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Der Kommunist der Prager Straße

Gegen alle Widerstände

23.09.2017
Autor: Anna Bakker

Hans-Jürgen Westphal steht seit mehr als einem viertel Jahrhundert nahezu täglich auf der Prager Straße, trotzdem kennen ihn die meisten Menschen nur vom Sehen. Wir haben das Dresdner Unikat einige Stunden lang begleitet und dabei viel erlebt.

 

 Der Kommunist der Prager Straße

Pünktlich zum Glockenschlag um 11 Uhr kommt er mit seinem klapprigen Fahrrad angeradelt, die rote Flagge des Kommunismus weht im Wind. 

Das Wetter spielt heute nicht so recht mit, bei einigermaßen frischen Temperaturen öffnen sich immer mal wieder die Himmelsschleusen.

Doch das hält Hans-Jürgen Westphal, besser bekannt als der Kommunist der Prager Straße, nicht davon ab, jeden Tag auf eben dieser, Position zu beziehen. Routiniert werden die Berge von Flugblättern, Heften und CDs angeordnet – der Kommunist macht auch Musik.

 

 

Wie ein Fels in der Brandung

Während die knallrote, mit Hammer und Sichel bestückte Message sicher abgestellt wird, machen die ersten Passanten schon einmal vorsichtshalber einen großen Bogen drumherum, um ja nicht angesprochen zu werden, man kennt das.

Sichtlich irritiert starren ihn manche Menschen an, vielleicht Touristen? Sie scheinen ihn noch nicht zu kennen.

 

Als hätte er nur drauf gewartet, schreitet Westphal zielsicher auf das erste Paar zu, um sie in ein Gespräch zu verwickeln– es wird schnell abgewunken und der Schritt beschleunigt. Drei, vier Mal geht das so, dann bleiben zwei Jugendliche stehen, zu höflich, um ihn einfach zu ignorieren.

Sichtlich peinlich berührt bemühen sie sich, zu lächeln und zeitgleich eine Ausrede zu finden, schnell abhauen zu können. Westphal weht die Flagge ins Gesicht, was geflissentlich übergangen wird.

Scheinbar nichts bringt ihn aus der Ruhe. Möchte man mehr über ihn als Person erfragen, weicht er professionell aus, kontert mit Gegenfragen, lenkt unerbittlich immer wieder auf seine Themen, auf den Grund, warum er seit nunmehr 27 Jahren jeden Tag hier steht: Der Kommunismus.

Die Menschwerdung stehe bevor, Bourgeoisie, Proletariat, Karl Marx. Was zum Teil leicht propagandistisch oder gar wie Verschwörungstheorien klingen könnte, scheint durchaus auf solide Grundgedanken zu bauen.

Man merkt: Dieser Mann weiß, was er tut und er hat überzeugende Argumente.

 

 

Wer ist dieser Mann?

Der in Anklam an der Ostsee geborene Westphal lernte Elektriker, wurde zur NVA eingezogen und absolvierte danach ein Studium zum Ingenieur-Pädagogen.

Dann übte er in der DDR verschiedenste Jobs aus. Doch die Wende kam und das geliebte sozialistische System zerbrach. 

 

Nach einigen erfolglosen Versuchen, in die „kapitalistischen Produktionsverhältnisse” integriert zu werden, ist er offiziell nicht mehr erwerbstätig und widmet sich ganz der Werbung für den Kommunismus sowie seiner künstlerischen Tätigkeiten,

sei es durch Zeichnungen, die er gerne während des Heimaturlaubs an der Ostsee fertigt oder das Engagement in der von ihm gegründeten, kommunistischen Rockband „Veritas”, mit der er schon unzählige CDs aufgenommen hat.

Auch im Internet ist er mehr als aktiv, auf dem Youtube-Kanal veritasdresden sind einige Stücke von ihm zu finden sowie aufgezeichnete Gespräche mit Gleichgesinnten.

 

 

Alte Bekannte und kuriose Zeitgenossen 

Immer wieder wird unser Gespräch unterbrochen - ein offensichtlich stark alkoholisierter Mann mit Hund stellt sich auf Nasenlänge daneben und blinzelt uns beseelt an.

Doch Westphal kennt ihn: „Jens, ich erkläre dir das ein anderes Mal, lass uns bitte in Ruhe reden.”

Nach anfänglichem Widerstand gibt Jens nach, schnappt sich die Flagge und schlurft davon. Bettelnde Kinder werden mit einem kurzen Vortrag über das Lumpenproletariat belehrt, was vermutlich nicht sehr erfolgsversprechend ist, die Kinder jedoch zum Rückzug verleitet.

Eines lernt man, wenn man Zeit mit Westphal verbringt: Die Prager Straße hat viele kuriose Menschen zu bieten und auch, wenn man sich nicht zwingend mögen muss: man kennt sich.

 

Völlig unbeeindruckt fährt Westphal fort, spricht von der Wissenschaft der Dialektik, welcher in unserer Gesellschaft keinerlei Aufmerksamkeit zukomme und von Goethe, in dem er einen großen Vordenker sehe, der aber heute nicht mehr für seine Ansichten geliebt werde, da er Revolutionär war.

Gegenfragen beantwortet er gerne mit dem „Manifest der Kommunistischen Partei”, welches er als kleines Reclam-Heftchen immer dabei hat und aus welchem er auch mal passagenweise zitiert.

Als nach der Wende geborene Westdeutsche habe ich Schwierigkeiten, ihm zu folgen.

Fast fühle ich mich an Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken” erinnert, in welcher ebenjenes sture Beuteltier kommunistische Phrasen proklamiert und aus seinem Manifest „Opportunismus und Repression” zitiert. 

 

 

Nicht nur hochgezogene Augenbrauen

Doch die Reaktionen der Menschen sind bei weitem nicht nur negativ – eine ältere Dame streckt im Vorbeigehen aufmunternd lächelnd den Daumen hoch, ein Mann – offensichtlich aus einem Geschäft in der Umgebung – klopft Westphal auf die Schulter: „Das ist ein echt guter Mann. Toller Typ!” 

Viele bewundern ihn für sein Durchhaltevermögen.

Doch was hofft er, mit dieser stoischen Hartnäckigkeit zu erreichen?

„Mein Ziel ist eine wissenschaftliche Weltanschauung und dass die Menschen die Klasseninteressen erkennen.” Das Proletariat dürfe sich nicht weiter von der herrschenden Klasse unterdrücken lassen, müsse seine Rolle erkennen und sich daraus befreien.

Ob das von Erfolg gekrönt sein kann? „Ich traue den Menschen durchaus Veränderung zu.”

 

Kraft zieht er unter anderem aus den schönen und bewegenden Momenten, die hin und wieder vorkommen. Zum Beispiel als ihn zum Gedenktag von Rainer Fetscher 17 Moskauer aufsuchten und Westphal ihren Respekt zollten.

Als Andenken gaben sie ihm ein orange-schwarzes Band, welches nun seine Tasche ziert.  

Seine favorisierten Zuhörer seien jedoch Studenten, da diese mitten in der intellektuellen Entwicklung steckten und weitaus offener für neue Denkansätze seien. 

Zum Schluss antwortet er auf die Frage, ob er nicht auch mal sauer werde ob der Reaktionen der Passanten: „Ich vermag auch bei den blödesten Leuten noch gutes Denken zu vermuten.“



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