten wir auch immer sein. 

 

Euer Album heißt „Ich vs. Wir“ – wer ist denn da eigentlich wer?

Das hat so ein bisschen den Hintergrund, dass wenn man sich heute so umschaut, wie die Leute drauf sind, sich zwangsläufig die Frage aufwirft: Mit wem will man eigentlich noch was zu tun haben? Mit wem will man versuchen, an einer besseren Welt zu arbeiten, wenn man gleichzeitig das Gefühl hat, dass es immer schwieriger wird? Es geht ja immer mehr in die Richtung: Alle gegen Alle. Und zwar egal, ob man dabei jetzt an PEGIDA oder an Donald Trump denkt. Oder an den Brexit. Wo ist da denn eigentlich noch das „Wir“, mit dem ich mich identifizieren kann? Das ist so einer der Hauptgedanken hinter dem Albumtitel.

 

Mit so einem deutlichen Statement lockt man doch sicher auch die Spezies an die Tastatur, die im Kosmos Soziales Netzwerk dann genau darüber zu wettern beginnt.

Absolut, da haben wir natürlich auch einiges von abbekommen. Ist natürlich immer die Frage, wie man damit umgeht und wie sehr einen das überhaupt interessiert. Uns interessiert das natürlich schon ein Stück weit, wir lesen uns aber auch nicht jeden Kommentar durch, der bei Facebook oder YouTube gepostet wird. Unser Manager ist sehr social-media-affin und hat das alles ganz gut im Blick. Wenn da jetzt irgendwas krass Beleidigendes geschrieben wird, dann greift er da auch durch. Wenn jemand einfach nur rummosert, dass er die Platte scheiße findet, weil die ihm zu politisch ist, dann ist das eben so. Wenn man von allen geliebt wird, hat man auch irgendwo was falsch gemacht.

 

Infos: Live erleben könnt ihr Kettcar mit ihrem aktuellen Album „Ich vs. Wir” am 30. Januar 2018 im Alten Theater in Magdeburg, am 31. Januar 2018 im Alten Schlachthof in Dresden, am 1. Februar 2018 im Haus Auensee in Leipzig und am 10. Februar 2018 in der Columbiahalle in Berlin. Tickets gibt’s ab ca. 34€ bei allen bekannten VVK-Stellen oder unter eventim.de

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