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Adel Tawil im Interview: über Aberglauben, die Jugend von heute und die gefährliche Kitschfalle

"Als Kinder der Neunziger waren wir wirklich faul, was Politik und Gesellschaft angeht"

25.07.2017

Adel Tawil hat einen festen Platz am deutschen Pophimmel. Am 29. Juli gastiert er in der Jungen Garde, sein neues Album „So schön anders“ im Gepäck. Wir sprachen mit dem Berliner über Aberglauben, die Jugend von heute und die stets bedrohliche Kitschzone.  

Adel Tawil
"Wahrscheinlich müsste ich mir eine Gummizelle im Studio bauen oder so."

Für deine Hallentour, die sich dann im Herbst anschließt, hast du dich ganz bewusst gegen die ganz großen Bühnen entschieden. Wieso? Ist ja nicht so, als wenn du keine Arenen vollkriegst…

Die letzten drei Touren habe ich ganz groß gespielt. Das ist halt ein anderes Konzertgefühl. Da ist viel Entertainment, viel Show dabei. Du hast
eine riesige Leinwand, eine Riesenbühne und versuchst auf Teufel komm raus auch den Letzten ganz oben, ganz hinten zu erreichen. Das ist an und für sich auch schön, aber auch aufreibend. Und ich wollte jetzt wieder so ein richtiges Musikkonzert, in einer Halle, in der es noch richtig warm wird, wo man schwitzt und ganz nah an den Leuten ist. Und es sind ja trotzdem noch 4.000 oder 5.000 Leute, die da reinpassen. Das ist mir lieber. Diese ganz großen Hallen zu bespielen, ist eben auch aufreibend. Ich brauch es jetzt nicht für mein Ego, ich will Spaß haben und ein schönes Konzert spielen.

 

Du machst jetzt mittlerweile seit 20 Jahren Musik und zwar in verschiedenen Konstellationen als The Boyz, Ich+Ich, als Gastspiel oder eben Solo - gibt es da Phasen, die du im Nachhinein ganz gern überspringen würdest?

(Lacht) Also auf der Bühne nicht. Aber nach The Boys gab es so eine Phase, da hab ich mein eigenes Tonstudio gebaut und war mit Anfang 20 selbstständig und das war eine sehr harte Zeit, wo dann echt keine Kohle mehr da war und ich im Studio geschlafen hab und so. Also das würde ich gern überspringen (lacht). Auf der anderen Seite gehört alles zum Leben dazu und durch die Erfahrung bin ich auch demütiger, als wenn das vielleicht nicht so passiert wäre.

 

Generell vergeht ja kaum eine Radiostunde, in der nicht wenigstens ein Song von dir läuft. Nervst du dich manchmal selber?

Nein nein, ich bin da super glücklich darüber. Ich find Radio ist so ein magisch-romantisches Medium und zugleich auch das allerschönste. Ich bin da auch sehr abergläubisch. Ich hör ja meine Musik normalerweise nicht selber, sondern arbeite halt daran, aber wenn ich mit dem Auto unterwegs bin und im Radio läuft mein Lied, würde ich es im Leben nicht wagen, den Sender abzuschalten. Mich überkommt dann so eine alte Ehrfurcht, wenn ich mir denke, dass in diesem Moment das ganz viele Leute bei der Arbeit, beim Bügeln oder eben beim Autofahren hören. Wie geil ist das denn? Der Gedanke erfüllt mich jedes Mal mit Freude und Stolz. Ich geh sogar soweit, dass ich dann nicht in die Tiefgarage fahre, weil der Empfang abreißen würde. Ich warte bis der Song zu Ende ist, sag Danke und fahr dann rein.

 

Adel Tawil
"Ich möchte, dass die Leute sich verstanden fühlen. Darum mach ich letztlich Musik."
Stichwort Abergläubisch: Würde man als so ein Mensch noch ein drittes Album produzieren? Gesundheitlich hast du nicht unbedingt viel Glück, wenn du ein Soloalbum angehst…

Ja beim ersten Album hatte ich im Flugzeug diesen blöden Blinddarmdurchriss. Das war auf jeden Fall schon brenzlig. Und jetzt noch mein Unfall mit dem Halswirbelbruch … Ich hoffe damit ist es jetzt gegessen. Nicht, dass das eine Tradition wird, ansonsten muss ich mir echt was einfallen lassen. Irgendwo hingehen, wo absolut nichts passieren kann …

Wahrscheinlich müsste ich mir eine Gummizelle im Studio bauen oder so.

 

Viele Künstler haben Probleme mit dem zweiten Album. Druck von Außen und Erwartungen kommen dazu und die Leichtigkeit, die beim ersten Album noch da war, ist bei der Produktion futsch. Es scheint nicht so, als hättest du so etwas bei „So schön anders“ durchlebt.

Ich glaube es liegt daran, dass ich dieses Phänomen schon beim ersten Album hatte. Das war für mich total schwierig. Mit Ich+Ich hatte ich ja schon drei Alben gemacht und bin auch voll involviert gewesen, hab Songs mitgeschrieben usw. Ich war natürlich überwältigt von diesem großen Erfolg und dann bin ich nach rund 20 Jahren mit meinem Solo-Debüt „Lieder“ um die Ecke gekommen und das wollte ich dann so perfekt wie möglich haben. Da war ich sehr diktatorisch unterwegs, Tag und Nacht damit beschäftigt, eine Riesenlast auf den Schultern … Das weiß ich jetzt. Unter anderem ist ja auch meine Ehe daran zerbrochen.  

Dann ist einfach das Leben passiert, plötzlich hatte ich ganz viele Geschichten, die ich erzählen wollte. Ich dachte mir: Die Frau ist weggelaufen, musikalisch brauch ich niemandem mehr etwas zu beweisen, ich hab mir mein Halswirbel gebrochen - schlimmer kann es nicht kommen. Und das hat mich ehrlich gesagt entspannter gemacht. Ich hab einfach drauf losgeschrieben und die Produktion dann auch abgegeben und das war super. Es war kein Spaziergang, aber früher dachte ich davon hängt mein Leben ab. Musik ist auch meine große Liebe – gar keine Frage – aber es gibt auch ein Leben ohne Musik.

 

Deine Platte heißt „So schön anders“. Was ist denn das Schöne am Anderen?

Genau darum ging es mir; dass das Andere schön sein kann und man es auch erstmal mit dieser Erwartungshaltung anschauen sollte. Bestes Beispiel: Annette Humpe und ich. Sie war so schön anders. Wir waren komplett verschieden und trotzdem haben wir so zueinander gefunden, was so wirklich selten passiert. Das war für mich ein großes Geschenk. Und das wollte ich auf alles andere so ein bisschen übertragen. Es sind eben jene Macken des anderen, die einem mega auf die Nerven gehen, die die ersten Dinge sind, die man vermisst, wenn der- oder diejenige nicht mehr da ist. Es macht uns einfach aus, dass wir verschieden sind. Und ich glaube auch jetzt, wo viele aus anderen Ländern zu uns kommen, ist es ein guter Weg  zueinanderzufinden, wenn man mit der Haltung rangeht, dass das Andere auch schön sein kann.

 

 

Ist das auch deine Message für Dresden?

Absolut. Dresden liegt mir wirklich am Herzen. Ich nutze Dresden oft als Ausflugsziel, ich mag die Menschen und wenn ich in Dresden spiele, verlängere ich meinen Aufenthalt eigentlich immer. Aber ich hab mir wirklich Sorgen gemacht, als … letztes Jahr zum Beispiel hab ich Cro in Berlin verpasst und sein Konzert in Dresden besucht. Was ich wirklich traurig fand, war der Portier, der mich aufhielt als ich mit meinem Hund durch die Stadt laufen wollte: „Herr Tawil, Sie haben keinen Bodyguard dabei, daher würde ich Ihnen abraten allein durch die Stadt zu laufen, weil heute ist Montag und es fängt jetzt an und da sind auch viele Chaoten dabei … Es wäre besser, wenn Sie im Hotel bleiben.“ Da bin ich innerlich ausgerastet und hab mich echt gefragt, wie weit es denn gekommen ist, dass mich Leute in der Stadt, die ich echt liebe, davor warnen vor die Tür zu gehen? Das kann nicht sein. Ich hab diese Erfahrung halt auch in Sachsen generell Null gemacht, das war unsere Ich+Ich Hochburg. Ich weiß, dass die meisten einfach menschenfreundlich und schlicht gute Menschen sind. Die Jungs sind gerade einfach ein bisschen laut, aber ich steh in der Öffentlichkeit und kann auch laut sein. Deswegen hab ich auch Songs wie „Gott steh mir bei“ oder „Eine Welt eine Heimat“ auf dem Album.

 

Tatsächlich sind das ganz neue Töne auf deinem Album. War es für dich jetzt an der Zeit für ein paar politischere Titel?

Ich hab das ganz bewusst geschrieben, unter den Eindrücken der Anschläge, des Syrienkrieges und auch was sonst noch so auf der Welt passiert. Eigentlich aus purer Verzweiflung, um wenigstens irgendwas zu machen. Anders hätte ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können, wenn ich nur über Liebe, Schmerz und ‚oh meine Frau hat mich verlassen‘ singe. Das hätte nicht gepasst. Ich lebe ja in diesem Land, bin stolzer Berliner und liebe die Menschen hier und das kann nicht sein, dass so ein Riss in der Mitte der Gesellschaft passiert.

Aber ich bin auch richtiggehend stolz drauf, dass gerade die Jugend den Blick dafür geschärft und das voll auf dem Schirm hat. Als Kinder der Neunziger waren wir wirklich faul, was Politik und Gesellschaft angeht. Uns war alles egal, bei uns gab’s Techno und den Popzirkus. Es hat sich etwas gerächt, dass die Leute nicht so engagiert waren, aber die Jugend heute geht auf die Straße. Pulse of Europe zum Beispiel. Tolle Sache. So muss es sein!

 

 

 

 

Im Grunde ist ja jeder Song auf deinem Album eine kleines Stück Lebensgeschichte. Erschrickt es dich manchmal wie persönlich du plötzlich mit der ganzen Welt geworden bist?

Nö. Das bin ich. Und ich bin wie ich bin – auch ein Titel auf dem Album (lacht). Das ist einfach so. Natürlich überlegt man sich mal, wie privat will man sein. Aber das gehört nunmal dazu.

 

Du hast schon häufiger gesagt, dass du „Mein Leben ohne mich“ heute nicht unbedingt nochmal so machen würdest. Wieso ist der Song trotzdem auf dem Album geblieben?

Eben wegen der Momentaufnahme. Ich denke jeder durchläuft beim Trauern Phasen: Trotz, Trauer und bei mir kam irgendwann diese Wut-Phase. Ich glaube die kennt man auch. Ihr Frauen habt es auch richtig gut drauf, so zu tun, als würde es den anderen nicht mehr geben, als würde es euch nicht kratzen und lebt einfach so weiter. Und das hat mich so wütend gemacht. Und vielleicht gibt es ja ein paar Menschen da draußen, die das gerade durchleben und sich darin wiederfinden. Ich möchte, dass die Leute sich verstanden fühlen. Darum mach ich letztlich Musik.

 

Wenn man auf deutsch über Gefühle spricht, läuft das Ganze schnell Gefahr kitschig, verklärt oder plump zu klingen. Wie umgehst du das? Und mal ganz ehrlich, erwischt du dich manchmal in der Kitschzone?

Ja unbedingt! (Lacht) Gerade weil die deutsche Sprache so präzise ist. Es gibt für alles ein Wort. Früher hab ich ja englisch gesungen. Da klingt auch irgendwie alles geil, scheiß auf den Sinn. Passt schon. Als ich dann auf Deutsch gesungen habe, ist bei mir auch richtig was passiert: Ich hab mir zum ersten Mal selber geglaubt. Aber gerade wegen dieser Genauigkeit ist es echt anstrengend auf Deutsch zu texten. Man gerät super-oft in die Falle Klischeewörter oder -reime zu benutzen. Aber man spürt es allerspätestens beim Singen, dass das so nicht geht.



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