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Kultur

30.03.2017 Die Feder ist stärker als das Schwert

Megaloh im Interview: "Ich glaube nicht an Zufall"

Autor Kaddi Cutz

Megaloh gilt als die neue Hoffnung des deutschsprachigen Hip Hop – seine ehrlichen Texte, bildhafte Lyrik und ein – man kann es beim besten Willen nicht anders sagen – krasser Flow wissen zu begeistern. Außerdem ist er ein unfassbar sympathischer und offener Dude, der uns im Interview erhellende Momente en masse bescheren konnte. Im Wesentlichen geht es um Rap, dicke Hose und Geld – und wie sehr all das an Bedeutung verliert, wenn Herzensdinge wie Familie und eigene Überzeugungen dazu kommen.

 Megaloh im Interview: "Ich glaube nicht an Zufall"

Musikalisch hast du ja sehr breit gestreute Anknüpfungspunkte, hast auch viele Features auf dem neuen Album. In welcher Verbindung steht der Albumtitel mit dir selbst? 

Das ist quasi die Position, in die ich versuche selbst hineinzuwachsen, in den „Regenmacher“. Ich hab lange nach einem Titel gesucht, im Endeffekt hab ich dann die Zeile aus dem Song „Himmel berühren“, den ich schon hatte und in der ich sage: „Wenn ich groß bin, werde ich Regenmacher“ als die stimmigste Aussage erkannt, die in Richtung des Albums geführt hat. ‚Wenn ich groß bin‘ meint einerseits ‚Wenn ich erwachsen bin‘, kann aber genauso gut heißen ‚Wenn ich als Künstler erfolgreich bin‘. Und ich meine den Regenmacher aus den spirituellen Kulturen, wo dieser eine schamanische Figur, eine Art Wunderheiler ist, dem nachgesagt wird, dass er in Zeiten der Dürre den Regen bringt.

Aufgrund dessen genießt der Regenmacher ein großes Ansehen in der Gesellschaft, aber es lastet auch eine große Verantwortung auf seinen Schultern, weil alle anderen von ihm abhängig sind, es geht immerhin um etwas sehr Elementares, das Wasser. Das ist eine Metapher, die ich gewählt habe, um einerseits meine Position innerhalb meiner Familie, also meine Verantwortung zu definieren. Ich setze mich ja in meiner Musik auch immer mit Themen wie Scheitern, hart arbeiten und hohen Zielen auseinander, daher ist das vielleicht auch so eine Art Überstilisierung der Position, die ich gern ausfüllen möchte.

Und natürlich ist das ein Begriff, der nicht aus diesem Kulturkreis kommt. Ich meine damit also nicht die Anwälte, die ihren Kanzleien die dicken Fische an Land ziehen und Geld in die Kassen spülen, sondern ich hab mich auf den ursprünglichen Begriff bezogen, auch weil ich in mir selbst ja viele Kulturen vereine. Meine Mutter ist aus Nigeria, mein Vater Holländer – auch deshalb wollte ich etwas, das diese Mehrdeutigkeit zeigt, dass ich auch kein einfacher Künstler bin, sondern dass da sehr viele Facetten sind, inhaltlich und musikalisch. Das alles unter einen Hut zu kriegen war schwer und „Regenmacher“ hat sich als ein sehr gut passender und schöner Hut erwiesen.

 

 

Bist du denn seit dem letzten Album erwachsener geworden? Insgesamt klingt das ja schon reflektierter und geerdeter als noch in den Anfangszeiten, als öfter mal der Dicke-Hose-Style zum Zug kam. 

Voll! (lacht). Wobei der Reifeprozess schon vor „Endlich Unendlich“ begonnen hat, da war auch schon keine Dicke Hose mehr vorhanden. Der Bruch kam so um 2009 rum, als ich zwar mit dem eigenen Label viel gemacht habe, auch viele Features und alles, aber der Erfolg halt doch ausgeblieben ist. Da war ich soweit, das alles an den Nagel zu hängen. Und dann kam halt die Wende, mit der plötzlichen Verantwortung für eine Familie und die essenziellen Fragen, die ich mir dann gestellt habe, warum ich überhaupt Musik mache. Die Antworten, die ich darauf gefunden habe, haben dann diesen Reifeprozess in Gang gesetzt.

 

Und das hat dich dann umgestimmt? 

Umgestimmt hat mich vor allem, dass ich dann den Deal angeboten bekommen habe, der einzige Deal übrigens wohlgemerkt, den ich angeboten bekommen habe.

 

Der von Max Herre. Den du auf einem Elternabend getroffen hast?

Kennengelernt haben wir uns vorher schon mal, tatsächlich sind wir uns aber bei einem Elternabend nach langer Zeit das erste Mal wieder über den Weg gelaufen, ohne das vorher zu wissen. Wir haben also mal wieder gequatscht, natürlich auch über Musik. Kurz darauf hab ich dann einen Anruf bekommen, ob ich nicht auf der Single von Joy Denalane „Niemand“ dabei sein möchte und kurz darauf habe ich den Deal angeboten bekommen. So gesehen war also der Elternabend schon der Wendepunkt, aber Max Herre ist einfach auch jemand, der sein Ohr auf der Straße hat.

 

Also alles ein großer Zufall? Glaubst du an Schicksal?

Ich glaube nicht an Zufall, sondern an actio und reactio, auf alles was wir tun, kommt irgendwas zu uns zurück. Vieles erscheint uns wie Zufall und manchmal ist es vielleicht auch einer, aber wäre nicht in diesem Fall vorher schon mein Qualitätsanspruch an Rap der gewesen, der er war und hätte Max nicht auch vorher schon was darin gesehen und erkannt, dann wäre es halt einfach ein nettes Wiedersehen auf zu kleinen Stühlen im Klassenzimmer geworden – und kein Plattendeal.

 

Welchen Stellenwert hat Geld für dich?

Geld ist in erster Linie wichtig, um zu überleben, sich reproduzieren zu können und seiner Verantwortung gerecht werden zu können. Ein Leben zu haben, in dem man nicht jeden Tag darüber nachdenken muss, wie es morgen weitergeht, oder am Ende des Monats. Oder einfach nur die ganze Zeit Schulden abstottern muss. Ich hab auch Hartz-IV und alles schon durch, man fühlt sich einfach menschenunwürdig, schlecht.

Es macht sehr viel mit dem Selbstbewusstsein, wenn man kein Geld hat. Ich brauche Geld nicht, um damit anzugeben, sondern dafür, mir um Geld keine Sorgen machen zu müssen und einfach handeln zu können. Ich möchte handeln, reisen können, wann immer und wohin ich möchte und die Leute, die mir nahe stehen glücklich machen und in Sicherheit wissen. Und wenn es dann mal irgendwann richtig viel sein sollte – natürlich auch anderen Menschen in der Welt helfen können. Unser gesamter westlicher Wohlstand basiert auf früherer Ausbeutung und Kolonialisierung, wie sie auch heute immer noch vielfach stattfindet.

Ich will nicht der Reichste der Welt sein, das wird vermutlich auch nicht klappen, ohne wiederum andere auszubeuten. Ich will mir einfach nur um Geld keinen Kopf mehr machen müssen und das ist noch lange nicht der Punkt. Sonst würde ich diesen Lager-Job, den ich seit Jahren ausübe, auch sofort an den Nagel hängen.

 

Gerade dieser Tage zeigt sich ja sehr deutlich, wozu Worte imstande sind, was sie ausrichten, aber auch anrichten können. Wo siehst du dich da als Künstler?

Man sagt ja „Die Feder ist stärker als das Schwert“ – mit Worten kann man größeren Schaden anrichten als auf der physischen Ebene. Alles hat aber natürlich immer zwei Seiten und funktioniert genauso gut auch in die andere Richtung: Im gleichen Maße können Worte auch Wunder bewirken und tun das ja auch.

„Am Anfang war das Wort“ steht ja schon in der Bibel und auch generell wichtige Bücher und Texte, das ist schon eine sehr große Macht. In der Musik kommt dann außerdem noch die emotionale Komponente dazu, ein Lied hat totalen Zugriff auf die Emotionen, die man hat, wenn man es hört, wenn man traurig ist oder glücklich, das verstärkt und verändert auch. Da stecken große Kräfte dahinter und die Auseinandersetzung damit fasziniert mich extrem.

Und außerdem: Ich mag Wörter! Unheimlich! Ich hab als Kind schon wahnsinnig viel gelesen, ich mag Wörter, die nicht alltäglich sind, Dinge umschreiben, ihnen eine andere Facette und Tiefe mitgeben.

 

Gibt es Themen, die du meidest?

Ich finde es schwierig, sich als Musiker parteipolitisch zu positionieren oder sich rein auf politische Themen zu stützen. Meinung, Gesellschafts- und Sozialkritik: ja! Aber dieses Attribut „politisch“ ist für mich irgendwie mit so einer Herrschaftsagenda verbunden. Man sollte als Musiker über alles reden können, aber es ist immer noch Musik, die man da macht. Wenn man selber anfängt, wie ein Politiker zu reden, wird das schwierig.

Ich hab natürlich als Mensch und Musiker auch eine Verantwortung, weil mir eben viele Leute zuhören und ich nutze das auch, um bestimmte Dinge anzusprechen und zu zeigen, dass es auch andere Haltungen gibt. Aber das kann auch schnell mal platt und populistisch werden.

 

Du hast einen Track aus der Perspektive eines Geflüchteten gemacht, wie passt das da rein?

Das passt da tatsächlich ganz gut rein. Als das losging so 2013, 2014 mit den ersten Entwicklungen, hab ich schon mit Sorge betrachtet, wie die Leute darauf reagiert haben und wie das Verständnis in der Gesellschaft fehlt. Der Anspruch daran war, dass das Thema mich selber betrifft. Meine Mutter war früher auch eine Flüchtende, innerhalb Nigerias während des Bürgerkrieges, insofern bin ich dafür schon sensibilisiert, dass einfach niemand gerne flüchtet und sein Leben mal eben woanders hinbringt und dort wieder aufbauen muss. Zu hören, dass diese Menschen dann pauschal als Schmarotzer abgestempelt werden, hat mich sehr getroffen und so war mein Anliegen mit dem Song auch kein politisches Statement, sondern ich wollte aus der Ich-Perspektive heraus eine Geschichte erzählen, Verständnis für diese extreme Lage wecken – natürlich durchaus unter einem Thema, das einfach politisch ist.

 

Der zweite Teil der Tour steht an: Worauf freust du dich am meisten?

Darauf, wieder mit meinen Jungs zusammen die Bühnen zu rocken; das ist natürlich auch einfach ein willkommener Sonnenschein zu dem tristen Arbeitsalltag. Der erste Teil war schon für mich bisher die beste Tour überhaupt und ich freu mich sehr, dass es jetzt weiter geht.

Ich freu mich drauf, den Leuten neue Musik zu bringen und ihre Geschichten zu hören, ich rede immer viel mit den Leuten und nehme mir auch nach den Konzerten meist noch die Zeit, einfach zu quatschen und zu hören, was die Leute mit der Musik verbindet, was sie beschäftigt. Da gibt’s oft spannende Geschichten, die Menschen mit einem Lied erleben. Einfach das Teilen. Die Liebe zur Musik teilen. Darauf freue ich mich sehr.

 

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