Artikelbild für Michel Houellebecqs "Unterwerfung" am Deutschen Theater Berlin

Michel Houellebecqs "Unterwerfung" am Deutschen Theater Berlin

Interview

12.04.2016
Autor: urbanite 

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Hauptdarsteller Steven Scharf in Aktion

Michel Houellebecq als Visionär oder Provokateur, der mit den Ängsten spielt? Sein Roman „Unterwerfung“ ist einer der umstrittensten des letzten Jahres. Das Stück spielt in Frankreich im Jahr 2022. Die Wahlen stehen an, die Sozialisten enttäuschen und die Angst vor dem Front National verhilft einem Islamisten zur Präsidentschaft. Daraufhin ändert sich das Leben in Frankreich grundlegend. Die Inszenierung läuft ab dem 22. April am Deutschen Theater Berlin.  Wir trafen den Regisseur Stephan Kimmig und den Dramaturg David Heiligers bei den Proben, um über das Stück zu sprechen.

 

Was hat Sie dazu bewegt, Michel Houellebecqs Roman als Stück auf die Bühne zu bringen?

 

Heiligers: Wir waren schon vorher große Houellebecq-Fans. Es wurde in den ersten Tagen vieles falsch oder hysterisch gelesen und wir haben uns mit diesem Buch intensiv beschäftigt. Der Stoff ist für das Theater ansprechend und gibt viel her, um den auch auf unterschiedliche Art und Weise zu lesen und da ist auch ein großes Bedürfnis im Theater, in dieser Komplexität, in dieser Tiefe und in dieser Weite. Ich habe noch kein Stück gelesen, das es in der Form schafft, wie Houellebecq das schafft.

 

Wie aktuell ist das Stück in Bezug auf Deutschland? Besonders in Hinblick auf den Erfolg der AfD und auf die Demokratiemüdigkeit bzw. Gleichgültigkeit. Oder im Gegenteil das gewachsene Interesse an der Politik aufgrund der Flüchtlingskrise, welches zu neuen Kräfteverhältnissen in der Politik führt?

 

Heiligers: Man muss bedenken, dass Frankreich da ein ganz anderes System hat als wir, trotzdem gibt es natürlich große Gemeinsamkeiten. Im Buch gibt es zum Beispiel die Identitäre Bewegung, das ist eine Bewegung, die tatsächlich existiert. Das sind Positionen, die bei uns vielleicht Pegida oder eben auch die AfD einnimmt und das sind natürlich Tendenzen, die mit dieser Sinnsuche zusammenhängen, nämlich dass radikale Positionen wieder an Zulauf gewinnen. Das ist ja ein Phänomen, welches jetzt nicht neu ist. Es gibt die Bruderschaft der Muslime und es gibt den Front National, das sind die Entsprechungen auf demokratischer Ebene, das sind die gemäßigten Parteien, aber es gibt eben diese sehr, sehr starken Ränder: die Identitäre Bewegung, die Rechtsradikalen und die Salafisten. Frankreich steht am Rand eines Bürgerkriegs. Das ist aber ein Szenario, wenn man sich Brüssel anschaut, das nicht so weit entfernt ist. Und das ist eine Frage, die auch auf Deutschland oder ganz Europa zutrifft: Schafft es die Politik in naher Zukunft, den Menschen wieder das Gefühl zu geben, einen Weg zu finden, mit diesen Problemen umzugehen?

 

Was ist das Besondere an Ihrer Inszenierung?


 

Heiligers: Francois ist der Hauptanker, über den die Geschichte erzählt wird. Da kommt man schwerlich drum rum, weil er ein typischer, Houellebecq-scher
Prototyp des westlichen Mannes ist. Aber uns ist es wichtig, über andere Figuren dieses breite Spektrum von gemäßigten und radikalen Positionen, diese
Meinungsverschiedenheiten aufzuzeigen. Und darüber auch in eine Auseinandersetzung mit der Frage zu kommen, wo wir mit Europa hinwollen.

 

Unterwerfung ist zugleich Satire, Science-Fiction und politischer Kommentar. Welche Richtung wird Ihr Stück gehen?


 

Kimmig: Es geht darum, was uns als Gesellschaft im Kern zusammenhält, also neben dem Geld. Das weiß ja gerade niemand so richtig. Es wird momentan stark daran gearbeitet, dass man das wieder auffüllt. Es hieß ja mal in den 90er Jahren: Die Mauer ist gefallen. Eigentlich ist jetzt alles erledigt und dann hat der Neoliberalismus so brutal zugeschlagen und alle weichen Werte wurden probiert zu eliminieren: Solidarität, Empathie, Nächstenliebe. Das „Du“ war völlig uninteressant geworden. Jetzt versucht man alles ganz schnell zurück zu entwickeln, das ist aber schwer. Und darüber erzählt das Buch natürlich wahnwitzig viel.

 

Heiligers: Er beschreibt den elementaren, existenziellen Wandel einer Gesellschaft, der aber völlig friedfertig und mild verläuft. Mohammed Ben Abes schafft es als eine Art Erlösungsfigur in ökonomischer als auch in visionärer Perspektive dem Kapitalismus etwas entgegen zu setzen. Und das ist ja die verrückte These von Houellebecq, die auch so irritierend ist. Dass es vielleicht, diese Frage stellte sich uns, der Islam sein könnte, der unsere vielbeschworenen, ureigenen Werte zurückgibt: Familie, Bildung, Moral, etc. Und so sehen wir einhergehend mit diesem Wandel der Gesellschaft auch die Konversion eines Individuums, nämlich Francois.

 

Was war für Sie die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Stoffs?

 

Kimmig: Vielleicht alles was man vermeintlich weiß, und man weiß ja zum Teil nur Klischees, auch über den Islam zum Beispiel. Auch in welcher Situation wir uns psychisch insgesamt als Gesellschaft befinden. Dabei in ein Erzählen, in ein Fiebern, in ein Nachspüren, Nachsuchen und Forschen rein zu kommen, sodass der Zuschauer auf diese Reise mitgeht und nicht nur die vermeintlichen Gewissheiten abhakt, die er im Kopf hat.

 

Heiligers: Zugleich ist das Buch und dieser Stoff ein absolutes Minenfeld, gerade in der aktuellen Lage. Ich glaube, dass es tausend verschiedene Möglichkeiten gibt, auf diesen Text zu blicken, je nachdem welcher Religion oder Nicht-Religion, welchen Überzeugungen und Vorstellungen man angehört. Es wird gleichzeitig unsere Aufgabe und auch die größte Schwierigkeit sein, dieses Minenfeld abzubilden und zur Diskussion zu stellen. Am Ende werden wir wahrscheinlich aushalten müssen, dass viele da anderer Meinung sind. Aber ich glaube, wenn man Unterwerfung auf die Bühne bringt und am Ende sind sich alle einig, dann hat man etwas falsch gemacht.

 

Interview: René Tauschke

 

Info: Ab 22. April, Karten ab 12 €, www.deutschestheater.de



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