MIA.

„In Berlin überwiegt das Licht“ – MIA. im Interview

Ein Gespräch über die Magie des Neuanfangs, Musik mit Meinung und die Sonnen- und Schattenseiten von Berlin

16.03.2020

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Seit über 20 Jahren steht der Name MIA. für facettenreiche deutschsprachige Popmusik mit Botschaft. „Mit Rotzigkeiten in Gesang und Akkorden, die wie Spiegelscherben auf dem dreckigen Großstadtasphalt lagen“ (offizielles Bio-Zitat) zogen Frontfrau Mieze und ihre drei Mitstreiter Andy Penn (Gitarre), Gunnar Spies (Schlagzeug) und Robert Schütze (Bass) einst aus und eroberten die deutsche Popwelt im Sturm.

 

Dieser Tage erscheint unter dem Titel „Limbo“ nun das mittlerweile siebte Studiowerk der Berliner Pop-Institution. Wir trafen uns mit Sängerin Mieze und Basser Robert zum Interview und sprachen über die Magie des Neuanfangs, Musik mit Meinung und die Sonnen- und Schattenseiten von Berlin.

 

Mieze und Robert, ihr habt vor drei Jahren euer 20-jähriges Band-Jubiläum gefeiert. Dieser Tage erscheint nun euer neues Studioalbum „Limbo“. Inwieweit haben die damaligen Feierlichkeiten die Produktion und den Sound des neuen Albums beeinflusst?

 

Robert Schütze: Diese doch sehr turbulente Phase ist sicherlich nicht spurlos an uns vorbei gegangen. Ich würde sogar behaupten, dass uns die jüngere Vergangenheit einen kleinen Neuanfang ermöglicht hat. Da ist wirklich so viel passiert, dass zwangsläufig auch viele dieser neuen Erfahrungen mit in die neuen Songs eingeflossen sind. Das ließ sich gar nicht vermeiden. Und wir sind auch total happy darüber. Denn diese ganze Remix-Sache (2017 veröffentlichten Künstler wie Balbina, Nisse und Gregor Meyle ausgewählte MIA.-Songs als Remixe), die vielen Jubi-Shows und das veränderte Arbeiten am Songwriting hat dem Ganzen nochmal so einen richtig frischen Anstrich verpasst. 

 

Mieze: Wir spielen die Remixe von damals immer noch exakt so live. Das wird alles so gelassen, wie Balbina, Nisse und all die anderen Künstler es umarrangiert haben. Und das fühlt sich auf der Bühne total super an. Es war total inspirierend mit all diesen Leuten auch mal abseits der Musik zusammenzukommen und all die Geschichten und Erfahrungen kennenzulernen. Das alles hat wirklich viel verändert, in der Musik, in den Köpfen und im Miteinander.

 

Das klingt ja alles so, als hättet ihr ein zweites „Debütalbum“ aufgenommen. Fühlt es sich so an?

 

Mieze: Ja, irgendwie schon. Das ist schon ziemlich verrückt – aber irgendwie auch eine logische Entwicklung. Wir waren lange Zeit wie viele andere Bands in einer ganz bestimmten Struktur drin, die sich mit den Jahren einfach festgefahren hat. Jetzt haben wir viele grundsätzliche Arbeitsprozesse anders gestaltet. Die komplette Band war überall involviert. Alle waren an den Texten beteiligt. Wir haben im Studio sogar „Wünsch Dir was!“ gespielt. Jeder, der ins Studio kam, durfte erstmal machen, was er wollte. Und jeder durfte den anderen auch sagen, wie er sich bestimmte Parts vorstellt. So kamen richtig spannende Themen und Ideen auf den Tisch.

 

Wie spannend verlief der Themenfindungsprozess?

 

Mieze: Der war mindestens genauso spannend. Wir haben jetzt keine explizit politischen Songs auf dem Album. Aber wir haben ein Album, das vor Haltung nur so strotzt. Der Song „Limbo“ wurde ganz bewusst auch als Albumtitel gewählt. Hier geht es nicht um irgendeine spaßige Tropical House-Nummer, sondern um Reflektion, Verrenkung und die Art und Weise wie wir uns dem Leben stellen, in all seiner Schwierigkeit und Komplexität.

 

Welche Themen waren euch diesmal noch wichtig?

 

Robert Schütze: Ich denke, dass wir diesmal sehr viele verschiedene Dinge ansprechen, die uns beschäftigen. Der Song „Kopfüber“ beispielsweise dreht sich um Mut und die Tatsache, dass man während der Entwicklung immer auch Phasen der Unsicherheit durchläuft. 

 

Mieze: Mir liegt auch der Song „Crash“ sehr am Herzen. Da geht es um eine gesunde, leider viel zu selten präsente, Streitkultur. Es ist einfach wichtig, die Dinge nicht einfach nur zu deckeln. Gerade Kinder sollten lernen, mit Streitgefühlen offen umzugehen. 

 

Ihr beide kennt euch schon ewig. Streitet ihr noch oft?

 

Mieze: Wir kriegen uns auch manchmal in die Haare. Das gehört einfach dazu. Wir sind sehr gegensätzliche Menschen, die aber auch immer wieder zueinanderfinden. Robert ist unglaublich offen und stets bereit, an Träume zu glauben. Robert ist ein Mensch, der nicht nur redet, sondern auch tatkräftig mit anpackt, wenn es um die Realisierung verrückter Ideen geht. Es macht einfach unheimlich viel Spaß mit ihm zu arbeiten.

 

Robert Schütze: Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Ich kenne nur wenige Menschen, die so viel Einfühlungsvermögen haben. Mieze hat immer ein offenes Ohr, wenn es um Sorgen und Nöte geht. Und sie hört sich auch immer alles an, wenn‘s um musikalische Ideen geht. Auch wenn man sich am Ende dann doch nicht trifft, weiß man, dass sie komplett drin war, und sich intensiv mit den Gedanken, Ideen und Gefühlen des anderen beschäftigt hat.  

 

So viel Zuneigung und Liebe schwappt auch immer über, wenn ihr beide über eure Heimat redet. Mal Hand aufs Herz: Wie viel Berlin steckt in MIA.?

 

Mieze: Berlin ist der perfekte Standort für unsere Band. Ich bin ja eine Berliner Pflanze durch und durch. Ich weiß, dass es nicht immer einfach ist, wenn man Leuten versucht zu erklären, was denn an dieser Betonwüste so einzigartig ist. Aber es ist einfach so. Wir haben mit „Tortenguss“ ja auch wieder unser ganz persönliches Berlin-Lied mit auf dem Album drauf. Ich weiß nicht, ich kann zwar rausgehen aus Berlin. Aber Berlin wird niemals aus mir rausgehen. Hier lebe, hier liebe und hier arbeite ich. Und das mit ganzem Herzen.

 

Robert Schütze: Wir haben da draußen noch kein alternatives Lebensmodell ausfindig machen können. Hier in Berlin kommt einfach alles zusammen, was uns wichtig ist, uns inspiriert und auch berührt. Das ganze Mindset, die Stadt an sich und natürlich auch die Menschen: Das passt einfach perfekt.

 

Wo seid ihr denn in Berlin am liebsten unterwegs?

 

Mieze: Auch, es gibt so viele schöne Ecken. Ich finde den Mauerpark immer wieder faszinierend. Das ist für mich auch so eine Gegend, die sich mit der Zeit unheimlich krass gewandelt hat. Und genau das ist es ja, was man mit Berlin immer verbindet. Hier steht nichts still. Hier ist alles immer irgendwie in Bewegung. 

 

Robert Schütze: Das Schöne an der permanenten Entwicklung und Veränderung dieser Stadt ist auch, dass man stetig mit Neuem konfrontiert wird. Ich meine, alle schimpfen über die Gentrifizierung. Und ja, ich find das auch irgendwie blöd. Aber auf der anderen Seite sehe ich auch, dass es immer wieder neue, mutige Kreative und Betreiber in der Stadt gibt, die neue Ideen und Konzepte an den Start bringen. Es ist einfach immer was los in der Stadt.

 

Mieze: Das Einzige, das mich ein bisschen traurig stimmt, ist die Situation der Jugendklubs. Hier ist wirklich ein Entwicklungsstandort vom Aussterben bedroht, mit dem wir früher noch aufgewachsen sind. Da haben wir früher geprobt und die meiste Freizeit verbracht. Dieses klassische Jugendklub-Modell gibt es kaum noch. Das finde ich sehr schade.

 

Wo Licht ist, ist auch Schatten.

 

Mieze: Ja, auf jeden Fall. Das stimmt wohl. Zum Glück überwiegt in Berlin aber das Licht. 

 

„Limbo“ erscheint am 27. März bei Four Music.



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