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10.10.2017 Von Fröschen, Turmfalken & Kaffeemühlen

Mein Viertel: Cotta

„Cotta? Wo ist das denn?“ entfährt es auch heute noch so manchem Dresdner, der sich noch nie dorthin gewagt hat – schließlich ist es Zuhause am schönsten, oder? Selbst schuld, könnte man da sagen. Ein paar Kilometer südwestlich der pompösen Altstadt und durch den Elbstrom vom Neustadttrubel getrennt, liegt der gemütliche Stadtteil. Im Volksmund auch „Frosch-Cotte“ genannt, besticht Cotta vor allem durch liebevoll sanierte Gründerzeithäuser, die sogenannten „Kaffeemühlen“ und viel, viel Grün. Ein kleiner Rundgang durch ein vollkommen zu Unrecht unterschätztes Stadtviertel.   

Stadtviertel Cotta in Dresden
Cotta lädt zu Gemütlichkeit bei gutem Essen in schöner Umgebung ein.
Die Straßenbahn Nr. 12 bringt den neugierigen Besucher tief in den Dresdner Westen und direkt ins Cottaer Zentrum vor das altehrwürdige Rathaus, das um 1900 erbaut wurde. Weithin sichtbar ragt es mit seinem hohen Turm im auffälligen Stil der Neorenaissance aus dem Meer der klassischen zweigeschossigen Bauten der Gründerzeit und unauffälligen DDR-Zweckbauten heraus. Das im Rathausturm brütende Turmfalkenpärchen wird von der Cottaer Ortsamtsleiterin persönlich gehegt und gepflegt – die Vögel kommen seit Jahren immer wieder hierhin zurück, um dort ihre Jungen aufzuziehen. 

Direkt gegenüber dem Rathaus liegt ein kleines Einkaufszentrum mit bewegter Geschichte. Wo ursprünglich das DDR-Kinoprogramm im „Filmtheater West“ auf der Leinwand flimmerte, kann man heute in der Spielhalle „Zum Frosch“ an Spielautomaten daddeln oder sich, gemeinsam mit den Schülern des benachbarten Gymnasiums, eine Pizza holen. Überhaupt, Frösche. Die grünen Amphibien sind überall im Cottaer Stadtbild präsent, ob als Kneipen-Name oder in Form kleiner Steinfiguren am Rathaus. Die Verbindung von Frosch und Stadtteil reicht bis in die frühen Gründerzeiten, als das im Sumpfgebiet gelegene Dorf spöttisch „Frosch-Cotta“ genannt wurde. Die Bewohner machten sich den Spitznamen zu Eigen und betrachten ihn seitdem als Teil ihrer Identität. Mit der „Froschpost“ gibt es sogar eine eigene Stadtteilzeitung, herausgegeben vom Freundeskreis Cotta e.V. Den gelebten Lokalkolorit teilt sich „Frosch-Cotta“ mit dem benachbarten Löbtau, nach den ehemals weitläufigen Weideflächen auch „Kuh-Löbte“ genannt.

 

 Ein Ort voller Geschichten

 

Stadtviertel Cotta in Dresden
Nur noch wenige historische Gebäude erinnern an alte Zeiten.
Auf den ersten Blick sehen die umliegenden Häuser am Rathaus altehrwürdig aus, über das holprige Kopfsteinpflaster rumpeln Autos und LKWs. Aber der Schein trügt. „Viel ist von der ursprünglichen Bebauung Cottas gar nicht mehr übrig“, bedauert einer von Cottas Einwohnern, Uwe Hessel. Der Diplomingenieur für Verfahrenstechnik lebt seit den 1980ern im Dresdner Westen und kennt sich mit der Geschichte des Stadtteils bestens aus. Der Luftangriff 1945 hat einen guten Teil des historischen Dorfplatzes Altcottas in Schutt und Asche gelegt, erzählt Hessel, und zeigt auch gleich die Einschlagslöcher der Granatsplitter in den Gehwegplatten vor der Bushaltestelle „Altcotta“. Uwe Hessel kennt hier jeden Stein. Neben der jahrzehntealten Leidenschaft für Industrieverpackungen, die in einer umfassenden Sammlung alter Lebensmittelverpackungen gipfelt, engagiert er sich in der Arbeitsgemeinschaft Löbtauer Geschichte und beim Verein für die Geschichte der Industriekultur WIMAD e.V. 

Seine Heimatverbundenheit und ein großes Interesse an der Stadtteilgeschichte teilen hier viele. So gründete der Historiker Dr. Ulrich Müller mit dem Verein HausBoden e.V. ein kleines Erinnerungszentrum in dem 1890 erbauten Haus der Familie Boden – Müllers Vorfahren –  in der Gottfried-Keller-Straße 30. Er teilt seine Geschichten regelmäßig mit interessierten Besuchern und erklärt: „Das Projekt machen wir, weil wir meinen, dass das Haus und die Dinge ein eindrucksvolles Zeugnis des Lebens in Deutschland im 20. Jahrhundert sind und dass ein solcher Bestand unbedingt bewahrt werden muss.“ Ulrich Müller sieht das Haus als „Hinterlassenschaft einer ganz normalen Familie und  beispielhaft für uns alle und unsere Gesellschaft.“ Es soll dazu anregen, sich mit der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Werden und der Identität auseinanderzusetzen – in Müllers Augen mehr denn je notwendig, gerade über „Schlagworte und Klischees“ hinaus.

Idyll und Gartenfreunde

Weiter geht es Richtung Süden, vorbei an DDR-Relikten wie der riesigen, unsanierten Ruine der Reichsbahn-Wochenkrippe, in der Schichtdienst leistende Eltern ihre Kinder unterbrachten. Der Rathausanbau aus DDR-Zeiten hätte ebenfalls eine Generalüberholung nötig, was sich jedoch als schwierig gestaltetet – „Asbest“, sagt Uwe Hessel knapp. In Cotta gibt es noch einige Baulücken und unsanierte Häuser, aber der Trend geht zu schicken Neubauten und sanierten Altbauten für die vielen Familien, die sich hier niederlassen. An gefühlt jeder zweiten Ecke steht eine Kita und wo keine modernen Dreigeschosser hochgezogen werden, machen liebevoll gepflegte Kleingärtenanlagen namens „Idyll“ oder „Gartenfreunde II“ auf sich aufmerksam. 

Stadtviertel Cotta in Dresden
Für jeden Naturliebhaber bietet der Leutewitzer Park viel Raum für frische Luft und Entspannung bei Vogelgezwitscher.
Es ist recht einfach, sich in Cotta zu orientieren, und man lernt auch noch etwas über Geografie und Geschichte: Die in Ost-West-Richtung angelegten Straßen sind nämlich nach Dörfern in der Umgebung benannt, die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen heißen nach deutschen Dichtern. So gelangt man über die Leutewitzer- und Grillparzer Straße ins grüne Herzstück des Stadtteils, den Leutewitzer Park. Auf Kriegstrümmern angelegt, ist er heute Dreh- und Angelpunkt der Cottaer Freiluftfreunde. Im Sommer picknicken hier junge Familien, Hundebesitzer drehen ihre Runden, Drachen flattern im Herbstwind und im Winter verwandeln sich die abschüssigen Wiesen in ein Paradies für kleine und große Schlittenfahrer. Direkt neben dem Park hat man vom Gelände der Sportstätte „Leutewitzer Park“ aus einen hervorragenden Blick auf Dresden – bei gutem Wetter schweift der Blick über Radebeul, über die Yenidze bis zur Frauenkirche. Neben dem Park lädt die Leutewitzer Windmühle zum Essen ein, die Gastronomie ist italienisch, der dazugehörige Minigolfplatz leicht angejährt, aber immer noch ungebrochen beliebt.

Kalter Hund bei Oma

Und schon geht es bergab, die Gottfried-Keller-Straße entlang und nach einem kurzen Schlenker durch Briesnitz wieder nach Cotta hinein – diesmal aus westlicher Seite. Wer vom langen Spaziergang Hunger bekommen hat, dem sei ein Besuch der Traditionsgaststätte „Oma und Opa“ auf der Cossebauder Straße empfohlen. Hier sind die Portionen gigantisch und das Ambiente tatsächlich wie bei Oma im Wohnzimmer. Über den alten Schwarzweiß-Fernseher flimmern Heimatschinken, Pittiplatsch sitzt auf der Sofalehne und zum Nachtisch gibt es Kalten Hund. Gut gestärkt geht es nun hinunter Richtung Elbe. Cotta hat zwei Bootshäuser an der Weißeritz-Einmündung, ein paar Schritte weiter kann man bei Niedrigwasser die sogenannten Cottaer Hungersteine sehen. Sie wurden im 16. Jahrhundert platziert, um an von Trockenzeiten verursachte Hungersnöte zu erinnern. Der mittlere Feldstein trägt die Jahreszahl 1630, und auch hier finden sich schnell gesprächsbereite Einwohner, die ihre eigenen Anekdoten und Eindrücke zum Besten geben. Es ist leicht, mit Alteingesessenen ins Gespräch zu kommen und alle haben Geschichten zu erzählen, über ihre Kindheit in Cotta oder über den Wandel, den sie über die Jahrzehnte im Stadtteil beobachten.

 

Traditionsbäckerei stolz ihren zertifizierten Dresdner Christstollen an, sonntags bildet sich regelmäßig eine lange Schlange von Anwohnern, die frische Backwaren zum Frühstück holen. Auch die weniger anschaulichen Ecken gehören zum Viertel dazu und geben der Szene etwas unverfälscht Urtümliches: Der „Asia Imbiss & Döner Kebab“ ist weder für asiatische noch türkische Köstlichkeiten berühmt, dafür aber für billiges Bier bis spät in den Abend, das lockt sogar Kunden aus dem benachbarten Gorbitz an. Nicht lange, nachdem die Sonne untergegangen ist, wird es langsam ruhiger. Sehr ruhig sogar, das Viertel schläft. Es ist einfach herrlich gemütlich in Cotta, dort, wo sich Frosch und Kuh gute Nacht sagen.

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