Irie Révoltés über Homophobie, Revolution und radikale Ansichten

Irie Révoltés über Homophobie, Revolution und radikale Ansichten

"Es ist gerade richtig beschissen zu sehen, dass es die Leute einfach immer noch nicht geschnallt haben ..."

13.10.2015

Irie Révoltés über Homophobie, Revolution und radikale Ansichten
"Als erstes muss die Revolution im Kopf stattfinden. Man muss versuchen, die Leute aufzuklären. Man muss aber auch anfangen, die Machtverhältnisse umzustürzen."
„Für immer Antifaschist. Für immer Antirassist. Für immer gegen das Schlechte und für das Gute. Keine Kompromisse!“ Das ist der Leitspruch der siebenköpfigen Reggae-Dancehall-Hip-Hop-Crew und damit macht Irie Révoltés ihrem Namen alle Ehre. Wir sprachen mit den beiden „aufständischen“ Brüdern Mal Élevé und Carlito über ihre klare Position als Antifaschisten, die derzeitigen Gefahren, warum eine Revolution nötig ist, um die Machtverhältnisse umzustürzen und warum die Reggaeszene die Band bis heute nicht angenommen hat.

 

Ihr habt mal gesagt, dass ihr in der Reggae-Szene bis heute nie richtig stattgefunden habt. Wie kommt das? Seht ihr das immer noch so?
Mal Élevé: Was wir meinten war, dass wir nicht so richtig angenommen wurden. Außer natürlich die Reggae-Fans und Leute, die sowieso Reggae gehört haben. Aber die Szene an sich nie so richtig. Zum Beispiel haben uns Selectors nicht wirklich auf den Partys gespielt. Die „Riddim“ hat uns immer wieder mal gefeatured, aber als Band an sich sind wir nie so richtig in der Reggae-Szene angenommen worden. Und das ist auch immer noch so.
Carlito: Vielleicht waren wir nicht standardmäßig genug. Wir hatten schon immer unseren eigenen Style. Wir waren ja auch nie ausschließlich Reggae. Es war zwar immer ein riesen Element in unserer Musik, aber ich könnte mir vorstellen, dass der Hauptgrund ist: dass wir keine klare musikalische Linie gefahren sind, sondern unseren eigenen Stil gemischt haben.

 

Ihr sprecht euch offen gegen Homophobie in Rap- und Reggae-Texten aus. Könnt ihr euch das erklären, warum Rapper mit homophoben Texten teilweise im Feuilleton gefeiert werden? Warum werden da so große Unterschiede gemacht?
Mal Élevé: Ich glaube, das liegt u.a. auch daran, dass innerhalb der Reggae-Szene – zwar immer noch zu wenige, aber doch – mehr kritische Stimmen da sind. Dadurch ist es ja auch überhaupt zum Vorschein gekommen. Es hat angefangen, dass Leute, die eigentlich gerne Reggae hören, gesagt haben, dass sie auf sowas keinen Bock mehr haben. Ich denke, diese Stimmen gibt’s in der Rap-Hip-Hop-Szene auch, aber eher weniger. Deswegen kam die Diskussion nicht so krass zum Vorschein und erreicht so auch nicht das Feuilleton. Gruppierungen im Reggae haben damals angefangen sich aufzuregen. Der Anstoß kam schon aus der Szene an sich. Politiker und andere kamen erst später dazu.

 

Ist es nicht heuchlerisch zwischen den Genres so große Unterschiede zu machen?
Carlito: Ja, ist es. Und wir machen da auch keine Unterschiede. Es ist aber auch ein anderer Sprachgebrauch.
Mal Élevé. Es wird auch nicht so krass zum Mord aufgerufen wie im Reggae und Dancehall teilweise. Das ist vielleicht auch noch etwas, was einfach noch mehr empört. Aber letztendlich sind die Aussagen ja mehr oder weniger die gleichen. 

 

Habt ihr das Gefühl, dass sich dahingehend was verändert hat, gerade im jamaikanischen Reggae?
Mal Élevé: Ich glaube nicht so wirklich, ehrlich gesagt. Es gibt auch verschiedene Künstler, die damit nichts zu tun haben – auch in Jamaika – das muss man ja auch sagen. Aber es gibt auch weiterhin neue, die das weiterhin machen. Deshalb würde ich sagen, eher leider nicht so wirklich. 

 

Ihr seid eine Band mit politischen Texten und Botschaften. Was sagt ihr zur aktuellen Flüchtlingssituation und den teilweise offen rassistischen Stimmungen?
Carlito: Es ist sehr erschütternd, beängstigend und es macht uns fassungslos zugleich. 

Mal Élevé: Dass so etwas, gerade hier in dem Land, auf dem Flecken Erde, nach dieser Geschichte, jetzt noch mal so abgeht, ist einfach nur erschreckend und beängstigend. Ich hoffe wirklich, dass es auch aus der restlichen Gesellschaft heraus viele Menschen gibt, die das genauso scheiße finde wie wir. Es gibt zum Glück immer mehr bekannte Gesichter, die sich auch im Netz dazu äußern und eine klare Gegenposition einnehmen. Aber es ist natürlich nur ein ganz kleiner Tropfen auf diesem riesen Stein, der gerade in eine Richtung zu rollen beginnt, die ich als sehr gefährlich ansehe. 

 

 

 

Ihr wart in Dresden bei Demos und in Heidenau beim Refugees Welcome Fest. Was für einen Eindruck habt ihr von den Sachsen?
Mal Élevé: Es war schön zu sehen, dass auch viele aus Heidenau, aus den umliegenden Dörfern und natürlich auch aus Dresden kamen und das Willkommensfest für die Flüchtlinge unterstützt haben. Es gab Familien, nicht nur engagierte Antifaschisten, sondern einfach Bürger, die dorthin kamen und ihre Bereitschaft gezeigt haben, die Geflüchteten willkommen zu heißen und am Ende wurde auch zusammen getanzt und gefeiert. Das war ein sehr schönes Erlebnis. In Dresden und in größeren Städten merkt man natürlich, dass die Leute auch anders ticken. Es wäre auch falsch zu sagen: die Sachsen sind so und so. 

 

Medial wird es gerade jetzt aber auch gerne so dargestellt, als seien die Sachsen eine braune Masse.
Carlito: Es wird jetzt stark gebrandet nach dem Motto: In Sachsen sind alle flüchtlingsfeindlich. Wir sind ursprünglich aus Baden-Württemberg und auch dort haben Heime gebrannt. Auch dort gibt es genug, die genauso denken. Das wird medial nur weniger gepusht. 
Mal Élevé: Was gerade im Ruhrpott passiert, ist genauso heftig und schlimm. Und die Naziszene in Dortmund ist genauso krass wie die in Dresden.

 

Ihr wollt mit eurer Musik einen Anstoß für Veränderung geben. Funktioniert es? 
Carlito: Einige sagen nach Konzerten, dass sie über uns auf dieses oder jenes Projekt gekommen sind. Und das ist genau das, was wir mit unserer Musik auch erreichen wollen: Dass es im Kleinen anfängt und hoffentlich zu einem großen Schneeball wird, der immer schneller rollt. Ich glaube, das ist auch das einzige, was Musik wirklich bewirken kann: Aufwecken und Leute wachrütteln. Musik kann nicht die Welt verändern, aber sie hat schon immer Bewegungen begleitet, schon immer Emotionen ausgelöst. Das hoffen wir auch weiterhin, dass wir ein paar Leute auf den Konzerten zumindest zum Nachdenken bringen können, ihren eigenen Kopf zu benutzen – dann haben wir schon was erreicht.

 

Mal Élevé hat mal gesagt: „Wir sind radikal.“ Was meinst du damit? Ansichten oder auch Aktionen?
Mal Élevé: Beides. Aber es ist auch so, dass wir innerhalb der Band unterschiedlich sind. Bei den grundlegenden Geschichten sind wir aber einer Meinung – nur dass die einen vielleicht radikaler sind und die anderen eher weniger. Wir gehen natürlich auch Kompromisse ein, um mehr Leute zu erreichen. Aber wir haben auch bestimmte Punkte, bei denen wir sagen, da gibt es definitiv Grenzen. Das machen wir nicht mit.
Carlito: Wir haben z.B. mal einem Veranstalter abgesagt, weil wir herausgefunden haben, dass er auch ein Konzert mit Frei.Wild gemacht hat. Das war so ein Punkt, bei dem wir gesagt haben, das machen wir auf keinen Fall mit. Wir haben dann auch andere Veranstalter gefunden, die mit uns das Konzert dann gemacht haben.

 

Es fällt auf, dass viele Menschen nicht mehr „nur“ reden, sondern ihren Protest auch anders zeigen wollen. Typische Aktionen sind bspw. Vandalismus. Könnt ihr das nachvollziehen?
Carlito: Wir können nachvollziehen, dass wenn trotz Gewalt, die Menschen widerfährt, nichts passiert, sich dann Wut entlädt oder Aktionen stattfinden müssen, die wachrütteln sollen. 
Mal Élevé: Ich denke, wenn die Leute an einen Punkt kommen, wo sich der Staat kurzfristig zurückzieht, aber eigentlich vor irgendeinem Mob nur kapituliert, der Asylheime anzündet, dann ist es wirklich höchste Zeit, sich zu fragen, was man selbst tun kann. Und dann kommt wahrscheinlich auch der Gedanke: „Ok, wenn der Staat und die Polizei es nicht schaffen, dann müssen das wohl andere Leute machen.“ Deswegen finde ich solche Gedanken momentan auch berechtigt. 

 

Ist es Zeit für eine Revolution?
Mal Élevé: Definitiv. Das Wort Revolution ist ja leider mittlerweile negativ konnotiert. Das ist schade. Wenn wir von Revolution reden, geht’s eigentlich eher um die Abschaffung negativer Zustände, um etwas Neues zu schaffen, was offener ist, wo sich Menschen gegenseitig tolerieren und wieder mehr voneinander lernen. Wir leben in einer Zeit, in der die Welt immer mehr zusammenwächst. Aber die Länder und Gesellschaften in dieser Welt radikalisieren sich gegen sogenannte fremde oder andersartige Menschen – das geht gerade komplett konträr. Und das ist sehr gefährlich. Deswegen ist eine Veränderung unserer Gesellschaft äußerst notwendig.

 

Und wie könnte diese Revolution aussehen?
Carlito: Als erstes muss die Revolution im Kopf stattfinden. Man muss versuchen, die Leute aufzuklären. Man muss aber auch anfangen, die Machtverhältnisse umzustürzen. 

 

Wie sähe eine bessere Welt aus?
Carlito: Man könnte anfangen, die Grenzen – sowohl in den Köpfen als auch auf der Landkarte – abzuschaffen. Es gibt nur diese eine Welt und wir gehören alle hier drauf. Und wenn die Menschheit mal verstehen würde, dass wir alle voneinander lernen können und auch einander brauchen, um überhaupt zu überleben, wäre schon viel geschafft. Interesse an anderen Menschen würde schon so viel vom dem Hass aufheben und Missverstände aufklären.

 

Welche Tendenzen seht ihr für die Zukunft? Hoffnungsvoll oder eher negativ und beängstigend?
Mal Élevé: Wenn ich sehe, was in Deutschland und anderen Ländern gerade abgeht, sehe ich die Zukunft, ehrlich gesagt, im Moment eher negativ. Es ist gerade richtig beschissen zu sehen, dass es die Leute einfach immer noch nicht geschnallt haben ... da wiederholt sich was, was vor 20, 25 Jahren schon einmal passiert ist (Brandanschläge auf Flüchtlingsheime, Anm. d. Red.). Das macht mir schon angst. Auf der anderen Seite versuchen wir trotzdem auch immer die positiven Sachen zu sehen, sonst würde man daran verzweifeln. Und damit ist am Ende auch niemanden geholfen. 

 

Irie Révoltés könnt ihr am 15. Oktober live in der Columbiahalle erleben

 

 



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