Kraftklub: Märchen vom unpolitischen Musiker und niemals endende Rebellion

Kraftklub über das Märchen vom unpolitischen Musiker und niemals endende Rebellion

"Felix kann halt nicht singen, deswegen muss er sprechen!"

19.08.2017

Kraftklub: Märchen vom unpolitischen Musiker und niemals endende Rebellion
„Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger den Leuten sagen, was richtig und was falsch ist.“
Kraftklub kommen mit ihrem dritten Album „Keine Nacht für Niemand“ am 3. November 2017 in die Arena Leipzig. Wir sprachen vorab mit Gitarrist Steffen über die neue Platte, Plan B, das Märchen vom unpolitischen Musiker und eine Rebellion, die niemals enden sollte. 

 

Glückwunsch. Euer neues Album ist auf Eins eingestiegen. Ihr wart noch nie nicht erfolgreich. Wartet man eigentlich irgendwann auf einen Einbruch?

Naja, warten nicht, aber wir sind uns alle sicher, dass irgendwann mal ein gewisser Zenit erreicht ist. Aber wir haben auch kein Ziel, wo es hingehen soll. Deswegen freuen wir uns, dass es allen soweit gut geht. Wenn es irgendwann bergab geht, dann ... (überlegt) machen wir trotzdem weiter (lacht). Dann spielen wir halt wieder in kleinen Clubs – darauf freuen wir uns eigentlich auch. 

 

Ihr macht im Oktober auch wieder eine Arenen-Tour. Manche finden das eh nicht so toll. Also lieber wieder alles kleiner?

Wir spielen natürlich auch gerne groß. Man kann das auch nicht miteinander vergleichen. Die Atmosphäre in großen Hallen mit so vielen Leuten ist für uns auch ziemlich krass. Man kann sich viel mehr Schabernack ausdenken und eine ganz andere Show abliefern als in einem Club. Aber wir spielen natürlich auch gerne in kleinen Clubs und versuchen, das auch immer mal zu machen. Da kommt alles her und das sollte man nie verlernen. 

 

Was ist an dem neuen Album „Keine Nacht für Niemand“ anders als bei den anderen beiden?

Das Cover (lacht). Viele Künstler meinen ja immer, dass das neue Album ganz anders ist und man sich weiterentwickelt hat ... Das finden wir übrigens auch. 

Es ist musikalisch ein bisschen entschleunigter. Bei den ersten Alben haben wir versucht, so schnell wie möglich zu spielen, weil wir immer dachten, bei schneller Musik rasten die Leute am meisten aus und es lässt sich am besten dazu tanzen. Beim zweiten Album haben wir versucht, das noch zu toppen. Und jetzt dachten wir, noch mehr auf die 12 können wir nicht mehr machen, deswegen wurde es alles ein bisschen entspannter. Wir haben auch versucht, nicht mehr ganz so sehr in der einen Richtung zu bleiben, in der wir angefangen haben, sondern uns auch auszuprobieren. 

So ähnlich lief es auch bei den Texten. Felix hat bei den ersten Alben eher unsere Geschichte wiedergeben. Die ist dann aber halt auch irgendwann mal erzählt, da gibt es dann auch nicht mehr so viel Neues (lacht). Deswegen hat sich Felix in sein lyrisches Ich hineinversetzt und sich schöne Geschichten ausgedacht. Es ist nicht mehr ganz so persönlich und autobiografisch. Beim ersten Album ging es schon sehr darum, wo wir herkommen. Und was wir so machen. Beim zweiten ging es darum, was so passiert ist und wie wir damit umgehen. Und jetzt ist einfach alles ausgedacht (lacht). 

 

Das Album klingt melodischer als die letzten. Und viele Songs handeln von Liebe und Liebeskummer.

Das stimmt. Liebe ist ein Thema, was sich mit Musik einfach immer am besten erzählen lässt. Jeder versteht es ... 

 

Bei „Dein Lied“ fragt man sich unweigerlich, wie wohl „die verdammte Hure“ darauf reagieren wird? 

Joa, das wissen wir auch nicht. Aber die eine Spezielle gibt es ja auch nicht – auch wenn sich jetzt schon zwei Ex-Freundinnen darum streiten werden (lacht). Eigentlich ist nicht wirklich jemand damit gemeint. Es ist eine fiktive Geschichte, erzählt von einer frustrierten, kaputten Person, die nur versucht, sich an seiner Ex-Freundin zu rächen. 

 

Wie du schon sagst, mal sehen, wer sich um den Titel streitet ...

Ja, ja. Also wir hoffen, dass sich niemand angesprochen fühlt. Aber wenn doch – sollte diejenige vielleicht mal drüber nachdenken (lacht). 

 

 

Bei dem Song „Fenster“ heißt es: „Vertraue nicht dem Staat – nimm es selber in die Hand“ und „(...) wegen all der Gutmenschen“. Jemand, der keine Ironie versteht, könnte das als Schulterschluss zum Song „Marionetten“ von Söhne Mannheims sehen.

In der Tat. Wer Ironie nicht versteht, hat wahrscheinlich trotzdem Freude an dem Song. Aber so ist es ja nicht gemeint. Ironie ist ein Werkzeug, bei dem es einfach Spaß macht, es zu benutzen und damit zu spielen. Zu versuchen, den Leuten alles konkret zu erklären oder am besten noch eine Anleitung für die Texte zu schicken, wäre sehr aufwendig. Deswegen hoffen wir auf die Vernunft. Aber natürlich versucht man auch mal, ein bisschen zu verwirren oder mit Sachen anzukommen, mit denen die Leute nicht rechnen. Es macht uns halt auch Spaß, andere zu verunsichern.

 

Schon klar, du versuchst die ganze Zeit zu erklären, dass die Songs auf dem Album fiktive Geschichten sind, aber z.B. bei „Venus“ heißt es: „Rapper können mit uns nicht umgehen.“ Habt ihr Erfahrung, dass Rapper mit euch nichts anfangen können oder es euch auch absprechen?

Auf jeden Fall – sogar die meisten. Die sagen auch zu Recht: „Das ist doch kein Rap! Was soll das?“ Aber wir wollen ja auch keinen Rap oder Hip Hop machen. Felix kann halt nicht singen, deswegen muss er sprechen (lacht).   

 

Du sagtest, das Album ist etwas entschleunigter. Ich finde, ihr klingt auch nicht mehr so wütend. Seid ihr zufriedener geworden?

Nee, eigentlich nicht. Wir sind vielleicht selber ein bisschen entspannter geworden. Wir sind ja nun auch älter geworden. Wir versuchen auch nicht mehr, jede Party mitzunehmen, sondern nehmen uns mittlerweile allgemein etwas zurück. 

 

Ihr habt mit Anfang 20 angefangen, nun seid ihr Mitte, Ende 20. Anfangs attestierte man euch Attribute wie frisch, rotzig und Underdogs. Mit fortschreitendem Alter und Erfahrung lässt diese Punkrock-Attitüde doch automatisch nach, oder?

Ja klar, Underdogs kann man uns nun nicht mehr nennen.

 

Läuft man mit dem Einsetzen von Erfolg nicht automatisch Gefahr, satt zu sein? Gibt es noch einen Grund zum Rebellieren bei euch?

Den gibt es eigentlich immer. Das sollte tatsächlich auch nie aufhören. In unserem ersten Song, den wir rausgebracht haben, hieß es, dass es für die Jugend nichts mehr zu Rebellieren gibt, weil das die Eltern schon erledigt hatten. Aber eigentlich stimmt das nicht. Man kann das immer noch.

 

Gegen was würdest du ankämpfen?

Ach, grad ist alles schön bei mir (lacht). Nein, ernsthaft, wie sich die politische Lage gerade verändert, ist schon beängstigend. Da kann man immer etwas tun. Und wenn es nur ist, seine Meinung zu sagen.

Aber was wir nie wollten, ist mit dem erhobenen Zeigefinger den Leuten zu sagen, was richtig und was falsch ist. Das würden wir uns nie erlauben. Das sollte jeder selbst rausfinden. 

 

Ihr meintet am Anfang eurer Karriere, dass ihr unpolitisch seid. Aber durchgezogen habt ihr das nicht. Ihr habt euch oft positioniert. Wie kommt ihr darauf, euch nicht politisch äußern zu wollen?

Das haben wir am Anfang gesagt. Da waren wir noch sehr naiv. Wir wollten nicht politisch sein, sondern nur Musik machen. Das war auch eine Zeit, da war Politik für uns noch nicht so wichtig und vieles war noch nicht so verfahren. Das Leben war schön, wir waren jung ... Das war natürlich total doof, weil wir damals nicht verstanden haben, was es genau heißt. Wir hatten im weitesten Sinne damals schon politische Songs. Ich glaube, Politik und Musik lassen sich generell schwer trennen, es sei denn, man macht vielleicht Schlager. Und selbst da ... Ich glaube, Helene Fischer hat teilweise auch sehr politische Songs (lacht). 

Kraftklub: Märchen vom unpolitischen Musiker und niemals endende Rebellion
"Wir sind leider zu bescheiden, um das Leben mit dem großen Löffel zu essen."

Gab es mal eine Zeit, in der euch der Erfolg und die Aufmerksamkeit zu viel wurden?

Es gibt Momente, in denen viel zusammenkommt und es manchmal ein bisschen stressig wird. Aber wir hatten nie das Problem, dass wir jetzt nicht frei waren oder uns irgendwo verstecken mussten. Wir hatten eigentlich immer unsere Ruhe, es war nie unangenehm. 

Wir wohnen alle noch in Chemnitz und da ist es total entspannt. Die Leute lassen uns in Ruhe. Ich glaube, wir gehen denen schon auf den Sack. Deswegen ist alles eigentlich total normal. 

 

Vor fünf Jahren antwortete Felix auf die Frage, wo er die Band 2017 sieht mit: viel Geld verdient haben, drogenabhängig gewesen sein, in RTLII-Bussen durch Deutschland tingeln, sich gegenseitig verklagen und jeder eine eigene Band gründen. Und?

Das stimmt alles, bis auf die eigene Band. Er hat alles richtig vorhergesagt (lacht). Im Ernst, wir sind alle ein bisschen dicker geworden – vielleicht auch nur ich. Wir sind leider zu bescheiden, um das Leben mit dem großen Löffel zu essen. Deswegen geht es uns körperlich noch ganz gut bis jetzt.  

 

Ihr tretet auch in Leipzig auf. Wie stehst du zu Leipzig?

Viele Freunde von uns wohnen in Leipzig. In Chemnitz stellt man sich irgendwann die Frage, ob man hierbleibt und einen anständigen Beruf lernt oder nach Leipzig geht und irgendwas Cooles studiert und versucht, das junge Leben besser zu genießen als es letzten Endes in Chemnitz möglich ist. Deswegen sind wir auch oft in Leipzig bei Freunden und Familie – die haben letzteres gewählt. Leipzig ist für uns eine wichtige Stadt, in der wir gerne sind. 

 

„Keine Nacht für Leipzig“-Tour: urbanite präsentiert die Chemnitzer Band am 3. November 2017 in der Arena Leipzig. Das Konzert ist ausverkauft, aber hier habt ihr die Chance, 2x2 Tickets zu gewinnen!

 

Kraftklub live 2017

2. November 2017 in der Max-Schmeling-Halle in Berlin
3. November 2017 in der Arena Leipzig - AUSVERKAUFT



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