Artikelbild für 7 Fragen an das Zentralwerk

7 Fragen an das Zentralwerk

"Wir haben gelernt, dass wir als Gruppe unglaubliche Sachen leisten können."

21.06.2017

Im Mai öffnete das Zentralwerk in Pieschen offiziell seine Pforten. Damit findet ein ganz besonderes Großprojekt seinen Abschluss und nimmt gleichzeitig seinen Anfang. Zwei Jahre lang baute eine eigens gegründete Genossenschaft die verfallene Industrieruine an der Riesaer Straße mit viel Eigenleistung zu einem Wohn- und Kulturkomplex um – Ballsaal inklusive. Wir haben mit den Köpfen hinter dem Zentralwerk e.V. gesprochen.

 7 Fragen an das Zentralwerk

Nikolaus Woernle, 43, ist Theater- und Bühnenmusiker, Elisabeth Wulff-Werthner, 36, Musikerin und Künstlerin. Mit der Historikerin und Filmemacherin Barbara Lubich, die nicht beim Interview dabei sein konnte, bilden die langjährigen Freunde den Vorstand des Zentralwerk e.V. Bis 2011 lebten sie gemeinsam im Wohn- und Kulturprojekt friedrichstadtZentral, 2013 begannen die Arbeiten an der Riesaer Straße. Nun ist das Zentralwerk ihr Zuhause.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Projekt auf die Beine zu stellen und wer hat Sie dabei unterstützt?

WULFF-WERTHNER: Am Anfang haben wir die Idee verfolgt, nicht das konkrete Projekt. Wir haben alle gemeinsam in der Friedrichstraße gewohnt und mussten irgendwann dort ausziehen. Wir wollten aber unbedingt zusammenbleiben, brauchten im Grunde nur ein neues Gebäude mit einem Veranstaltungsraum – und dann hat das Zentralwerk uns gefunden! Manchmal spielt das Leben einem Chancen zu, die man einfach ergreifen muss. Wir standen da, sahen dieses wunderbare Gebäude und dachten: Wir müssen es versuchen!

 

WOERNLE: Das freundschaftlich Verbundene spielt bei uns eine große Rolle. Wir haben nach und nach den Kreis der Aktiven auf 40 Leute erweitert, dabei ist das Ganze aber immer familiär geblieben. Es gab zwar ein Kommen und Gehen, aber immer einen festen Kern. Wir haben auch ein Solidaritätsprinzip, um Leute mit mehr und welche mit weniger Geld mitzunehmen. Billig ist das Wohnen und Arbeiten im Zentralwerk trotz und wegen der Eigenleistung eben nicht. Wir haben die Schere nur so weit aufgemacht, wie die Gruppe es noch tragen konnte.

 

Wer wohnt und arbeitet jetzt im Zentralwerk?

WOERNLE: 40 Genossen und Genossinnen leben hier, davon arbeitet rund die Hälfte im Zen-tralwerk. Ein gutes Drittel der rund 100 Künstler sind bildende Künstler, denen wir Platz zur Verfügung stellen wollen, weil es in Dresden relativ wenig Raum für Ateliers gibt. Ansonsten haben wir hier ein buntes Feuerwerk an kunstnahem Gewerbe. Am kunstfernsten ist der Imker, der hat seine Schleuder hier stehen. Außerdem wohnen hier 27 Kinder zwischen zwei und 18 Jahren. Die Kinder der Mieter kommen inzwischen auch vorbei. Ein Musiker bringt sein Kind gern zu den Proben mit, weil im Hof ein Trampolin steht – da ist immer was los.

 

Artikelbild für 7 Fragen an das Zentralwerk
Der Ballsaal im Zentralwerk
Was waren die besonderen Herausforderungen beim Umbau? Es handelt sich schließlich um eine verfallene Industrieruine aus den 30er Jahren.

WULFF-WERTHNER: Die größte Herausforderung bestand darin, in sehr kurzer Zeit mit viel zu wenig Geld das Projekt zu Ende zu bringen. Am Ende haben wir mit zwei Monaten Verzug und einer Kostenüberschreitung von 3% insgesamt 4.000 Quadratmeter in 11 Monaten saniert. Davon viel in Eigenleistung. Wir haben das Gebäude selbst entkernt, 44 Tonnen Schutt rausgeschaufelt. Dabei mussten wir alle noch Familie, Job und den laufenden Kulturbetrieb unter einen Hut bringen – und natürlich den Umzug organisieren.

 

WOERNLE: Die Architekten des Dresdner „Schokostudios“ sind auch Genossen und Mitglieder der Kerngruppe. Für die war das Engagement sogar eher von Nachteil, weil sie aufgrund des Eigeninteresses in eine unglaubliche Vorleistung gegangen sind. 

 

Wie muss man sich Leute vorstellen, die bereit sind, so viel Herzblut, Zeit und Geld in das Projekt zu stecken – was treibt euch an?

WULFF-WERTHNER: Die Freude, dass man es irgendwann geschafft hat. In der Friedrichstadt waren wir Nachbarn, wir hatten einen Hof und ein luxuriöses Leben, weil wir mit vielen Leuten zusammengelebt haben und Kunstprojekte realisieren konnten. Ein Umzug in „normale“ Wohnungen kam für keinen von uns in Frage. Und plötzlich war da die Vision, dass wir mit unseren Familien hier einziehen könnten. Wir wollten eine Art dörfliche Struktur, um Familie, kulturelles und soziales Leben zu vereinen und gleichzeitig künstlerisch tätig zu sein. Diese Vision hat uns angetrieben.

 

WOERNLE: Wir haben gelernt, dass wir als Gruppe unglaubliche Sachen leisten können. Wir haben beispielsweise eigenhändig einen Holzofen rangeschleppt und installiert. Es gibt immer einen, der weiß wie; und der packt dann mit an. 

 

Wir wollten eine Art dörfliche Struktur, um Familie, kulturelles und soziales Leben

zu vereinen und gleichzeitig künstlerisch tätig zu sein.

 

Im Ballsaal des Zentralwerks kann man symbolischer Pate eines Stückchens Tanzboden werden. Wie weit sind die Patenschaften fortgeschritten? 

WULFF-WERTHNER: Wir haben noch Luft nach oben. Wir haben viele Kulturpatenschaften vergeben, aber gleichzeitig zu diesem Modell noch Fördermitgliedschaften eingeführt. Man kann als Kulturpate einmalig oder als Freund des Zentralwerks regelmäßig seinen Beitrag leisten.

 

Welche Veranstaltungen sind zukünftig im Zentralwerk geplant?

WULFF-WERTHNER: Am Tag des offenen Denkmals am 9./10. September richten wir zum elften Mal unser alljährlich stattfindendes Festival „Sichtbetonung“ aus, das sich unter anderem mit den verschiedenen Phasen des Zentralwerks beschäftigt. In den vergangenen drei Jahren ging es um den Planungsbeginn, dann das wachsende Projekt, und nun sind wir eingezogen. Ein neues Kapitel beginnt, mit offenem Ende. Eben: Ende auf.

 

Wenn Sie zurückblicken, würden Sie das Großprojekt „Zentralwerk“ nochmal in Angriff nehmen?

WOERNLE: Mit der Aussicht auf den Erfolg – ja. Das sind schon herbe Zeiten zwischendurch gewesen, ohne so eine massive gemeinsame Vision hätten wir es sicherlich nicht geschafft. Aber mit einer Vision wie dieser, ja.

 

WULFF-WERTHNER: Natürlich wollen wir nicht vermissen, was wir haben, aber hätten wir die Konsequenz vorher abschätzen können, hätten wir es wahrscheinlich nicht gemacht. Wir haben nicht wirklich gewusst, was es heißt, diesen Weg zu gehen. Wir wussten, es wird hart, aber wie hart – das wussten wir nicht.

 

WOERNLE: Es ist ja auch noch nicht vorbei. Ein bisschen Restangst bleibt immer, dass sich das Zentralwerk trägt, dass es eines Tages voll vermietet ist. Wir strukturieren jetzt alles um, organisieren die Verwaltung, klären Vermietungsabrechnungen und beschäftigen uns mit Steuerrecht. Jetzt haben wir einen Papierberg vor uns.

 

WULFF-WERTHNER: Wir haben den Sprint hingelegt und jetzt müssen wir einen Marathon laufen.

 

Info: Zentralwerk e.V. Riesaer Str. 32 01127 Dresden • Mail: verein@zentralwerk.de • Web: www.zentralwerk.de 



Diese Artikel könnten Dir gefallen:


Kommentare
› Schreibe einen Kommentar
    • Bisher keine Kommentare.
  • Bitte registriere dich bei uns oder log dich ein um Kommentare zu schreiben oder Bewertungen abzugeben.

Teilen auf

auf:

Urbanite verwendet Cookies

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Hier geht’s zu unseren Datenschutzerklärungen.

Ich stimme der Verwendung von Cookies zu