Vergangenheit: Sportdirektor Ralf Rangnick und Trainer Alexander Zorniger

Kommentar über Zorniger-Aus bei RB Leipzig, Fußballgeschäft und Heuchelei

Man unterschätzt Zorniger, wenn man ihn zum Opfer macht

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13.02.2015

Die mediale Reichweite kann man bei RB Leipzig getrost als erstligatauglich bezeichnen. Der Nachrichtenhammer am Mittwoch, den 11. Februar 2015, dass RB Leipzig und der zweimalige Aufstiegstrainer Alexander Zorniger getrennte Wege gehen, dominierte alle Sportredaktionen des Landes.

Ralf Rangnick und Alexander Zorniger
Vergangenheit: Sportdirektor Ralf Rangnick und Trainer Alexander Zorniger

Es ist aber auch ein gefundenes Fressen für alle Gegner des Brauseclubs. Man lacht sich ins Fäustchen, dass der ungeliebte Verein wieder einmal sein herzloses, erfolgssüchtiges und größenwahnsinniges Gesicht zeigt – so der Grundtenor. Auffällig dabei: Während die lokalen Medien seit Wochen durchaus ahnten, was hinter den Kulissen zwischen den Vereinsoberen und dem Trainer für Stimmung herrschte, zeigte sich die überregionale schreibende Zunft mehr als bestürzt.
Oder passt es nicht auch etwa hervorragend in den (Online-Klickzahlen-)Kram, dass der Club, der für das Böse im modernen Fußball steht, der noch nie einen Hehl daraus machte, so schnell wie möglich, so hoch wie möglich im Milliardengeschäft Profifußball mitzumischen, sein Ziel konsequent und scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste verfolgt?

 

Man unterschätzt Zorniger, wenn man ihn zum Opfer macht

 

Alexander Zorniger wird für den Zweitligaaufstieg gefeiert
Alexander Zorniger beim Zweitligaaufstieg
Plötzlich ist ein Alexander Zorniger, der nicht erst seit gestern hervorragende Arbeit geleistet hat, nicht mehr „dieser eine Trainer, der den Retortenclub ins Oberhaus bringt“, sondern er ist wie durch Zauberhand ein guter Mensch geworden, der RB Leipzig mit zwei Aufstiegen in die 2. Bundesliga beförderte und jetzt einfach fallen gelassen wird – passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zu dem Club ohne Seele. Damit tut man aber auch einem Zorniger keinen Gefallen. Denn unterschätzen sollte man den 47-Jährigen keinesfalls – und das tut man, wenn man ihn als Opfer darstellt. Schon im Trainingslager im Januar 2015 sagte er: „Ich weiß, was ich kann und ich weiß auch, wie der Trainerjob funktioniert.“

Lässt man also mal alle persönlichen Befindlichkeiten, berechtigte Antipathien und alle romantischen Vorstellungen von den 11 Freunden auf dem Platz außer Acht, ist diese Trainerentlassung nichts, was es im mega Business Fußball – bei dem es nicht erst seit gestern um Fernsehrechte, Stadioneinnahmen, Merchandise, Spieler-, Manager- und Beratergehälter sowie Aktienanteile geht – etwa noch nie gegeben hätte. Der Unterschied ist, und das sagte auch Alexander Zorniger im Januar 2015 im letzten großen Interview zu urbanite, es gibt wohl keinen anderen Verein, der so offensiv und offen mit dem Thema Sponsor und Ziele umgeht wie RB Leipzig.

 

Achtung: „Der-Trainer-genießt-unser-vollstes-Vertrauen“-Phrase

 

Natürlich hat es menschlich gesehen einen faden Beigeschmack, wenn ein paar Tage vor der Entlassung hoch und heilig geschworen wird, dass man voll und ganz hinter dem Trainer stehe oder wie Sportdirektor Ralf Rangnick sagte, man müsse geisteskrank sein, diesen Trainer abzusetzen. Aber mal ehrlich, spätestens bei der „der-Trainer-genießt-unser-vollstes-Vertrauen“-Phrase schrillen bei jedem, der sich nur für 5 Minuten mit Profifußball und Vereinspersonalien beschäftigt alle Alarmglocken. Das ist – ob man will oder nicht – Profifußball.
Ob das nun legitim und fair ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber so zu tun, als wäre das ein Novum in der Geschichte des Fußballs ist heuchlerisch. Besonders von denjenigen, die beispielsweise über einen Jens Keller alle drei Tage aufs Neue schrieben, dass er sich einen neuen Job suchen müsse – und das zwei Jahre lang. Auch zum Thema Heuchelei und Doppelmoral im Fußball, sagte uns der ehemalige RBL-Trainer etwas Interessantes im Interview.

Und um Zorniger selbst muss sich sicherlich keiner Sorgen machen. Er hat sich einen Namen im deutschen Fußball erarbeitet. Mehmet Scholl bescheinigte ihm nach dem Pokalspiel gegen Erzgebirge Aue sein Trainertalent und prophezeite dem Schwaben eine Karriere in der 1. Bundesliga. Und auch der 47-Jährige sagte im Januar 2015: „Ich spiele irgendwann mit RB in der 1. Bundesliga oder eben gegen RB!“

 

Neue Ära bei RB Leipzig: Stunde Null nach Zorniger-Aus

 

RB Leipzig-Interimstrainer Achim Beierlorzer
RB Leipzig-Interimstrainer Achim Beierlorzer
Nun schlägt nach 2 ½ Jahren mal wieder die Stunde Null bei RB Leipzig. Es beginnt eine neue Ära – die ohne Alexander Zorniger. Es wird allerdings nur ein Äraleinchen sein, das die Zeit, bis etwas Neues und Großes kommt, lediglich vertreibt. Der Interimstrainer Achim Beierlorzer (bisheriger U17-Trainer bei RBL) übernimmt das Traineramt – man kann davon ausgehen mit mehr als nur ein bisschen Hilfe von Rangnick – bis Saisonende. Dann wird RB Leipzig einen Namen präsentieren, der dem Fußballvolk bekannt sein dürfte. Heute bestätigte Sportdirektor Ralf Rangnick auch erstmals, dass Thomas Tuchel durchaus auf der Liste der möglichen Kandidaten stehe – auch das ist keine Überraschung.
Beim Heimspiel gegen den FSV Frankfurt wird sich zeigen, wie die Mannschaft mit der neuen Situation umgeht.

Spiel(er)infos:

Rani Khedira musste die letzten Tage nach einer Kapselverletzung im linken Fuß pausieren. Ante Rebić ist nach seinen Rückenproblemen wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Yussuf Poulsen und Tim Sebastian droht bei der nächsten Verwarnung eine Gelbsperre.
Ausfälle:
Terrence Boyd (Aufbautraining), Fabian Franke (Aufbautraining), Henrik Ernst (Aufbautraining)
Einsatz fraglich:
Rani Khedira (Kapselverletzung im Fuß), Anthony Jung (Schulterverletzung)
Gelbsperre droht: Yussuf Poulsen, Tim Sebastian


Was: 21. Spieltag 2. BundesligaRB Leipzig (7.) gegen FSV Frankfurt (11.)  
Wann: Sonntag, 15. Februar 2015 um 13:30 Uhr
Wo: Red Bull Arena in Leipzig

Das Spiel wird live von Sky übertragen



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