Gentleman: „Im Kern ist der Mensch ein Arsch“

Gentleman: „Im Kern ist der Mensch ein Arsch“

Gentleman im Interview über Ky-Mani Marley, gesunden Menschenverstand und Terrorangst

07.10.2016

Gentleman: „Im Kern ist der Mensch ein Arsch“
Ky-Mani Marley und Gentleman: "Wann und wie laut muss es knallen, damit wir aufwachen?"
Nachdem Ky-Mani Marley bereits auf der MTV Unplugged Tour dabei war, haben Gentleman und der Jamaikaner ein gemeinsames Album rausgebracht. Das gute Stück heißt „Conversations“ und ist eine Hommage an den Reggae und das sich-wieder-Zeit-Nehmen, um bewusst zuzuhören. Wir sprachen mit Gentleman über Fluch und Segen, der Sohn einer Legende zu sein, eine zu leise Mehrheit mit gesundem Menschenverstand, über die Präsenz des Terrors, eine FK Allstars Reunion und den Reggae-Nachwuchs in Deutschland.    

 

Euer Album heißt „Conversations“. Du sagtest, diese Kommunikation sei das, was im Jahr 2016 fehle. Und das viel an der Oberfläche gekratzt werde. Was meinst du damit? 

Ich finde es auch mal ok, an der Oberfläche zu kratzen, das darf man nicht falsch verstehen. Man muss nicht immer in die Tiefe gehen. Aber ich finde, man darf es nicht ausschließen. Wir müssen uns einfach immer wieder Zeit nehmen, uns zuzuhören. Gerade in unserer Zeit ist es eine der größten Herausforderungen, die Flut an Informationen zu filtern – man muss sich die Zeit zum Reflektieren nehmen, um überhaupt zu wissen, wo man steht und wo man hin will. Und da steht eine Unterhaltung, ein Austausch, ein Dialog an oberster Stelle.  

Es gibt viele Kinder von Bob Marley. Wieso hast du ausgerechnet mit Ky-Mani ein Album gemacht? 

Gentleman: „Im Kern ist der Mensch ein Arsch“
Gentleman über Ky-Mani Marley: "Wenn ich mein ganzes Leben lang immer darauf angesprochen werde würde, 'der Sohn von ...' zu sein – das ist, glaube ich, alles andere als einfach."
Wir sind uns über die Jahre oft über den Weg gelaufen und mochten uns auf Anhieb. Das war nicht forciert, eher ein ganz natürlicher Prozess. Wir passen musikalisch zusammen und ergänzen uns gut. Außerdem interessieren wir uns inhaltlich für dieselben Dinge und haben eine ähnliche Weltanschauung – das hat einfach gepasst.

Es ist sicherlich nicht einfach, ein Sohn einer Legende zu sein und sich immer am berühmten Papa messen zu lassen. Habt ihr darüber mal gesprochen?
Ja, dauernd. Es ist nicht so, dass ich ihn groß auf seinen Papa anspreche. Ich finde ihn als Menschen Ky-Mani interessant. Natürlich hat mich sein Vater inspiriert wie kaum ein anderer. Das steht außer Frage. 
Ich finde es immer faszinierend zu sehen, wie Bob sein Timbre an seine Kinder und Enkelkinder weitervererbt hat. Man hört es wirklich bei allen heraus. Trotzdem hat aber jeder seinen eigenen Stil und ist sein eigener Mensch. Aber es kam eigentlich in jedem Interview die Frage, wie es denn so sei, der Sohn von Bob Marley zu sein. Diese Ruhe und Gelassenheit, mit der er damit umgeht, ist nicht selbstverständlich. Wenn ich mein ganzes Leben lang immer darauf angesprochen werde würde, „der Sohn von ...“ zu sein – das ist, glaube ich, alles andere als einfach. Er sagt, dass es auf der einen Seite natürlich ein Segen ist, dieses musikalische Talent vererbt bekommen zu haben – diese Legacy, die auch er weitertragen kann, will und darf. Und dann ist da auch der große Fluch, dass du eben immer „der Sohn von ...“ bist. Ich glaube, das geht vielen Kindern so. Das ist so ein ganz eigenes Thema. Aber Ky-Mani macht einfach gerne Musik, ist stolz darauf, der Sohn von Bob Marley zu sein und trägt die Legacy weiter fort; hat aber seine eigenen Lieder, Willen und Weg gefunden. Er ist mit sich im Einklang. Aber ehrlich gesagt, ich würde auch nicht mit ihm tauschen wollen. 

 


Es gibt den Song „Signs Of The Times“. Was sind die Zeichen der Zeit und was bedeuten sie?
Es wird immer klarer, sich zu positionieren und zu sagen, wo man steht, und dass man seine Stimme erheben muss. Es geht um Gegensätze, aber auch um die radikalen Ränder, die immer lauter werden. Wir sind beide der Meinung, dass die Mehrheit eigentlich einen gesunden Menschenverstand hat. Aber das Problem ist, dass die Mehrheit zu leise und die Minderheit im Moment viel zu laut ist. Das erweckt den Anschein, dass alles irgendwie aus den Fugen geraten ist. Natürlich ist es eine unglaublich turbulente Zeit. Geschichte wiederholt sich leider immer wieder. Aber ich finde es gerade unglaublich wichtig, sich zu positionieren und als Mehrheit auch wirklich den Mund aufzumachen und bestimmte Sachen weder zu tolerieren noch zu akzeptieren. Gerade auch in unseren Breitengraden hat man das Gefühl, die Mitte scheint wegzubrechen und die äußeren Ränder werden immer radikaler. Das ist schon etwas, was mir als Zeitzeuge Sorgen macht. Wir haben durch die Musik ein Mittel gefunden, um auch Debatten auszulösen. Das ist, was Musik im Idealfall machen kann. 

Wie siehst du Welt in den nächsten fünf Jahren?
Ich glaube, dass viele Menschen begriffen haben, dass es so auf gar keinen Fall weitergehen kann. Es gibt positive Entwicklungen, es gibt negative und es gibt immer andere Formen. Aber im Kern ist der Mensch ein Arsch. Er ist ignorant und scheint aus seinen Fehlern nicht lernen zu wollen. Die Frage, ob jetzt wirklich alles schlechter wird oder ob es schon immer schlecht war, sei mal dahingestellt. Die Formen verändern sich halt immer. Wir gehen immer alle gleichzeitig zum Ausgang und trampeln uns tot, im Gegensatz zu z.B. Ameisen, die ein paar Millionen Jahre länger hier leben. Es braucht einfach Geduld.
Wo wir in fünf Jahren sind? Es ist eine sehr spannende Zeit. Meine Hoffnung ist, dass die Menschen irgendwann mal sagen: So, jetzt ist es genug. Und dass es in unserer Hand ist, Dinge auch im Positiven zu verändern. Das wird irgendwann kommen, davon bin ich überzeugt. Die Frage ist nur, wann und wie laut es knallen muss, damit wir aufwachen.

Ist dir mulmig, wenn du Konzerte gibst oder in einer großen Menschenmasse unterwegs bist, weil etwas wie in Paris passieren könnte?
Absolut. Gerade auch, weil wir neun Monate vor dem Ereignis im Bataclan gespielt haben. Man ist plötzlich in einem Schock, weil es so nah ist. Eine Freundin von uns vom Goethe-Institut ist an der Elfenbeinküste von Al-Qaida-Leuten am Strand erschossen worden. Das sind Dinge, die man auf einmal spürt. Soweit wie ich denken kann, war diese Präsenz des Terrors noch nie so nah. Das ist etwas, was allgegengewärtig ist.
Das Schwierige ist, dass es eine Ideologie ist, und nicht irgendein Ort, den man mit Drohnen einfach zerstören könnte. Wenn man z.B. die Einzeltäter anschaut, sind da auch immer Zeichen für Orientierungslosigkeit. Meistens sind es junge Menschen. Und der junge Mann ist schon immer die gefährlichste Spezies auf dieser Welt gewesen. Das ist schon etwas, was mir Sorgen macht. Wenn die Jugend keinen Sinn im Leben sieht, dann sucht sie den Sinn im Tod.
Es gibt diese Sicherheit einfach nicht. Und wie viel Freiheit müssen wir opfern, für eine Sicherheit, die gar nicht existiert? Das ist schon ein neues Level. Ich glaube auch, wir müssen ganz woanders ansetzen: nämlich mit Liebe und Zuneigung. Und da sind wir beim Thema Zuhören und Sensibilität – daran fehlt es gerade.
Ich glaube aber, wir bewegen uns in Zyklen und ich hoffe einfach, dass wir irgendwann aus unseren Fehlern lernen. Im Moment habe ich da nicht so den Eindruck, aber ... wir werden sehen.

 

 

 

Du hast schon unglaublich viele Kollaborationspartner gehabt. Wie kommen diese Kollaborationen zustande?
Ich weiß es eigentlich gar nicht. Man trifft sich, man kennt sich und dann entsteht das. Es ist mir immer wichtig gewesen, dass es auch eine Connection gibt. Und wenn diese Connection, Sympathie und musikalischer Respekt nicht da sind, wenn man nicht auf derselben Frequenz trifft, dann entsteht die Frage auch gar nicht erst. Die meisten Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind auch Freunde von mir. Mit denen hat man eine gemeinsame Geschichte. Auch derselbe Humor ist wichtig für mich. Wenn man nicht zusammen lachen kann, ist es schwierig eine Beziehung zueinander aufzubauen. Und ohne Beziehung kannst du keinen Song zusammen machen. Das wird dann sonst zu mathematisch und hat keinen Soul. 

Du hast mit Seeed-Sänger Frank Dellé den Song „Tic Toc“ aufgenommen. Darin geht es um Zeit und das Älterwerden. Gehst du mit deiner Zeit jetzt anders um als früher?
Ich glaub schon. Das ist aber auch ein natürlicher Prozess. Natürlich ändert man sich. Ich bin auch immer zwiegespalten, wenn man jemanden lange nicht gesehen hat und zu hören bekommt, man habe sich gar nicht verändert. Ich weiß nicht, ob ich das gut finde oder nicht. Ich will mich ja weiterentwickeln und auch verändern.
Im Idealfall müssten wir mit dem Älterwerden innerlich gelassener werden. Natürlich bedeutet das aber auch, dass diese Euphorie und dieses Feuer dann vielleicht nicht mehr so da sind wie früher mal. 

Wie realistisch ist eine FK Allstars Reunion? 

Gentleman: „Im Kern ist der Mensch ein Arsch“
"Was ist denn das eigentlich für ’ne Mukke? Ist das jetzt Pop, House oder Reggae? Auch im Hip Hop zerfließen gerade die Grenzen. Jeder macht irgendwie alles. Das ist ok, aber trotzdem fehlt dadurch auch ein bisschen die Identifikation."
Ich würde nie etwas komplett ausschließen, aber ich denke, das ist ein bisschen weit weg. Da wurde irgendwann mal ein Schlussstrich gezogen. Dieses Allstar-Ding war einfach eine bestimmte Zeit und die hat eine unglaubliche Qualität und Spirit gehabt. Jeder ist danach seinen eigenen Weg gegangen. Ich würde niemals nie sagen. Aber das steht gerade einfach bei niemandem im Raum. Außerdem ist Max Herre auch immer derjenige, der so etwas initiiert. Und der ist gerade busy mit Joys Album und seinem Soloalbum. Die nächste Zeit kann man das also nicht erwarten. 

Wie siehst du den Reggae-Nachwuchs in Deutschland? 
Es gibt auf jeden Fall talentierte Musiker. Das merkt man auch auf Festivals. Es gibt kleine Festivals, von denen die Medien gar nichts mitkriegen. Es gibt eine Menge talentierte Musiker in Deutschland und auch weltweit. 


Aber hinsichtlich kommerziellen Erfolgs in Deutschland sieht es da eher schwierig aus. 
Ich muss aber auch sagen, dass ich tierisch Glück mit der Zeit gehabt habe. Was uns damals geholfen hat – Stichwort Freundeskreis – waren diese Collabo-Geschichten mit Hip Hop. Mitte der 90er mochten die Leute diesen Fusion-Sound Hip Hop, Reggae, Dancehall. Es hat ja auch ganz viele Parallelen: Beides kommt von der Straße und zum großen Teil sind beide Musikrichtungen auch gegen das Establishment. Da entstand so eine Symbiose: viele sind vom Hip-Hop-Lager zu Reggaepartys gegangen und umgekehrt. Dadurch hat das so eine gewisse Größe bekommen. Das ist heute nicht mehr so. Und ich weiß nicht, ob das wiederkommt.
Ich glaube sowieso, dass sich die Musik heute allgemein so ein bisschen zerflossen hat. Manchmal ist es schwierig einzuordnen, was es ist. Ich beurteile das gar nicht – weder positiv noch negativ, dass man sich manchmal fragt: Was ist denn das eigentlich für ’ne Mukke? Ist das jetzt Pop, House oder Reggae? Und auch im Hip Hop zerfließen gerade die Grenzen. Jeder macht irgendwie alles. Das ist ok, aber trotzdem fehlt dadurch auch ein bisschen die Identifikation. Ich glaube, es gibt immer Talente. Man muss die einfach auch sehen und fördern. Und dann entsteht auch wieder Neues.

 



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Kommentare
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    • Birne geschrieben am

      Cooler Artikel! 

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