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26.05.2017 "Weltoffenheit, Toleranz, Verständnis und Internationalität gehören zu unseren Grundwerten."

7 Fragen an Gewandhausdirektor Andreas Schulz

7 Fragen an Gewandhausdirektor Andreas Schulz
In der Saison 2017/18 feiert das Gewandhausorchester seinen 275. Geburtstag.
 

Das Leipziger Gewandhausorchester feiert in der Saison 2017/18 seinen 275. Geburtstag und ist damit das älteste bürgerliche, deutsche Orchester. Seit 1998 ist Prof. Andreas Schulz Gewandhausdirektor und damit für das künstlerische Management des Gewandhauses und des Orchesters zuständig. Wir haben mit ihm über politische Positionierungen und Veränderungen gesprochen

 

 

 1.  275 Jahre Gewandhausorchester ist schon eine beachtliche Zeit. Was hat sich denn in den letzten 19 Jahren verändert, seitdem Sie Gewandhausdirektor sind?

 

Es hat sich sehr vieles verändert. Die Stadt unterstützt uns in jeder Hinsicht vorbildlich, aber dennoch verändern sich Rahmenbedingungen. Seit einigen Jahren werden langfristige Finanzierungsvereinbarungen mit der Stadt geschlossen, was uns eine große planerische Sicherheit gibt. Zuletzt haben wir sehr darum gekämpft, den vollen Ausgleich der Tarifsteigerungen durch die Stadt zu bekommen, was auch funktioniert hat. Weiterhin haben wir 2005 den Sponsors Club gegründet, um unsere vielen zusätzlichen künstlerischen Projekte finanzieren zu können. Ich bin stets dankbar für die Unterstützung der Stadt, aber, wenn wir mehr in den Bereichen Musikvermittlung, Mendelssohn-Orchesterakademie, Chorsinfonik, besondere Solisten, Auftragswerke und Tourneen realisieren wollen, dann müssen wir zusätzliche Drittmittel generieren. Das können Spenden durch unseren Freundeskreis oder  Unterstützung durch Sponsoren sein. Das Thema Drittmittelgewinnung ist seit vielen Jahren immer umfangreicher geworden. Ich bin dankbar, dass wir mit Herbert Blomstedt (1998-2005) und Riccardo Chailly (2005-2016) sehr gute Gewandhauskapellmeister hatten und nun schauen wir mit Freude auf Andris Nelsons, der 2018 das Amt als 21. Gewandhauskapellmeister übernimmt.

 

Es hat sich auch vieles am Haus verändert, von der Dachsanierung, dem Brandschutz und der Erneuerung der Sitze im Großen Saal bis hin zur Umgestaltung vieler Büroräume. Wir haben 2003 damit begonnen, ein kontinuierliches Musikvermittlungsprogramm anzubieten und haben dafür 2006 eine eigene Abteilung  gegründet, die heute unter dem Namen „Impuls“ bekannt ist; außerdem haben wir vor 11 Jahren gemeinsam mit der Leipziger Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ eine Orchesterakademie gegründet. Wir haben mehr Abonnenten als vor 19 Jahren, ein komplett anders aufgestelltes Marketing sowie einen professionellen Vertrieb, der sehr gezielt auf die einzelnen Konzertbesucher eingeht. Dafür haben wir in den vergangenen Jahren zahlreiche nationale Preise gewonnen. Wir haben 2011 ein sehr erfolgreiches "Gustav-Mahler-Festival" veranstaltet und haben zahlreiche neue Formate im Spielplan umgesetzt. Zudem betreiben wir sehr intensiv Personalentwicklung.

Es haben sich noch viel mehr Dinge verändert, die ich hier nicht alle aufzählen kann. Aber es ist auch "normal", dass sich ein Orchester sowie ein Konzerthaus, die im internationalen Wettbewerb stehen, verändern. Oft ist es eine Herausforderung, vielleicht der Erste zu sein; manches Mal ist es auch besser, zunächst Veränderungen zu beobachten und dann den richtigen Weg für die eigene Institution zu finden. Ich bin sehr dankbar, dass dies so gut mit einem wirklich professionellen und höchst kreativen Team gelingt.

 

 

 2.  Hat sich auch das Publikum verändert? Man sagt ja, in Schubladen gedacht, dass eher ältere Leute sich für Klassik begeistern. 

 

Nein, das sehe ich nicht so. Auch jüngere Generationen haben ein Interesse an klassischer Musik. Seit einigen Jahren ist Musikvermittlung ein sehr wichtiges Thema geworden. Und das ist auch gut so, dass sich Museen, Opern, Theater, Konzerthäuser ganz intensiv um ihr heutiges und zukünftiges Publikum kümmern. Das heißt aber nicht, dass ein Schulkind, das wir heute in einem Projekt haben oder ein Jugendlicher, der die Audio Invasion besucht, ab morgen Abonnent wird. Das wäre ohne Frage schön, aber ich glaube, wenn zumindest ein Samen gesät wird, wenn für die klassische Musik Interesse und Leidenschaft geweckt werden, wenn man die Schwellenangst, die das Gewandhaus gegebenenfalls bei jungen Menschen auslöst, abbauen kann, dann ist viel gewonnen. Wir wollen mit unseren Musikvermittlungsprojekten Interesse, Verständnis, Neugier und Freude schaffen. 

 

In der Geschichte des Konzertes ist noch nie das Publikum "ausgestorben", aber Rahmenbedingungen haben sich verändert. Darauf müssen wir uns einstellen und wie jeder künstlerische Betrieb müssen wir uns die Frage nach der Relevanz für unser Publikum immer wieder stellen und unseren Gästen vermitteln. Neben unseren Vermittlungsprogrammen machen wir uns deswegen auch Gedanken über zukünftige Formate. Andris Nelsons wird einen gewichtigen Schwerpunkt auf die Moderne legen, weil ihm wichtig ist, Tradition einerseits zu erhalten und sich andererseits dem Musikschaffen unserer Zeit zu widmen. Das Gewandhausorchester war in seiner Geschichte immer schon ein Uraufführungsorchester. Daran wollen wir uns in Zukunft wieder mehr ausrichten, aber ohne die großen Komponisten der Vergangenheit auszublenden. Eine ausgewogene "Mischung" im Spielplan ist wichtig. 

 

 

 3.  Sie sprachen gerade vom zukünftigen Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons. Wie wird die Spielzeit mit ihm?

 

7 Fragen an Gewandhausdirektor Andreas Schulz
Prof. Andreas Schulz, Gewandhausdirektor & Intendant

Ich habe große Erwartungen, denn er ist so ein leidenschaftlicher und begeisterungsfähiger Musiker und Dirigent. Ich bin überzeugt, dass das Publikum mit Interesse seinen künstlerischen Ideen folgen wird. Er vermittelt seine Vorstellungen mit einer solchen Herzlichkeit und Fröhlichkeit, das ist einfach überwältigend! Wenn man ihn persönlich erlebt, macht es einfach nur Freude!

 

 

 4.  Es gibt auch erstmals mit Jörg Widmann einen Gewandhauskomponisten, wie kam es denn dazu? 

 

Das war ein Impuls von Andris Nelsons. Seine Idee ist, aller zwei Jahre einen bedeutenden Komponisten zum Gewandhausorchester einzuladen. So kommt Jörg Widmann in der Saison 2017/2018 zum Orchester und ein nächster Gewandhauskomponist in der Saison 2019/2020. Die Idee ist, den Gewandhauskomponisten häufig in der Saison zu Gast zu haben, Uraufführungen zu spielen, bereits bestehende Werke aufzuführen, Gesprächsformate anzubieten, Meisterkurse zu veranstalten und vieles mehr. Unser Publikum kann so einen ganz persönlichen Kontakt aufbauen. Wir wollen gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen ...

 

>> Mit dem Ziel, die Moderne mit der Tradition zu verbinden? 

 

Ganz genau! Eines der Leitbilder des Gewandhausorchesters lautet "Tradition erhalten und begründen"! Und gerade in der 275. Jubiläumssaison wollen wir dies wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Seit wenigen Wochen liegt das neue Jahresheft vor und der Spielplan zeigt genau diesen Ansatz. Es wird eine wirklich spannende Saison.

 

 

 5.  Im Juni findet die deutsche Erstaufführung von „Ascending Light“ von Michael Gandolfi, dirigiert von Andris Nelson, statt. Darin wird an den Genozid an den Armeniern erinnert, der sich 2015 zum 100. Mal jährte. Was bedeutet dieses Stück für das Gewandhaus?

 

"Ascending Light" hat Michael Gandolfi für Orgel und Orchester komponiert. Es ist ein Auftragswerk vom Boston Symphony Orchestra. Andris Nelsons bringt dieses Werk als Deutsche Erstaufführung mit nach Leipzig. Wir führen immer wieder mit dem Orchester oder in der Kammermusik, mit den Gewandhauschören oder durch den Gewandhausorganisten Werke auf, die entweder einen geschichtlichen, einen politischen oder gesellschaftlichen Bezug haben. Dies ist ganz normal für uns und wir erspüren, wie auch unser Publikum, beim Aufführen der Musik, was der Komponist ausdrücken wollte. Es ist wichtig, dass wir uns mittels der Musik mit aktuellen Themen unserer Welt auseinandersetzen. Dennoch sind wir aber keine politische Einrichtung.

 

 

 6.  Sie sagten, sie seien keine politische Institution, trotzdem gab es Plakatierungen für Toleranz und Weltoffenheit in Zeiten Legidas. Widerspricht sich das nicht?

 

Wir sind zuallererst ein Orchester und ein Konzerthaus, dessen Handeln aufgrund seiner Bekanntheit natürlich ein gewisses Gewicht bekommen kann;  aber wir sind keine politische Institution im engeren Sinne. Und natürlich haben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die hier arbeiten, eine politische Meinung, für die sie auch entsprechend öffentlich eintreten. Und in Zeiten von Legida war es uns umso wichtiger zu zeigen, dass Weltoffenheit, Toleranz, Verständnis und Internationalität zu unseren Grundwerten gehören. Allein in unserem Orchester spielen Musikerinnen und Musiker aus 17 Nationen. Für uns ist Internationalität vollkommen normal und auch existenziell für die Erhaltung unserer künstlerischen Spitzenposition; außerdem gastieren wir weltweit. Ich bin sehr dankbar und zufrieden, wie Leipzig mit Legida umgegangen ist. Die Auswirkungen von Pegida in Dresden legen sich heute wie ein Schatten über ganz Sachsen. Dass dürfen wir nicht geschehen lassen. 

 

Einen Artikel zum Thema findet ihr hier

 

 7.  Worauf freuen Sie sich in der Jubiläumssaison besonders?

 

Ich freue mich besonders auf Andris Nelsons, weil er mit so vielen neuen Ideen und frischen Impulsen kommt. Wie so oft bei solch kreativen Menschen ist die Liste mit dem, was er möchte, viel zu lang (lacht). Ich freue mich außerdem auf den Gewandhauskomponisten Jörg Widmann, denn es ist eine schöne Perspektive, dass jemand mit so vielen Projekten so regelmäßig bei uns sein wird. Auch der 90. Geburtstag von unserem Ehrendirigenten Herbert Blomstedt ist in dieser Saison ein Highlight. Mit ihm konnte ich 1998 zum Gewandhaus kommen. Eine erste große Tournee wird uns außerdem in die wichtigsten Musikstädte Europas führen, unter anderem auch in die Hamburger Elbphilharmonie.

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