Moop Mama im Interview über Gentrifizierung, Seeed und Guerilla-Konzerte

Moop Mama im Interview: „Ein paar Ärsche zum Bewegen kriegen“

Moop Mama-Gründer Marcus Kesselbauer im Interview

10.07.2015

Was sind sieben Bläser, zwei Drummer, ein MC, keine fertigen Beats, keine Samples und keine elektrischen Instrumente? Moop Mama! Die Marching Band kredenzt eine Mischung aus Brass, Hip Hop und deutschem Rap und macht nebenbei Städte mit ihren Guerilla-Konzerten unsicher. Wir sprachen mit Gründer Marcus Kesselbauer über das Konglomerat aus örtlichem Blasmusikverein und Rage Against The Machine sowie Seeed-Vergleiche.

Moop Mama im Interview über Gentrifizierung, Seeed und Guerilla-Konzerte
Marcus: "Ich habe versucht, mich auf meine Wurzeln zu besinnen und dabei kam raus: der örtliche Blasmusikverein und Rage Against The Machine."

Ihr nehmt gerade ein neues Album auf. Wie ist der Sound? Kannst du darüber schon was sagen?
Ich kann darüber sagen, dass es in Arbeit ist. Aber ich kann tatsächlich noch keine näheren Angaben machen, weil es grad noch ein großer Findungsprozess in vielerlei Hinsicht ist. Es gibt auch noch nichts, was man verraten könnte. Aber es wird gut!

Das weißt du also schon?
Also, ich hoffe es (lacht).

Und soundtechnisch, wollt ihr da mal was anderes probieren oder bleibt es bei dem, was ihr bisher gemacht habt?
Soundtechnisch werden wir tatsächlich was anderes probieren. Musikalisch wahrscheinlich auch. Wir wollen das, was wir live machen und was live auch unsere große Stärke ist, auch auf Platte ein bisschen mehr in den Vordergrund rücken. Wir wollen das richtig einfangen. Bisher war es so, dass sich die Platten doch unterschieden haben, in dem was wir live machen. Einfach weil wir auch bewusst gesagt haben, wir wollen die Platten anders machen. Und jetzt ist der Punkt gekommen, an dem wir tatsächlich diese Energie, die wir live auf der Bühne bringen, einfangen und auf die Platte bringen wollen. 

Du bist der Gründer der Band (2009). Wie kamst du darauf? War es eine bewusste Entscheidung oder eher Zufall?
Ich habe in Leipzig studiert, bin dann nach München gezogen und habe Jazz in verschiedensten Formationen gespielt. Ich war aber unzufrieden. Ich dachte darüber nach, ob ich das wirklich machen will, in leeren Jazzklubs zu spielen und Musik für Liebhaber zu machen, bis ich ins Grab falle und nebenbei irgendwo in einer Fabrik zu arbeiten. Und nach 15 Jahren intensiver Beschäftigung mit Jazz habe ich irgendwann angefangen zu denken: Da muss es doch noch mehr geben. Ich habe nach anderen Dingen in der Musik gesucht und wollte einfach auch mal wieder ein paar Ärsche zum Bewegen kriegen (lacht). Ich habe also versucht, mich auf meine Wurzeln zu besinnen und dabei kam raus: der örtliche Blasmusikverein und Rage Against The Machine. Damit kann man ja im ersten Moment gar nichts anfangen (lacht). Und im nächsten Moment hatte ich so einen Sound im Ohr. 

Außerdem gibt es diese Idealvorstellung für mich: dass ich mit nur einem Instrument zum Auftritt kommen kann, ohne Noten oder sonstigem Equipment. Zum anderen kam dazu, dass viele Leute gar nicht wissen, dass es sowas gibt. Also muss man vielleicht vom hohen Ross runterkommen und nicht jammern, dass keiner zu Auftritten kommt, sondern die Musik vielleicht dahin bringen, wo sie hingehört: zu den Menschen, die sie vielleicht auch selber gerne hören wollen. 
Eine Band, die ohne Strom auskommt, ist der totale Luxusartikel: Wenn du in einer anderen Stadt spielst, dir die VVK-Zahlen deiner Show anschaust und dir denkst, da geht noch mehr, stellst du dich einfach auf die Fußgängerzone, und wenn du die Show abends spielst, ist es plötzlich voll.

Ihr seid für solche Guerilla-Konzerte bekannt.
Das war auch für mich eine völlig neue und geile Erfahrung, einfach mit einer Band rauszugehen und richtig Alarm zu machen – auch auf der Straße zu spielen, Leute aus dem Alltag zu reißen und dann vielleicht für abends noch aufs Konzert zu locken. Man kann über eine Band und deren Musik, die man nicht kennt, zwar reden, aber man weiß trotzdem nichts darüber. Wenn man die Musik aber unerwartet in der Fußgängerzone mitbekommt, ist das für die Band selber einfach ihre beste Werbung. 





Es hat auch einen gewissen Coolnessfaktor und zeigt, die Band ist sich nicht zu fein, sich z.B. auf die Leipziger Sachsenbrücke zu stellen und zu spielen ...
Das sind wir tatsächlich nicht, aber leider hatten wir in den letzten 2 ½ Jahren soviel zu tun gehabt, dass wir das nicht mehr so oft machen konnten wie wir gewollt hätten. 
Aber 2010 haben wir Straßentouren gemacht. Das war der Wahnsinn. Wir haben natürlich auch immer Ärger mit dem Ordnungsamt und der Polizei bekommen. War ja klar ... das war quasi unser großes Rebellentum in München (lacht). Dort ist das Spielen im Freien ziemlich hart reglementiert. Morgens um 5 Uhr stehen da schon die ganzen Straßenmusiker am Kreisverwaltungsreferat an, um eine Genehmigung zu erhalten, damit die dann die zugewiesenen Plätze zu den zugewiesenen Zeiten bekommen. Wir dachten: Nö, wir machen einfach, was wir wollen und wenn es jemanden stört, der soll sich mal melden. Mittlerweile gibt es auch eine Menge Nachahmer, was wir auch ganz großartig finden. Anscheinend haben wir da auch was bewegt. 

Was gefällt euch an solchen Konzerten am meisten?
Das Tollste auf der Straße zu spielen ist eigentlich, dass du das Überraschungsmoment auf deiner Seite hast. Wenn jemand die Tochter grad zum Klavierunterricht bringt oder Tiefkühlkost vom Einkauf nach Hause trägt, der rechnet natürlich nicht damit, das irgendwo eine wild gewordene Horde Alarm macht.
Teilweise waren die Leute so fasziniert und überrascht, dass die eine halbe oder eine Stunde stehen bleiben und du siehst denen die Eiscreme aus dem Beutel laufen (lacht). Das macht wirklich großen Spaß. 
Es ist großartig, wenn Menschen zu unseren Konzerten kommen, die uns kennen und unsere Songs mitsingen können – aber es ist noch ein mal etwas ganz Besonderes und anderes, wenn Menschen wegen uns auf der Straße stehen bleiben und uns zuhören – und das völlig spontan – in Situationen, in denen sie nicht mit uns gerechnet haben. Sie damit zu konfrontieren und zu sehen, was passiert, hat schon noch mal eine extra Qualität.

Wollt ihr eigentlich zum neuen Album auch neue Kostüme?
Wieso, kannst du das Rot nicht mehr sehen? (lacht)

Doch, doch. Du hast das wahrscheinlich schon 1.000 Mal gehört, es erinnert halt ein bisschen an Seeed.
Vergleich: Moop Mama und Seeed
Zum Seeed-Vergleich: "Zunächst mal: Seeed sind auf der Bühne 11 – wir sind 10 (lacht) – das ist schon einmal ein großer Unterschied."
Naja, 1.000 Mal nicht. Aber du bist bestimmt schon die Zweite, die danach fragt. Wenn man diese Parallelen sucht, findet man die natürlich. Zunächst mal: Seeed sind auf der Bühne 11 – wir sind 10 (lacht) – das ist schon einmal ein großer Unterschied. Ja klar, waren die auch mal rot, die waren aber auch mal blau und mal grün-weiß – je nach Album.

Das stimmt. Aber sie waren auch mal ein mobiles Reggae-Einsatzkommando.
Das habe ich vorher tatsächlich nicht gewusst, muss ich gestehen. Ich kenne Seeed nur von der Bühne. Also tatsächlich ist da eine Parallele, die sehr unbewusst stattfindet. Diese Bühnenklamottengeschichte hat sich einfach so entwickelt: Am Anfang haben wir in unseren eigenen Klamotten gespielt – das war cool. Da waren wir halt die Jungs von nebenan. Aber Uniformen sind ja nun mal auch ein althergebrachtes Konzept, das ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl generiert. Und du kannst bei Bühnenklamotten auch ganz wunderbar in eine andere Rolle schlüpfen und du genießt auf der Bühne eine völlig andere Freiheit. Letztlich ist es auch einfach eine Ansage als Band mit so vielen Mitgliedern. Inzwischen ist dieses Rot auch ein Markenzeichen von uns geworden. Man erkennt uns sofort, wenn wir in Rot irgendwo einlaufen. 

Also bleibt es bei Rot?
Ich kann es noch nicht endgültig sagen, ob und wie wir uns verändern wollen. Theoretisch war das mit dem Rot eher albumbezogen, das ja ein rotes Cover hat. Vielleicht ist uns aber auch einfach nichts Besseres eingefallen (lacht). Scheinbar geht’s da Tocotronic ähnlich ... (lacht). 

In der Pressemitteilung heißt es: „Sich der Energie dieser Band zu entziehen ist eine unlösbare Aufgabe, der selbst die einzementiertesten Vollpfosten der Rockpolizei nicht gewachsen sind.“ Wer sind denn die üblichen Rockpolizisten?
Diese Formulierung haben nicht wir erfunden, sondern das hat man mal über uns geschrieben. Und wir fanden das irgendwie ziemlich passend. Wir haben einen großartigen Booker in Berlin sitzen, der einen mega Job macht, uns auf Touren und auch auf großartigen Festivals bucht, damit uns noch mehr Leute kennenlernen, die uns noch nicht kennen. Deswegen werden wir hier und da auch auf Festivals gebucht, wo man uns nicht erwartet, wie z.B. auf Rockfestivals. 
So geschehen letztes Jahr irgendwo im Ruhrpott: Vor uns spielte eine Metalband und nach uns eine Metalband. Zwischendrin spielten halt wir, bei der wie üblich, wenn eine Blaskapelle am Start ist, erst mal gesagt wurde: Ey, seid ihr die freiwillige Feuerwehr? Die gucken dann erst: Was wird denn das jetzt? Dann fangen wir an zu spielen und tun was wir immer so tun. Und erfahrungsgemäß, spätestens ab der fünften Nummer, sind die dann alle am Bangen und die gehen plötzlich ab. Im ersten Moment denkt man sich schon: Was machen wir hier? Aber mittlerweile ziehen wir unser Ding durch und überzeugen damit. Und jetzt ist es so, dass wir uns auf genrefremde Festivals richtig freuen – ist ja quasi auch Neukundengewinnung (lacht).

Was muss eine Stadt haben, damit du dich pudelwohl fühlst?
Wenn man auf Tour ist, kratzt man sehr oberflächlich an Städten. Mal hast du mehr Zeit oder eben weniger, um Städte kennenzulernen. Aber ich finde, es gibt Städte, die fühlen sich schon großartig an, wenn man nur reinfährt. 
An München gefällt mir zum Beispiel nicht, dass man am Neujahrsmorgen nicht bemerkt, dass am Vorabend Silvester war, weil alles so sauber und wie geleckt aussieht. Ja, München ist schön, aber irgendwie ist es auch ein bisschen eklig, weil es so steril ist. Und Städte wie Leipzig, Hamburg und Köln haben zum Beispiel gemeinsam, dass die so einen besonderen Städtevibe und auch das richtige Maß an Dreck haben (lacht). So ein bisschen Dreck ist ja auch gerne mal ein Zeichen dafür: Da lebt was. Das ist für mich schon mal das erste, was eine Stadt für mich soulmäßig gut anfühlen lässt. 


 

www.moopmama.com



Diese Artikel könnten Dir gefallen:


Kommentare
› Schreibe einen Kommentar
    • Bisher keine Kommentare.
  • Bitte registriere dich bei uns oder log dich ein um Kommentare zu schreiben oder Bewertungen abzugeben.

Teilen auf

auf:

Urbanite verwendet Cookies

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Hier geht’s zu unseren Datenschutzerklärungen.

Ich stimme der Verwendung von Cookies zu