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Das passiert beim Gamescamp United 2017

Eine Schublade voller Videospiele

08.05.2017

Mit Konferenzen und Fachmessen ist das so eine Sache, denn zumeist ist die Rollenverteilung klar definiert. Jeder weiß, wer spricht und wer zuzuhören hat: Auf dem Podium referieren die Experten über die vorab feststehenden Themen und vor der Bühne lauscht das Publikum. Aber es muss nicht immer so sein ... 

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Hier treffen sich die jungen Gaming-Experten

 

Ganz anders, wenn auch nicht grundverschieden laufen sogenannte BarCamps ab, denn hier gestalten die Teilnehmer das Event.

Das Format solcher für alle offenen Un-Konferenzen entwickelte sich in den 2000er Jahren, erfreut sich großer Beliebtheit und hat weder etwas mit Camping im herkömmlichen Sinne noch getränkegefüllten Tresen zu tun: Programmierer bezeichnen „bar“ nämlich als metasyntaktische Variable, welche als eine Art Platzhalter in Beispiel-Quellcodes verwendet wird.

 

Vergleichbar ist das Ganze mit einer Schublade: Form und Beschaffenheit ist gleich, während der Inhalt, der darin aufbewahrt wird, sich ändern kann. Im Grunde lassen sich BarCamps als ebensolche Schubladen beschreiben. Denn die genauen Themen, Ausgestaltung und Ablauf werden zu Beginn jeder Veranstaltung von allen Teilnehmern gemeinsam in Eigenregie bestimmt. Was interessiert, passiert, nicht was der Veranstalter vorgibt.

 

Deutschlandweit werden zu den unterschiedlichsten Themen BarCamps veranstaltet. Von Gesellschaft und technischer Innovation bis hin zu Food- und Reiseblogging ist alles dabei. Ende April widmeten sich rund 300 Teilnehmer beim MobileCamp in der Fakultät für Informatik der TU der Zukunft der mobilen Branche. 

 

Wesentlich gemütlicher wird es vom 12. bis 14. Mai auf dem Gamescamp United zugehen, wenn insgesamt 60 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 21 Jahren aus Dresden und dem gesamten Bundesgebiet zusammenkommen und sich ein Wochenende lang Allem rund ums Thema Games widmen. Neu ist in diesem Jahr außerdem der Zusatz United. Unter dem Motto „Spielen verbindet”, soll es diesmal auch um Spiele aus der ganzen Welt und ganz unterschiedlichen Kulturkreisen gehen.

 

Diskurs statt LAN-Party

 

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Das diesjährige Motto: Spielen verbindet
„Gibt man jungen Menschen die Möglichkeit, eigenverantwortlich und selbstständig zu entscheiden, entstehen positive und überraschende Ergebnisse“, berichtet Kirsten Mascher vom Dresdner Medienkulturzentrum. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Kristina Richter und zahlreichen anderen Vertretern diverser Initiativen, Vereine und Förderer aus ganz Deutschland organisieren und betreuen sie das diesjährige Gamescamp United. 

 

Auch wenn man vielleicht am ehesten damit rechnet, es gehe nicht darum, einzig eine große LAN-Party zu feiern, sondern vielmehr um die Auseinandersetzung und Diskussion zu den selbstständig erwählten Themen: Realismus in Videospielen, VR-Brillen, sogenannte Pen&Paper, bei denen ein ganzes Spiele-Universum in den Händen des Spieleleiters liegt, der individuelle Umgang mit Charaktertoden, Diskussionen zur Altersbegrenzungen oder zur haptischen Benutzerfreundlichkeit von Controllern – um nur einige Beispiele der letzten Jahre zu nennen. Und sollte die Themenfindung doch einmal ins Stocken geraten, stehen sogenannte Joker als abrufbare Gesprächspartner zur Verfügung. In diesem Jahr zu Gast: ein Let’s Player, ein Spieleentwickler und Indepent-Label-Gründer sowie ein professioneller Gamer. 

 

 

Letztlich lasse sich enorm viel Diskussionsstoff in Videospielen entdecken, so Lisa Marianne Schulze, sie nimmt regelmäßig am Gamescamp teil. „Zum Beispiel wollen die moralisch-ethischen Aspekte in Games von den Teilnehmern eigentlich jedes Jahr diskutiert werden.” Denn auch wenn die Story vorgegeben ist, könne ein Spiel sehr individuell erlebt und mit unterschiedlichen Motiven durchgespielt werden.  

 

Zwischen Teenagern und Studenten

 

Da das Programm nicht von vornherein feststeht, kann jeder der Teilnehmer plötzlich zum Experten werden. „Es ist faszinierend, wie gut sich die Jugendlichen auf ganz verschiedenen Gebieten auskennen. Ihre Expertise ist wirklich beeindruckend“, so Kristina Richter. Zugleich sei es für die jungen Menschen eine überaus wertvolle Erfahrung, dass ihre Kenntnisse durchaus von Interesse sind und vor allem als solche auch wertgeschätzt werden. „Zwar wird Gaming zunehmend mehr akzeptiert, aber gesellschaftlich ist es leider immer noch so, dass wer das Ganze etwas ausführlicher betreibt, komisch beäugt wird. Beim Gamescamp denkt das niemand, denn jeder hat ein eigenes, sehr differenziertes Bild vom Videospielen“, erklärt Tristan Iserhardt. Der 25-jährige Softwareentwickler war schon bei mehreren Gamescamps dabei, seitdem er für die Teilnahme zu alt ist, fährt er regelmäßig als Teamer, Ansprechpartner und Tippgeber mit: „Ich unterstütze zum Beispiel die neueren Teilnehmer, wenn sie Fragen haben, das Konzept BarCamp mit 100 Prozent Mitbestimmung ist ja nichts Alltägliches. Wenn es zur Sprache kommt, gebe ich auch mal Tipps zum Thema Storytelling.“

 

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Tagsüber wird diskutiert, am Abend wird gezockt
Zugegeben, das klingt alles nicht schlecht; aber mal Hand aufs Herz: Eine durch 16-jährige Teenager und 21 Jahre alte Drittsemester-Studenten im Detail ausgestaltete Diskussionsveranstaltung – kann das wirklich produktiv und vor allem harmonisch ablaufen? „Das gemeinsame Interesse an einer Sache eint ungemein“, erklärt Kirsten Mascher. „Dadurch ist es weitestgehend egal, wie viele Jahre zwischen den Teilnehmern liegen.“ Eine Erfahrung, die auch Tristan teilt: „Ich bin auch immer wieder überrascht gewesen, aber es ist wirklich toll. Denn alle gehen mit dem Ziel in die Diskussionen, neue Sichtweisen kennenzulernen und nicht auf Teufel komm raus ihre Meinung durchzuboxen.“ Es sei die Offenheit anderen gegenüber, die das Gamescamp alljährlich zu einer erfolgreichen Veranstaltung werden lässt.

 

Für Lisa ist 2017 das letzte Jahr als Teilnehmerin beim Gamescamp United, danach ist auch sie zu alt. „Man gewöhnt sich schon sehr daran, dabei zu sein. Es sind auch Freundschaften entstanden, die über das Gamescamp hinaus Bestand haben“, erklärt sie. „Etwas wehmütig wird man da schon.“ 

 



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