Interview mit Frittenbude über Altersmilde, Grenzen und Streaming

Interview mit Frittenbude über Altersmilde, Grenzen und Streaming

„Irgendwie war für uns nicht die Zeit für lustige, knallende Songs”

01.02.2016

Am 13. Februar 2016 beschließt Frittenbude in Huxley‘s Neuer Welt ihre Küken des Orion-Tour, für die Wahl-Berliner sozusagen ein Heimspiel. Vorab sprachen wir mit Sänger und Texter Johannes Rögner über die bisherigen Konzerte, Altersmilde und die Vor- und Nachteile von Streaming-Diensten.

Interview mit Frittenbude über Altersmilde, Grenzen und Streaming
Martin, Johannes und Jakob (von links nach rechts) zerflexen am 13. Februar Berlin

Der zweite Teil eurer Küken des Orion-Tour bringt euch nun auch nach Berlin. Wie waren die Konzerte bisher?

Die Shows bisher waren richtig fett. Wir sind bisher ja immer zu dritt aufgetreten, haben uns jetzt aber live noch einen Drummer und einen Keyboarder ins Boot geholt. Dadurch wird der Sound noch breiter, scheppernder und treibender, nicht mehr so technoid, wobei wir natürlich die Technotracks nach wie vor spielen. Die Tour war bisher richtig gut, unser Lichttechniker hat ein fettes Lichtkonzept aufgefahren, das wir jetzt natürlich auch weiterhin mitnehmen werden.





Sind euer Drummer und euer Keyboarder bei den nächsten Studioprojekten auch dabei oder bleibt es bei der Live-Unterstützung?

Sie sind live als Unterstützung geplant. Aber sie sind auch Freunde von uns und keine Musiker, die wir angemietet haben. Es kann auf jeden Fall passieren, dass sie beim nächsten Album involviert werden, aber der harte Kern bleiben wir drei. „Frittenbude – Die Band” sind wir sozusagen zu fünft, aber Frittenbude an sich sind Martin, Jakob und ich.





Habt ihr auf der bisherigen Tour Unterschiede feststellen können bezüglich Ressentiments und Vorurteile oder bekommt man sowas in der Tour-Blase gar nicht mit?


Wir kriegen das eher nicht mit, weil es auch komisch wäre, wenn Leute mit diesen Einstellungen auf unsere Konzerte kommen würden. Die hätten dann irgendwas nicht verstanden. Es ist eigentlich überall sehr nett. Wir sind auch nach den Konzerten immer noch am Merch-Stand zugegen, machen Fotos mit den Leuten und trinken Bier. Da kommt man mit den Leuten zwangsläufig ins Gespräch und es war immer sehr nett und lustig.





Du meintest einmal, dass die Auflösung aller Grenzen ein Schritt wäre, der zwar nicht alle Probleme löse, aber zumindest einen Fortschritt darstellen würde. Wie hast du die Meldung zu Grenzschließungen oder die Vorstöße eines Horst Seehofers aufgenommen?

Das war schon ein Schlag ins Gesicht für alle klar denkenden Menschen. Gerade was Horst Seehofer seit Jahren sagt, da läuft einem ein Schauer über den Rücken. Wir aus Bayern und wahrscheinlich auch viele andere waren ja schon froh, als er eine Zeit lang weg vom Fenster war. Leider kann man das aber nicht nur auf Horst Seehofer abwälzen, was Markus Söder beziehungsweise die komplette CSU teilweise vom Stapel lässt – oder auch ein Thomas de Maizière – das ist schon ganz schön schlimm. Und klar, wir halten immer noch an unserem Wunsch der geöffneten oder nicht existierenden Grenzen fest.





Ihr seid auch auf dem „Kein Mensch ist illegal - Sampler” vertreten. Warum habt ihr dafür den Song „Die Möglichkeit eines Lamas“ ausgewählt?

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„Altersmilde? Das wäre fatal!”
Ich glaube, dass die Leute des Samplers angefragt haben und den Song wollten. Er ist nicht vordergründig politisch, aber schon ein politischer Track. Ich spreche zwar nichts direkt aus, aber es wird vieles angedeutet und umschrieben, vielleicht merkt das ja der ein oder andere Hörer. Vielleicht auch erst später. Mir geht es manchmal so, dass ich erst zwei, drei Jahre später checke, was die Person im Song eigentlich gesagt hat. Manche Dinge nimmt man hinter diesem Schleier aus Musik oft gar nicht wahr, wenn man nicht tiefer in den Text eintaucht. Plötzlich macht es dann Zack und man erkennt, was tatsächlich gemeint war.
 Aber wir haben jetzt noch einen Song gemacht, der eigentlich von der Albumproduktion übrig geblieben ist und jetzt auf einem Soli-Sampler von Springstoff erscheint. Der Song heißt „Oury“, benannt nach Oury Jalloh, und er hat den selben Beat wie unser Song „Endlich unendlich“, nur mit anderem Text und anderem Refrain. Der ist auf jeden Fall vordergründiger politisch als „Die Möglichkeit eines Lamas“.





Vor ein paar Jahren wäre es wohl eher ein Auf-die-Fresse-Track wie „Deutschland 500“ geworden. Jetzt klingt eure Musik melancholischer, subtiler und vielschichtiger. Stellt sich langsam die Altersmilde ein?

Altersmilde, auf keinen Fall! Das wäre fatal. Das hat sich bei „Delfinarium“ schon irgendwie angekündigt, dass es bei uns mal ein bisschen ruhiger wird. Es ist auch momentan so eine Zeit, in der es immer wirrer und schlimmer wird, noch beschissener als vor fünf Jahren, als das „Delfinarium“-Album erschienen ist. Irgendwie war für uns nicht die Zeit für lustige, knallende Songs, es war eher die Zeit für uns etwas Nachdenklicheres, Traurigeres zu machen. Wir sind aber schon am nächsten Album dran und das wird auf jeden Fall Techno. Da haben wir selber auch wieder Bock drauf.





Ihr sitzt schon am nächsten Album?

Naja, sitzen ist vielleicht das falsche Wort, aber wir machen uns Gedanken und schreiben und produzieren. Wir hören ja nicht auf Musik zu machen, das ist ja wie eine stetige Wanderung. Kaum ist man den einen Berg hoch und wieder runter gegangen, sucht man sich schon den nächsten aus.





Passiert denn auch auf Tour kreativ so viel oder liegt dann die Konzentration auf den Konzerten?

Das liegt immer an der rauschenden Partynacht am Vorabend. Wenn wir lange Party gemacht haben, ist die Produktivität natürlich ein bisschen eingeschränkt, aber ansonsten sitzen die Jungs schon oft an ihren Drum-Computern und produzieren. Als Texter schreibt man eigentlich auch die ganze Zeit, außer man hat mal eine Blockade. Manchmal kommt was Gutes dabei heraus und dann kommt halt wochenlang nur Blödsinn.





Gut, dass du auf das Thema Texte zu sprechen kommst. Auf Spotify findet man Audiokommentare zu jedem Song auf dem neuen Album. Müsst ihr oft eure Texte erklären oder wie kamt ihr auf die Idee?

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„Ich finde schon, dass Musik wertig bleiben und nicht zu einem Produkt verkommen sollte.”
Das war eine Idee des Labels, die das mal ausprobieren wollten. Ich erkläre meine Texte nicht so gerne, eigentlich sollten sie selbsterklärend sein. Wenn dem nicht so ist, ist es vielleicht noch nicht an der Zeit. Man schreibt ja etwas, um sich auszudrücken und dann sollte alles gesagt sein. Wenn man den Song dann erklären soll, ist das immer ein bisschen schwierig. Für mich zumindest, ich mache das nicht sehr gerne.





Manche Künstler möchten ja nicht, dass ihre Songs auf Streaming-Portalen erscheinen. Wie steht ihr zu Spotify und Co.?

Da sind wir gemischter Meinung, es gibt keinen festen Band-Konsens. Es wäre aber auch fatal, sich dieser Entwicklung zu entsagen. Ich finde zum Beispiel Spotify viel besser als Youtube, weil man als Künstler zumindest ein bisschen was zurückbekommt. Youtube hat jahrelang nichts bezahlt. Wobei wir natürlich eine Band sind, die von Youtube profitiert hat, man verdient halt dann an anderer Stelle, zum Beispiel bei Konzerten. Ich finde aber schon, dass Musik wertig bleiben und nicht zu einem Produkt verkommen sollte. Einigen Leuten ist es ja schon zu viel 10€ monatlich für Spotify zu bezahlen. Ich gebe schon gerne Geld für Platten aus, die ich gut finde oder die mir etwas bedeuten, damit ich sie dann zu Hause habe. Aber das ist halt unterschiedlich, man sollte Leute auch nicht dafür verurteilen, wenn sie nur streamen und sich nicht auf das Album einlassen. Vor allem auf Reisen ist es halt auch nicht schlecht. Früher hattest du ein fettes CD-Case dabei, irgendwann dann den MP3-Player und jetzt hast du Zugriff auf fast alle Musik der Welt. Du kannst überall jede Musik hören. Wenn du mit fremden Leuten ins Gespräch kommst, können sie dir sofort die Musik aus ihrem Land oder aus ihrer Gegend zeigen. Das ist schon nicht schlecht. Aber ich habe selber kein Spotify, meine beiden Kollegen sind schon eher spotify-affin. Ich gehe noch gerne in den Plattenladen. Jetzt bin ich ein bisschen abgeschweift. Entschuldigung.





Kein Ding. Zum Abschluss noch einmal ein Rückgriff auf die Tour. Haben sich auf dem ersten Teil bei euch schon Live-Favoriten des neuen Materials herauskristallisiert?

Ja, klar. Mir macht „Endlich unendlich“ sehr viel Spaß, weil der Song sehr treibend, schnell und pogig ist. Aber man muss wohl sagen, dass „Stürzende Helden“ der Song ist, der live am besten knallt. Wir haben jetzt zur neuen Tour aber wieder etwas umgeworfen. Einige Lieder werden wir ersetzen, damit Leute, die vielleicht ein zweites Mal kommen nicht das selbe Konzert sehen. Wir probieren es zumindest. Wir haben bisher noch keinen Tag geprobt (Anm. d. Red.: Stand Dezember) und müssen uns jetzt ein bisschen ranhalten.

Wir haben auch Songs von den ersten Alben in der Setlist, die wir jahrelang nicht gespielt haben. Wir versuchen von jedem der vier Alben etwa 25 Prozent zu spielen, weil es auch für die Fans blöd ist, wenn man auf ein Konzert geht und die Band spielt die Songs nicht, mit denen man die letzten Jahre verbindet. Ich finde es gut, wenn es eine gute Mischung aus neuen und alten Sachen ist.




Vielen Dank für das Gespräch!



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