frisch & haltbar Musikempfehlungen für den Herbst

Auch heute möchte ich euch gern wieder drei Platten vorstellen, die in letzter Zeit erschienen sind und in die es sich lohnt, reinzuhören.

Beginnen möchte ich mit einer Band aus Leipzig:

Chartreux: Fatigue (erschienen am 27.09.2024)

Sollte sich jemand, fehlgeleitet durch den Albumtitel und das grandiose Artwork von mont_blond vor dem erstmaligen Reinhören in FATIGUE auf eher getragene, ermüdende antriebslose Trübsalblasmusik (dieses Wort möchte ich hiermit gern copyrighten!) freuen, wird das wohl unweigerlich zu Enttäuschung führen.

Alle anderen dürfen an diesem Album ihre helle Freude haben:

Die vier Mitglieder von Chartreux aus Leipzig waren oder sind schon in diversen anderen Bands aktiv, unter anderem bei Oat, Tackleberry, ShutcomboPiefke oder Miles & Feet.

© Benni Pflug

Nach dem 2021er Debüt “ You didn’t doubt this” ist vor wenigen Wochen der Nachfolger erschienen. Das Album holt im Introtrack genau ein Mal kurz Luft und ballert sich dann ohne Atempause in knapp zwanzig Minuten durch einen herrlich wilden, treibenden Mix aus Skatepunk, Emo, Oldschool- und melodic Hardcore.

Besonders hervorhebenswert finde ich persönlich die quasi durchgehende Zweistimmigkeit, die Wechselgesänge und das verdammt gute Melodiegefühl, das mich bei aller Intensität und deftiger Punk-DIY-Attitude in Momenten (wilder Vergleich incoming) an Dashboard Confessional oder Jimmy Eat World erinnert.

Rein musikalisch sind allerdings Vergleiche mit Bands wie Red City Radio, Bad Religion oder Hot Water Music zutreffender. Absolute und unbedingte Anhörempfehlung!

Als Anspieltipp lege ich euch neben den vorab ausgekoppelten Songs “Wabi Sabi” (was ne Ohrwurmhook!) und “Ruminant” besonders “Uneasy Lovers” und den Titeltrack “Fatigue ans Herz und die Ohren. Auch live übrigens ne absolute Wucht!

Kommende Daten:

Sperling: “Menschen wir mir verzeiht man die Welt oder hasst sie” (23.02.2024)

Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich Sperling erstmals wahrgenommen, als sie vor reichlich zwei Jahren, nicht lange nach dem Release ihres ersten Albums „Zweifel“ für den Rockpalast ein „Offstage“ Coronakonzert spielten.

Schon dieses Album und auch die Liveperformance hat mich – vor allem wegen der großen musikalischen Bandbreite (Posthardcore meets Emo, gepaart mit Rap-Parts und Celloklängen) äußerst gespannt gemacht auf alles, was da noch so kommt.

© Benni Pflug

Im Februar ist nun das neue Album erschienen. Der lange Albumtitel (den mag ich übrigens verdammt gern!) ließ mich zuerst an Bands wie Explosions in the Sky oder Godspeed You! Black Emperor denken, aber sowohl die ersten Auskoppelungen als auch der Rest des Albums dürfte wohl besonders allen Musikafficionados, die sich von beispielsweise KummerFJØRT,La DisputeKind Kaputt, Escapado, Touché Amoré oder (wohl der häufigste Kreuzvergleich – sorry!) Casper abgeholt fühlen, richtig großen Spaß machen.

Wobei „Spaß“ thematisch nicht unbedingt das erste Stichwort sein dürfte, das sich einem beim Anhören der Texte entgegenwirft. Inhaltlich schließt sich das Album an den Titel des Erstlings an; (Selbst-) Zweifel und andere mental-health-bezogene Themen sind tonangebend, dabei ist das ganze auch lyrisch sehr ausgereift.

Wie schon weiter oben erwähnt, schöpfen Sperling musikalisch aus dem Vollen: von der obligatorischen pianogetragenen Ballade über tanzbare, teils fast poppige Ohrwurmsongs bis hin zu massiven mächtigen Gitarrenbrettern ist hier alles dabei, was das Posthardcoreherz begehen kann. Was die Band aber wirklich von anderen abhebt, ist und bleibt das immer wieder gewieft eingesetzte und nie plakativ wirkende Cello sowie die zwischen Rap und Gesang wechselnde und im Gedächtnis bleibende Stimme von Sänger Jojo. (im „echten Leben“ übrigens als Altenpfleger tätig (gewesen?) – was meine leider nicht ausreichend weiter verfolgte These stützt, dass in dieser unserer wunderschönen Musikwohlfühlbubble überdurchschnittlich viele Menschen aus allerlei sozialen Berufen abhängen. Kommt das nur mir so vor?)

Hört gern in das Album rein und seid mit mir gespannt, was da in den nächsten Jahren noch passieren wird. Die wunderschöne goldene Vinyl mit Gatefold-Cover ist unter anderem im Uncle M Music Shop zu finden.

Am Donnerstag (31.10.) sind Sperling gemeinsam mit den Blackout Problems im Conne Island zu erleben.

Michèl von Wussow: “Traum B” (23.08.2024)

Michèl von Wussow ist mir erstmalig über eine YouTube-Session in die Ohren geflogen. Das muss so vor etwa zwei Jahren gewesen sein und fand auf dem damals noch omnipräsenten Kliemann-Schulzschem Hausboot statt.

Während das Hausboot inzwischen den Eigentümer gewechselt hat und dieser Hype durch ist (jedenfalls bis ihn irgendwann möglicherweise Eriksohn Rick Zabel neu entfacht), geht der um Michèl von Wussow erst so richtig los.

© Benni Pflug

Musikalisch spielt sich weiterhin alles im poppig geprägten Indie-Songwriter-Spektrum ab. Auch wenn im Gegensatz zum Erstling auf dem jetzt frischen und inzwischen zweiten Album deutlich mehr E- als Akustik-Gitarre zu hören ist, würde ich mir persönlich für mögliche Folgealben noch etwas mehr rhythmische Vielfalt und …hmmm… wie nenn ich’s am besten… roughness? edgyness? und gibt’s dafür passendere eingedeutschte Wörter? wünschen.

Texte und Stimme überzeugen komplett: energiegeladen und mit einer fast mutzkeesken Range und Intensität singt Michèl von Wussow über Kindheitstrauma, Generationenkonflikte, Vergangenheitsbewältigung (Traum B folgt schließlich auf Traum a) und haut mit “Mitte 20 im Arsch” mal eben einen der besten Texte über die Sorgen einer ganzen Generation raus. („Warum sollen wir was verändern? Adam und Eva haben doch auch schon nicht gegendert.“) Dabei klingt bei allem melancholischen Schwermut jedoch immer Optimismus und Hoffnung mit.

Ich bin mir sicher, dass ihr das Album mögt, wenn ihr sonst gern Musik von BosseLena&LinusSam FenderPohlmannBetterovMilliardenEnno Bunger oder Berq hören solltet.

Aktuell ist Michèl von Wussow auf großer Deutschlandtour, bereits am Dienstag (29.10.) ist er in der KulturLounge in Leipzig zu erleben. Das Album gibt’s in verschiedenen Varianten (z.B. mit Traumbuch, Notizbuch, Art Prints oder im T-Shirt bundle) unter anderem im ghvc-shop.

Ausgewählte aktuelle Konzerte in Leipzig

  • Dienstag, 29.10. Michèl von Wussow – KulturLounge
  • Donnerstag, 31.10.  Sperling & Blackout Problems – Conne Island
  • Mittwoch, 06.11. Hannes Wittmer (früher Spaceman Spiff) – Naumanns
  • Donnerstag, 07.11. urbanite Wohnzimmer Konzert mit Jante – Nachtcafé
  • Dienstag, 12.11. Beatsteaks (Nachholtermin) – Haus Auensee
  • Samstag, 16.11. Smile and Burn & Es brennt – Moritzbastei
  • Donnerstag, 21.11. urbanite Wohnzimmer Konzert mit Michi Bauer
  • Samstag, 23.11. Chiefland – Noels Ballroom
  • Mittwoch, 27.11. Ninamarie – Conne Island Café
  • Donnerstag, 28.11. Grillmaster Flash – Naumanns

Für Feedback oder weitere Musikideen könnt ihr mich gern auf meiner Instagramseite kontaktieren.

Unter anderem gibt es dort jeden Freitag den Versuch, ohne die üblichen Musikalgorithmen, dafür aber durch eure persönlichen Vorschläge einen möglichst breit gefächerten Fundus an Neuveröffentlichungen von kleineren und größeren Bands und Künstler:innen vorzustellen und gemeinsam abzustimmen, welche davon in unsere “frisch & haltbar Playlist” wandern dürfen.