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Kultur

22.02.2017 Die Seele zur Ader lassen

Lemur im Interview: "Ich will mir gestatten, über alles zu schreiben…"

Autor Kaddi Cutz

Schon 2014 begeisterte der Wahl-Berliner Rapper Lemur, ehemals bekannt als Herr von Grau, mit seinem Debut „Geräusche“, ehe er im letzten Jahr mit der gemeinsamen EP „Provisorium“ mit Marten McFly nachlegte. Im Februar kommt Lemur mit frischem Futter in die Groovestation, sein neues Album „Die Rache der Tiere“ im Gepäck. Wir sprachen mit ihm über die neue Platte, sich wundernde Affen und seine Auto-Tune-Allergie.

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Lemur: "Ich will mir gestatten, über alles zu schreiben… "

 

Das neue Jahr ist noch jung, viele sind froh, dass 2016 endlich vorbei ist – wie ist dein Resümee zum letzten Jahr und wie war dein Start ins neue?

Das letzte Jahr war tatsächlich voll mit Arbeit an der neuen Platte, was sich am Ende dann auch ein bisschen schwierig gestaltet hat, weil mein Rechner gestreikt hat und es deshalb mit den Deadlines etwas problematisch wurde. Deswegen bin ich auch echt froh, dass es vorbei ist. Aber letztendlich hat dann ja doch noch alles geklappt und ich freue mich, dass wir jetzt ein neues Jahr haben, auch wenn ich erstmal schön mit Grippe hineingestartet bin.

 

„Die Rache der Tiere“ ist seit wenigen Tagen draußen. Was sind die großen Themen der Platte? Klingt ja schon so ein bisschen nach Abrechnung ...

Das Thema „Neuanfang“ schwebt so ein bisschen über allem, ansonsten ist das Album thematisch aber sehr vielfältig.

 

Ich frag dich jetzt mal nicht, wie du auf deinen „affigen“ Namen gekommen bist ...

Danke! (lacht)

 

... das Thema ist wohl langsam durch, ich hab aber die Tendenz beobachtet, dass du dir immer wieder mal andere Geschichten ausdenkst, wie der Name zustande gekommen ist.

Der Titelsong ist tatsächlich die finale Antwort auf die ständige Frage „Wieso denn nicht mehr Herr von Grau, ey, warum denn jetzt Lemur???!“ Und da ich das tatsächlich die ganze Zeit gefragt werde, dachte ich halt, gut, schreibe ich eben mal einen Song, wieso das passiert ist. Dass es nun ausgerechnet dieser Affe geworden ist, liegt aber einfach daran, dass Lemure sehr putzige Tiere sind. Die sehen die ganze Zeit aus, als würden sie sich wundern. Und genau so renne ich tatsächlich auch durch die Welt. 

 

Hast du einen Lieblingstrack oder kannst du das nach der Produktionsphase, die ja noch nicht so lange zurück liegt, sowieso gerade alles selber nicht mehr hören?

Das ist tatsächlich ganz cool bei dieser Platte: Ich kann die immer noch sehr gut hören, was mich denken lässt, dass sie ziemlich gut geworden ist (lacht). Was ich gerade aber echt am liebsten höre, ist das Feature mit Marten McFly, „Reinsteiger-Champions-League“, das ist so ein böser Kopfnicker mit einer extrem geilen Atmosphäre, den finde ich toll. Und ich mag die Line, mit der mein Part losgeht: „Ich bin unbestreitbar ein Meister des Reinsteigerns/geistiger Steinbeißer/so verdammt verkrampft/ich schneid mich am Weichzeichner“.

 

Was ist denn so die größte musikalische und persönliche Entwicklung gegenüber dem Vorgänger „Geräusche“ von 2014?

Das ganze Ding klingt ein bisschen offener, insgesamt positiver und nicht mehr ganz so verkopft. Zum ersten mal hab ich jetzt zwei Beat-Features mit dabei. Und es geht viel mehr nach vorne, da sind viel mehr potentielle Livetracks drauf. Ich hab mich auch raptechnisch seitdem sehr weiterentwickelt, da sind viele verschiedene Styles drauf, und es ist insgesamt schöner zu hören.

 

Apropos „schöner zu hören“: Hast du wieder so einen Ausreißer wie „Befehlskette“ drauf? Das war schon hart, wenngleich auch irgendwie lustig.

Ja, das fanden viele! (lacht). Deswegen ist der ja auch am Ende, damit man ihn nicht unbedingt hören muss. In dem Style ist aber tatsächlich auf dem neuen Album nichts dabei, Country Trash sucht man diesmal vergebens.

 

Du machst sehr bildhafte, oft auch lyrische Texte. Ganz oft haben die aber auch was sehr Düsteres – wie persönlich sind deine Texte und machst du dich damit nicht auch ziemlich angreifbar?

Das ist alles sehr persönlich und natürlich mache ich mich damit extrem angreifbar – allerdings auch nur, wenn ich das selber zulasse. Wer soll mich denn angreifen? Das gehört bei mir zum Schreiben mit dazu. Ich will mir da selber keine Klappe zwischenschalten, so von wegen: Bis hierhin und nicht weiter. Ich will mir gestatten, über alles zu schreiben, egal ob ich mich damit angreifbar mache oder nicht. Um mal das Intro zu zitieren („Geld“, Anm. Red.): „Wenn ich schon was erzähle, dann will ich auch meine Seele zur Ader lassen“. Für mich ist das auch ein Stück weit Selbsttherapie, auch wenn das ein irgendwie abgedroschenes Wort ist. Wenn ich über was schreiben will, dann mache ich das und mache mir darüber auch keinen Kopf.

 

Wie siehst du das aktuelle deutschsprachige Rapgeschehen?

Da bin ich gerade gar nicht so auf der Höhe, wenn ich Musik höre, ist das meistens ohne Rap. Ich hör ja mein eigenes Gequassel schon oft genug, wenn ich dann mal Mucke höre, ist das meistens gesanglos. Deswegen kann ich da gerade gar nicht viel zu sagen. Wenn, dann krieg ich mal bei Freunden was mit. Da fand ich in letzter Zeit einige Sachen ganz gut, andere weniger, da gibt’s aber jetzt nichts, was sich extrem eingeprägt hätte.

 

Ich hab ja das Gefühl, dass viele neuerdings in jedem Track meinen, ein regelrechtes Autotune-Feuerwerk abbrennen zu müssen. Sag mir bitte, dass das kein neuer Trend wird...

Ich glaub, das ist es schon. Das ist gerade total angesagt. Ich hab ne krasse Allergie auf Autotune, das kann ich mir nicht anhören.

 

Die EP mit Marten McFly, die Ihr vor ein paar Monaten rausgehauen habt, heißt Provisorium" – Ihr vertretet da die steile These, dass es letztlich auch die Provisorien sind, die am längsten halten. Was ist der Hintergrund hierzu?

Wir hingen bei unserem gemeinsamen Kumpel Marius rum, der als Beat-Produzent auch an Provisorium beteiligt ist und bei meinem Song „Sterben“ auf dem neuen Album mit dabei ist, und haben da getrunken und gefreestylet und dabei kam immer wieder diese eine Zeile „Nichts hält länger als ein Provisorium“. Uns war dann sehr schnell klar, dass das ein Track werden muss und irgendwie passt das auch sehr gut für unser gemeinsames Ding und wie wir so zusammenarbeiten. Marten steht halt extrem auf dieses Skizzenhafte und ich bin eher so der Typ, der Sachen überproduzieren möchte und die dann schnell mal verkopft werden. Deswegen passte Provisorium als Titel ziemlich gut.

 

Am 24. Februar spielst du in Dresden, hast du noch eine lustige Geschichte von deinem letzten Gig hier auf Lager?

 

Wir spielen in der GrooveStation und das haben wir auch letztes Mal schon gemacht – damals war ich sehr überrascht, als ich beim Reinkommen feststellte, dass ich den Laden offenbar schon kenne. Ich hab ja vorher schon zweimal in der Scheune gespielt und bei einem dieser beiden Auftritte sind wir anschließend mal zur Aftershow-Party in der GrooveStation eingefallen und völlig abgestürzt. Als ich dann beim ersten Lemur-Konzert in die GrooveStation kam, kam mir das alles seltsam bekannt vor, ich hatte aber nur noch so kurze Blitzlichter im Kopf, bis mir irgendwann klar wurde: „Krass, ich bin hier glaube ich irgendwann schon mal fast rausgeflogen“ (lacht). 

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