Fatoni über Existenzberechtigung und Rap-Evolution

Fatoni über Existenzberechtigung und Rap-Evolution

Fatoni im Interview

20.04.2017

Fatoni über Existenzberechtigung und Rap-Evolution
Fatoni-Rap ist Rap ohne Zornesfalte und dennoch weit weg vom puren Halligalli. Am 10. März 2017 brachte der schauspielstudierte Rapper sein neues Mixtape „Im Modus“ raus und haut damit eine Platte auf den Markt, die nicht nur aus der Rap-Szene herausspricht, sondern sich eben dieser zuwendet. Das haben wir mit ihm gemeinsam auch getan und erfahren, warum sich Rap auf dem richtigen Weg befindet, Freiberuflichkeit manchmal mit dem Tageslicht nicht ganz so korreliert und die Musikszene viel mehr Freiheit bietet als die Schauspielszene. 

 

Warum die Wahl des Begriffes Mixtape und nicht Album?

Für mich war die Produktion eines Mixtapes irgendwie entspannter gewesen … (überlegt) Das klingt dann immer so, als sei es nicht gut genug. Darum geht es nicht, sonst würde ich es ja nicht rausbringen. Aber für mich ist es irgendwie kein Album, da das letzte so rund war: es inkludierte viele Themen, war aus einem Guss und von einem einzigen Produzent (Anm. d. Red.: Dexter). Jetzt habe ich mit verschiedensten Produzenten zusammengearbeitet, alle sehr unterschiedlich. Thematisch geht da viel auch in eine Rap-Rap-Richtung, was sehr viel Spaß macht, aber was vielleicht etwas einseitiger ist. Hach, das klingt alles so negativ. Wenn man von vornherein nicht mit dem Begriff „Album“ hausieren geht, hat man irgendwie eine gewisse Freiheit. 

 

Inhaltlich redest du von einer Rap-Rap-Richtung. Was meinst du?

Es geht mehr um Punchlines, um Sprüche, um Hip Hop referentielle Themen und Anspielungen. Natürlich nicht nur. Aber auch musikalisch ist es einfach ein Mixtape. So eine glasklare Linie gibt es nicht. Wenn überhaupt bin ich so ein bisschen die Linie, ansonsten sind Beat und Songs sehr bunt. Ein Dexter-Beat ist auf jeden Fall etwas ganz anderes als ein Enaka-Trap-Beat. 

 

Was war denn nach den ehemaligen Bandformationen Creme Fresh und Moop Mama der Hauptbeweggrund, eine Solokarriere einzugehen?

Das hat sich irgendwie alles von selbst entschieden. Ich wollte das eigentlich nie so richtig. Ich bin aber sehr froh, dass es so gekommen ist. Dass sich Creme Fresh aufgelöst hat, war damals nicht meine Entscheidung. Und ich wollte eigentlich immer eine Band, nie Solokünstler sein. Dass ich bei Moop Mama ausgestiegen bin, war zwar schon meine Entscheidung, aber eher eine für mein Schauspielstudium und nicht gegen die Band – aus der wollte ich eigentlich nichts raus. Aber ich musste das machen, ich wollte das Studium nicht schmeißen. Ich bin mittlerweile sehr froh, weil es sich dadurch auch ergeben hat, dass ich meinen eigenen Style finden konnte. Nach wie vor mache ich ja viele Kollaborationen. Das gefällt mir sehr, doch ich muss auch immer noch ein bisschen daran arbeiten, auch dieses Solostanding zu erreichen. 

 

Was ist denn das Schönste daran, Rapper zu sein?

Dass man nicht arbeiten gehen muss (lacht). Ich muss meine Freiberuflichkeit nur noch ein bisschen mehr strukturieren. Gehst du auf Tour, hast du einen komplett vollen Zeitplan und dann gibt es auch Tage wie diesen, an dem mein einziger Termin dieses Interview hier ist (lacht).  Da muss man eine Balance finden. Manchmal  habe ich noch den Schlafanzug an und es wird schon wieder dunkel. Ich bin aber sehr froh, nicht mehr jeden Tag so früh aufstehen zu müssen, um in die Uni oder auf Arbeit zu gehen. Ich habe auch gemerkt, dass ich mein Leben lang zu wenig Schlaf hatte – auch in der Grundschule. Ich war eigentlich immer müde. Da wären wir wieder beim Vorteil des Rapper-Seins – eine Stunde länger schlafen (lacht).

 

Betrachten wir die Rapszene – was du ja gerne tust. Wo befinden wir uns da?

Vieles hat sich verbessert, finde ich. Zum ersten Mal gibt es eine Co-Existenz von allen Sub-Genres. Vom Politrapper bis zum Straßenrapper – alles hat seine Berechtigung, seine Zielgruppe und funktioniert auch gut nebeneinander. Rap ist mittlerweile ein so großes Genre geworden. Das ist einfach toll! Natürlich gibt es auch negative Themen, doch diese haben mich schon vor Jahren beschäftigt. Nach wie vor hat das Genre natürlich mit Homophobie und Frauenfeindlichkeit zu kämpfen. Da gibt es immer noch Sachen, die mich ekeln, wenn ich sie höre. Doch auch da denke ich, dass es eine positive Entwicklung gibt.

 

„Hip Hop ist voll tolerant, man darf jetzt auch rassistisch sein“ ist eine Zeile aus deinem neuen Song „Lassensiemichkünstlerichbindurch“. Diese drückt dein Unverständnis bezüglich mancher Gepflogenheiten im Genre auch ganz deutlich aus …

Das ist ein relativ komplexes Thema, über das ich echt schon Abende gestritten habe. Diese Zeile spielt auf die Battleszene an, die ja nochmal eine ganz eigene ist. Anfangs, und eigentlich immer noch, fand ich es unverständlich, was oder vielmehr dass alles erlaubt ist. Da stehen zwei Leute, die sich nur auf Grund ihrer Hautfarbe übelst beleidigen und die krassesten rassistischen Sprüche rausholen – das ist für mich nach wie vor sehr befremdlich. Ich habe mich mit sehr vielen Leuten aus der Battleszene unterhalten. Und ja, das ist halt eine andere Welt mit einem eigenen Regelwerk. Diese Welt finde ich vielleicht nicht so cool, habe sie jedoch mittlerweile besser verstanden. 

 

Ist das komplexe große Genre auch eine Plattform des Jedermann-Raps?

Ich glaube, wir behandeln Hip Hop in Deutschland noch immer als etwas Exotisches, was Eigenes, was Schützenswertes – das ist auch nachvollziehbar. Aber im Endeffekt ist es eine Kunstform wie Gesang. Das kann jeder machen. Es gibt auch keine Regeln dagegen. Das ist doch schön! Klar, das macht nun mittlerweile auch jeder Youtuber und natürlich kann man das auch scheiße finden, aber niemand hat nun mal mehr Existenzberechtigung als Rapper als ein anderer. Nach wie vor kann man entscheiden, wen man ernst nimmt und wen man lächerlich findet. Dieses wachsende Genre ist doch eigentlich nur eine positive Entwicklung für die Kunstform und die Konsumenten selbst. 

Vergleichen wir die jetzige Situation mit den frühen Neunzigern: Da war jeder, der gerappt hat, was Besonderes. Da haben aber nun mal nicht so extrem viele gerappt wie heutzutage. Die logische Konsequenz ist, auch in den USA schon zu beobachten, dass das Grundniveau immer besser wird. So ein bisschen eine Rap-Evolution. 

 

Was läuft denn bei dir privat für Musik? 

Ich höre natürlich deutschen Hip Hop, wobei ich den nicht so losgelassen hören kann, wie andere Musik. Deutschen Hip Hop höre ich immer als Stück für sich – als Arrangement und lasse ihn nicht einfach nur auf mich rieseln. Ansonsten gibt es kein Genre, was ich grundsätzlich ablehne.  Ah, warte ... bis auf diese ganze Radio-Scheiß-Musik. Electronic Dance Musik á la David Guetta, aber auch so deutsche Kartoffelsänger. Das ist wirklich Musik, die ich ablehne und schlimm finde. So Tim Bendzko, Adel Tawil, Mark Forster, Andreas Bourani, Max Giesinger … die ganzen Sänger, die gleich klingen. Bei der Musikrichtung bin ich echt bewusst intolerant (lacht). Schrecklich.

 

Wie sieht es denn mit deiner Schauspielerei aktuell aus? 

Momentan liegt die auf Eis. Fürs Theater fehlt mir die Zeit und die Lust. Ich finde, die Schauspielerei ist eine Branche, die einen zum Verzweifeln bringen kann. Beim Schauspiel ist man sehr passiv. Das fängt  ja schon damit an, dass man dich besetzen muss. Man hat sich da selbst zu wenig in der Hand. Meine Musik hingegen bin ich. (überlegt)  Als ich mit der Schauspielerei anfing, dachte ich naiverweise, dass es so sein wird, wie eine Band zu haben – zusammen etwas zu machen. So ist es gar nicht. Vielmehr ist man mit einem hierarchischen System konfrontiert. Als Schauspieler ist man im Vergleich zum Musikmachen sehr fremdbestimmt. Der Künstler ist der Regisseur und nicht du. Nach der Schule und im Theater habe ich schnell gemerkt, dass ich mich da nicht sehe. Das Musikmachen hat mir diesbezüglich nur noch schneller die Augen geöffnet.

 

Vorerst war es das erstmal. Nun ist es ja auch nicht so, dass ich so groß im Rap bin, dass die Filmindustrie meine Fährte aufnimmt. Das passiert vielleicht einem Marteria. Der hat ja ohnehin schon alles gemacht  – zumindest alles Coole. Er war nämlich nie Müllmann (lacht).

 

 LIVE:   Am 27. April 2017 könnt ihr Fatoni im Leipziger Conne Island live erleben. 

 



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