Nacho Duato bei der Vorbereitung

„Jetzt werdet ihr mich erst so richtig kennen lernen.“

Neue Inszenierung von "Nussknacker"

22.10.2016

Nacho Duato – der Intendant am Staatsballett Berlin
Nacho Duato – der Intendant am Staatsballett Berlin
„Der Nussknacker“, basierend auf E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Nussknacker und Mäusekönig“, ist eines der beliebtesten Ballette und fester Bestandteil der Vorweihnachtszeit von Familien auf der ganzen Welt. Nacho Duato hat dem Klassiker einen modernen Anstrich gegeben. Seine Inszenierung feierte 2013 am Mikhailovsky-Theater in Sankt Petersburg Premiere und wurde im vergangenen Jahr an der Scala in Mailand aufgeführt. Ab dem 7. Oktober ist sie nun am Staatsballett Berlin zu sehen.

 

Herr Duato, warum haben Sie sich entschieden, den „Nussknacker“ ins Programm zu nehmen?

Wir hatten hier ja auch zuletzt einen „Nussknacker“ von zwei russischen Choreografen, den ich zwei Jahre lang inszeniert habe. Nun fand ich, er verlangte meinen Tänzerinnen und Tänzern nicht genug ab und das Stück verdiene eine Modernisierung.

 

Inwiefern ist ihre Inszenierung anspruchsvoller fürs Ensemble?

Bei mir werden etwa der Prinz und der Nussknacker vom gleichen Tänzer getanzt, und auch die Kinder aus der großen Party-Szene werden vom Corps übernommen, nicht von Eleven. So bekommt das Stück eine ganz andere Lebendigkeit und Körperlichkeit.

 

Worin drückt sich die angesprochene Modernisierung aus?

Das ganze Stück ist jetzt leichter, und ich habe auch einige Passagen verkürzt, die nichts zur Story beitragen. Ich habe die Geschichte zudem ins Jahr 1913 verlegt, also in die Zeit vor der russischen Revolution. Das erlaubt ein moderneres Vokabular, vor allem weitere, freiere Bewegungen, da gerade die Tänzerinnen nicht durch große Kostüme und Perücken behindert werden.

 

Was dürfen wir ansonsten von den Kostümen erwarten?

Die Ratten etwa sehen nicht aus wie echte Ratten und bewegen sich auch nicht so. Es sind Menschen, für deren Gestaltung ich Kamikaze-Piloten aus dem Zweiten Weltkrieg vor Augen hatte. Sie tragen Helme und Lederjacken und sind nur durch zwei Zähne als Ratten gekennzeichnet. Auch so wendet sich mein „Nussknacker“ nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene. Auch vorrangig für Kinder produzierte Kinofilme richten sich ja mehr und mehr auch an die Erwachsenen im Saal. Zudem sollten wir Kinder nicht wie Dummköpfe behandeln und ihnen Kitsch vorsetzen – man darf ihnen schon etwas zutrauen.

 

Eine zentrale Rolle in Ihren Produktionen spielt stets das Bühnenbild. Was wird hier passieren?

Das Set-Up im ersten Akt ist vergleichsweise klassisch, sehr russisch: die große Villa im Newski-Prospekt in Sankt Petersburg, durch das Fenster sieht man die Kasaner Kathedrale, die Newa, die Peter-und-Paul-Festung – das ist der Ausblick aus meinem Appartement, das ich in der Stadt hatte, direkt neben der Hermitage. Der zweite Akt ist minimalistischer. Ich verzichte auf die große Weihnachtslandschaft, sondern nutze nur Sterne und einige Stalaktiten aus Kristallen für einen nächtlichen Tanz im Universum.

 

Haben Sie auch die Musik aktualisiert?

Nur in den eingangs angesprochenen Raffungen insbesondere der Intermezzi Musicali die ursprünglich aus rein technischen Gründen in die Partitur aufgenommen worden sein mögen, etwa um der Primaballerina Zeit für einen Kostümwechsel zu geben. Aber die Musik ist wunderschön und hier wie generell der wahre Grund, warum ich mich für ein Stück entscheide. Und sie ist modern genug.

 

Mit Ksenia Ovsyanick und Denis Vieira hat das Staatsballett zwei neue Solisten. Inwiefern werden sie ihre Interpretation prägen?

Sie tanzen natürlich die gleichen Schritte wie die zwei anderen Besetzungen, aber sie haben andere Persönlichkeiten und körperliche Ausdrucksweisen. Beide sind leidenschaftlicher, sexier vielleicht sogar, als Iana Salenko und Marian Walter, die in der Premiere tanzen und bei denen der Schwerpunkt eher auf Präzision und Technik liegt.

 

Zum Abschluss ein kleiner Ausblick. In Sasha Waltz und Johannes Öhman sind Ihre Nachfolger bereits benannt. Wie gehen Sie Ihre letzten drei Jahre in Berlin an?

Ich freue mich darauf, wie ich überhaupt jeden Tag sehr gern hier arbeite. Natürlich sind drei Jahre eine ungewöhnlich lange Zeit für einen Wechsel, aber ich blicke gar nicht so sehr nach vorn, sondern eher auf die Gegenwart. Es stehen viele spannende Projekte an, etwa die Premiere meiner jüngsten Komposition „Tierra“ an der Komischen Oper am 21. April nächsten Jahres. Manch einer hat geschrieben, die Ära Duato ginge nun zu Ende – ich denke, sie fängt gerade erst an. Jetzt werdet ihr mich erst so richtig kennen lernen.

 

Infos:  www.staatsballett-berlin.de



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