Deine Freunde im Interview über Märchen und Hip Hop

Deine Freunde im Interview über Märchen und Hip Hop

Hip Hop is for the children

29.12.2017

Die coolste Kinderband der Welt „Deine Freunde“, bekannt für wummernde Bässe und Texte auf Augenhöhe, geht im Frühjahr 2018 auf Tour und präsentiert ihr neues Album „Keine Märchen“. Wir haben uns zuvor mit Sänger Florian Sump über Märchen, Hip Hop und digitale Medien unterhalten.  

 

Deine Freunde im Interview über Märchen und Hip Hop

 

Im Januar 2018 geht ihr mit eurer neuen Platte „Keine Märchen“ auf Tour. Was habt ihr denn gegen Märchen?
Grundsätzlich überhaupt nichts! In dem Titelsong, nach dem auch das Album benannt ist, geht es eigentlich mehr darum, dass wir die Situation beschreiben, was passiert, wenn man als Kind während der Hälfte des Märchens, also wenn man noch nicht beim Happy End angekommen ist, einfach einschläft. Da ist uns einfach mal aufgefallen: Viele Parts von Geschichten und Märchen sind brutal! Wenn man sich jetzt vorstellt, man hört immer nur die „Brutalstellen“ und nicht das Happy End, dann ist das der Stoff, aus dem die nicht so guten Träume sind. Uns hat es als Band auch Spaß gemacht, das ein bisschen aus dieser Perspektive zu sehen.



Welches Märchen kannst du überhaupt nicht leiden und warum?
Ich fand auf jeden Fall schon immer Rumpelstilzchen mega unkorrekt. Weil ich mir so dachte: „Ey, du bist eh schon ein hässlicher kleiner Bengel, der da irgendwo im Wald lebt und auch noch sehr einsam ist. Hilf doch der armen Frau einfach, die gezwungen wird, das Gold zu spinnen, ohne dafür gleich von ihr das erstgeborene Kind zu verlangen.“ Was ist denn das für ein Gefallen, dem sie ihm da tun soll? Ich fand den von Anfang an schon nicht cool. Obwohl er ihr geholfen hat, wusste ich schon als Kind: es nimmt kein gutes Ende. Ich fand es dann aber auch so gruselig, wie er am Ende so wütend war, dass er sich selbst in zwei Teile zerrissen hat. Ich habe als Kind immer versucht, mir das vorzustellen und das ging irgendwie nicht so richtig in meinen kleinen Kopf rein. Wie sieht das bitte aus, wenn sich so ein kleines Männchen in zwei Teile zerreißt?



Nun seid ihr ja selbst fast keine Kinder mehr. Wie schwer bzw. leicht fällt es euch, euch in Kinder hinein zu versetzen und anschließend Texte für sie zu schreiben?
Extrem leicht! Das Textschreiben mache ich ja jetzt schon fast seit 20 Jahren und ich muss sagen, es ist mir noch nie leichter gefallen als jetzt. Wir können einfach machen, was wir wollen. Natürlich achten wir darauf, was wir sagen und was wir erzählen. Egal wie eigen man sich in seiner eigenen Familie immer vorkommt, es gibt ja doch viele Überschneidungspunkte mit fast allen anderen Familien. Das ist einfach ein unerschöpfliches Repertoire


Aktuell sind neun eurer 20 Konzerte ausverkauft. Wie fühlt es sich an, die coolste Kinderband der Welt zu sein?
Es fühlt sich verdammt gut an! Ich würde lügen, wenn ich jetzt irgendetwas anderes sagen würde. Es fühlt sich auch deswegen gut an, weil wir über Jahre hinweg immer ein bis zwei Schritte vorangekommen sind. Wir sind ja nicht mit einem Hype über Nacht gestartet, sondern haben damals auf kleinen Bühnen und Stadtfesten angefangen und sind dann jedes Jahr ein Stück gewachsen. Deshalb fühlen wir uns jetzt auch in so einer Position, dass uns das nicht geschenkt wurde, sondern wir uns das erspielt und erarbeitet haben. Es fühlt sich auch einfach total gut an, dass wir unser Publikum nicht verarschen. Wir haben selber den Anspruch, dass die Familien, die uns bei den Konzerten besuchen, einfach geflasht nach Hause gehen.


Die Musik von „Deine Freunde“ lässt sich ganz grob in das Hip-Hop-Genre einordnen. Gab es schon Interview-Anfrage von Visa Vie?
Haha! Nein, tatsächlich noch nicht. Also bis jetzt, und ich nehme es der Hip-Hop-Welt auch nicht übel, weil sie einfach ein anderes Kernalter hat. Bisher haben wir noch mit keinem einzigen Hip-Hop-Medium gesprochen. Von dieser Seite gab es bisher noch kein Interesse, außer, und das freut uns jedes Mal wieder: für jedes unserer Alben hat Dani Fromm von Laut.de Rezensionen geschrieben. Sie war, glaube ich, auch die Einzige, die sich mit uns auseinandergesetzt hat. Dafür aber auch sehr nett und sehr schmeichelhaft.


Na immerhin etwas! Aber es ist ja trotzdem schade, dass die anderen euch nicht so auf dem Schirm haben. Verstehe ich irgendwie nicht so ganz.
Ich denke auch, nach vier Alben, wenn man sich unsere CDs anhört und man uns jetzt nicht grundsätzlich scheiße findet wegen der Kindermusik, muss man die Liebe zu Hip Hop eigentlich schon erkennen. Ich finde, die hört man aus unseren Alben einfach raus. Allein an der Art, wie die Beats produziert sind und wie das ganze Soundgewand rübergebracht wird. Viel von dem Humor, den wir benutzen, ist für mich auch Hip Hop. Aber was soll man machen, ich kann sie ja nicht zu uns zwingen.


Heutzutage wachsen Kinder ja fast schon selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Wie wichtig ist es euch, fernab der Konzerte, wie die Kids eure Musik konsumieren – lieber über Stream oder doch noch oldschool auf Platte?
Das ist mir, ehrlich gesagt, persönlich nicht so wichtig. Ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die das total schlimm und verwerflich finden, dass die heranwachsende Jugend mit der Technik als Selbstverständlichkeit aufwächst, sondern ich finde, es ist nun mal die Richtung, in die die Welt sich technisch bewegt. Ich kann dem ja schnell viel Schlechtes abgewinnen, genauso aber auch eine Menge Gutes. Ich finde es zum Beispiel cool, dass es diese ganzen Streamingportale gibt und man nicht mehr 15 € pro Album ausgeben muss, weil das Musik einfach zugänglicher für viel mehr Leute macht.


Wie sieht es bei dir aus? Platte oder Stream?
Ich persönlich war schon immer ein fauler Hund, ich hatte nie einen Plattenspieler. Mittlerweile habe ich auch keinen CD-Spieler mehr im Haus. Ich streame fast ausschließlich, ja tatsächlich.



Und was hörst du aktuell?
Bei uns in der Band haben wir so verschiedene Geschmäcker und Richtungen ausgelegt. Lukas ist der Pop-Typ, der aktuelle Sachen verfolgt, Pauli ein bisschen mehr der Oldschooler und ich, ich ziehe mir einfach alles rein, was es irgendwie an Rap und gerade an deutschsprachigem Rap gibt. In den letzten Wochen war es das Veysel-Album und dann auch aus Entertainment-Gründen JBG 3, also das neue Album von Kollegah und Farid Bang. Das ist einfach ’ne Bombe geworden (lacht).
Außerdem liebe ich Yung Hurn. Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen und aufhören soll. Rap fasziniert mich, hat es schon immer. Keine Musik wurde öfter für tot erklärt als deutscher Rap und dann muss man sich einfach mal angucken, wo die Musik jetzt ist. An Hip Hop als Jugendbewegung kommt jetzt sowieso keiner mehr vorbei, auch wenn ich selber nicht mehr Teil der Jugendbewegung bin.



Ihr tourt durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Gab oder gibt es noch andere Länder, in denen ihr gerne mal auftreten wollt?
Dafür sind wir immer offen! Wir waren zum Beispiel 2016 zusammen mit dem Goethe-Institut in drei verschiedenen italienischen Städten und haben da richtig geile Konzerte gespielt, vor italienischen Deutschschülern von verschiedenen Schulen, die im Deutschunterricht unsere Songs vorher durchgenommen hatten. Das Kranke war einfach, dass dort tausend italienische 12- bis 18-jährige Schüler vor der Bühne standen und alle unsere Lieder auswendig kannten. Danach waren unsere Schultern ein bisschen breiter und wir haben uns so richtig Botschafter-mäßig gefühlt. Ey, stell dir mal vor, wir kommen als Krauts nach Italien und haben dort Schüler, die mit Bock und mit Freude an der Sprache unsere Lieder mitsingen.

 

 INFOS:  Live erlebt ihr die Band am 9. und 10. Februar 2018 im Werk 2 in Leipzig (beide Konzerte sind leider Ausverkauft), am 11. Februar 2018 im Alten Schlachthof Dresden und am 3. März 2018 in der Columbiahalle in Berlin (Ausverkauft).



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