Artikelbild für Dresden Titans: Strukturell fit für die ProA – sportlich nicht.

Dresden Titans: Strukturell fit für die ProA – sportlich nicht.

Die bittere Bilanz nach nur einer Saison in der ProA

03.03.2017

Was hatte man sich für die Saison 2016/17 nicht alles vorgenommen. Noch im Frühjahr letzten Jahres hatte Dresden Titans Geschäftsführer Peter Krautwald stolz verkündet, der Aufstieg in die ProA sei das erklärte Ziel für die nächsten zwei bis drei Jahre gewesen und dass es nun schon geklappt hat, sei „der verdiente Lohn für eine sehr gute Arbeit von allen Beteiligten” gewesen. Wahrhaftig riesig war die Euphorie gewesen, als im Mai 2016, nach einer besonders starken Leistung und dem vorzeitigen Aus im Play-Off-Halbfinale, feststand, dass die Fraport Skyliners weiterhin in der ProB bleiben wollen und somit den Elberiesen der Aufstieg in die ProA gestattet wird.

 

R. J. Price beim Wurf
Offensiv lief es halbwegs, aber defensiv offenbarten die Dresden Titans immer wieder große Schwächen
In Vorbereitung auf die kommende Basketballsaison in Deutschlands zweithöchster Spielklasse gab es im Hintergrund viel zu tun. So galt es, neue Auflagen der Liga zu erfüllen. Man musste noch professioneller werden, passte den Kader an und investierte zusätzlich rund 100.000€ für einen mobil verlegbaren Parkettboden, den die Liga zur Bedingung machte.

 

Spielerisch wollte man sich nicht in die Ecke des Aufsteiger-Underdogs drängen lassen. Noch zur Saisoneröffnungs-Pressekonferenz zeigte sich Coach Steven Clauss überzeugt, man könne jeden in der Liga schlagen. Und tatsächlich sah es am Anfang auch fast danach aus: Die Spiele gegen Kirchheim und Mitaufsteiger Ehingen verloren die Elberiesen nur knapp mit jeweils zwei Punkten. Gegen die Uni Baskets Paderborn entschied sich das Match erst nach der zweiten Verlängerung für die Gäste aus Nordrhein-Westfalen. Und am fünften Spieltag feierten die Dresden Titans den ersten Sieg gegen Trier in eigener Halle. Der Knoten schien endlich geplatzt, doch stattdessen reihte sich in den folgenden Monaten Niederlage an Niederlage.

 

In Summe eine Nummer zu groß?

 

Eine handvoll Spieltage vor dem Ende der Saison können die Titanen lediglich zwei Siege auf der Habenseite verbuchen. Dem stehen 22, zum Teil sehr deutliche, Niederlagen gegenüber. Darunter auch die Partien gegen den Tabellenführer aus Weißenfels, den Mitteldeutschen Basketball Club (67:114), oder die Nürnberg Falcons (67:97). Letztere stellte für Krautwald den „Tiefpunkt der Saison” dar, Live-Stream-Kommentator Gustav Hollnagel unterhielt das Publikum daheim mit dem Schälen einer Mandarine besser als die Dresdner Basketballer auf dem Parkett und nach dem Spiel gegen den MBC konnte der Titans-Coach nicht anders, als sich spontan beim Publikum für die vergangenen zwei Stunden zu entschuldigen. 

 

Artikelbild für Dresden Titans: Strukturell fit für die ProA – sportlich nicht.
"Die Stimmung im Team ist nun ausgeglichener"
Das zu Beginn der Saison formulierte Minimalziel Klassenerhalt ist nur noch theoretisch möglich – und das ist bereits optimistisch formuliert. Solange rechnerisch jedoch noch die Möglichkeit bestehe, in der Liga zu verbleiben, werde man weiter daran glauben, versichern die Verantwortlichen des Vereins.

 

War die ProA für die Dresden Titans vielleicht eine Nummer zu groß? Die Titanen nicht mächtig genug, um sich in der durch eine stärkere Körperlichkeit und Athletik ausgezeichneten Liga zu behaupten?

 

„Mit dem Druck der Niederlagen zum Saisonstart und der daraus folgenden Serie hat ein psychologischer Prozess bei jedem einzelnen eingesetzt, der uns im November gerade in den Spielen gegen die direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt entscheidende Punkte gekostet hat”, beschrieb Geschäftsführer Peter Krautwald in einem Interview Mitte Februar die Gründe für die verpatzte Saison. Zusätzliche Verletzungsprobleme sowie eine ausbleibende Einheit im Team seien in Summe Ursache für den derzeit letzten Tabellenplatz. „Vermutlich hätte der ein oder andere erfahrenere Spieler in unserem doch sehr jungen Kader in kritischen Momenten für die notwendige Ruhe und Sicherheit auf dem Parkett gesorgt, um den ein oder anderen Sieg letztlich sicher nach Hause zu holen. Diese Cleverness hat uns häufig gefehlt”, fügt Krautwald noch hinzu.

 

ProA heißt mehr als nur Statistik

 

Nach dem spielerischen Debakel gegen die Nürnberg Falcons am 17. Januar mussten Point Guard Randal Holt und Centerspieler Jervon Pressley das Team schließlich verlassen. Besonders die Entlassung von Randal Holt stieß bei vielen Fans auf Unverständnis. Holt war der unbestrittene Held im Aufstiegskampf der letzten Saison. Bereits in der ProB gehörte er zu den Top Spielern der Liga und auch in der ProA befindet er sich unter den zehn besten. Mit durchschnittlich 16 Punkten pro Spiel war er auch in dieser Saison häufig der Top-Scorer der Dresdner. 

 

Artikelbild für Dresden Titans: Strukturell fit für die ProA – sportlich nicht.
Nach nur einem Jahr steht der Abschied aus der ProA bevor
Die Statistik, die für Randal Holt spricht, war zugleich auch das Problem. Die Gespräche mit Spielern und Trainern nach dem Match gegen Nürnberg offenbarten, dass Pressley und Holt ihre individuellen Ziele über die der Mannschaft stellten, so Krautwald. Trainer Liam Flynn pflichtet ihm bei: „Mit einer starken Offensiv-Leistung kann man als Spieler in der ProB sehr viel erreichen. In der ProA wird von Führungsspielern wie Randall allerdings mehr verlangt. Sie sollen natürlich punkten, müssen aber auch ihren Gegenspieler, der oftmals genauso gut ist, defensiv halten können. Und die wichtigste Aufgabe eines Point Guards ist, dass er seine Mitspieler auf dem Feld besser machen und sie in Szene setzen muss. Die Saison hat gezeigt, dass von den drei Muss-Qualitäten Randall lediglich eine erfüllt hat – die Offensive.” Gleiches sagte der Verein auch den Fans, die einer Einladung zum ersten Fanstammtisch Anfang Februar gefolgt waren. Sie verstanden. Auch die Stimmung im Team sei in der Konsequenz nun ausgeglichener, so Flynn.

 

Marqueze Coleman beim Zug zum Korb
Auch Neuzugang Coleman brachte nicht die erhoffte Wendung
Bereits Wochen vor der Entlassung der US-Jungs Holt und Pressley musste Steven Clauss nach der elften Niederlage in zwölf Spielen seinen Trainerposten räumen. Für ihn übernahm der aus Australien stammende Liam Flynn. Nachdem die Verteidigung der Titans wiederholt die gleichen Schwächen offenbart hatte, kam der Trai-nerwechsel für manchen überraschend spät. „Es braucht lange, bis wir uns als Management einschalten”, erklärt Peter Krautwald dazu. „Wir haben als Verein die Philosophie, Verträge einzuhalten und sie nicht bei der erstbesten Gelegenheit, zu der es mal schlecht läuft, aufzulösen. Erst als wir nach wiederholten Gesprächen gemerkt haben, dass es nicht weiter vorangeht, haben wir uns zu diesem schweren Schritt entschieden.”

 

Zeitgleich mit Flynn wurde als kurzweiliger Ersatz für den damals verletzten Pressley der Centerspieler Tafary Toney verpflichtet. Ebenfalls zur Stärkung des Kaders beitragen sollte der Flügelspieler Joseph Bertrand, der jedoch direkt nach seiner ersten Trainingseinheit aufgrund eines gebrochenen Zehs wieder ausfiel. Zum Jahreswechsel wurden außerdem der Deutsch-Amerikaner Jeremy Dunbar und der US-Point Guard Marqueze Coleman ins Boot geholt. Der Verein setzte zahlreiche Hebel in Bewegung, um das Ruder noch einmal rumzureißen. Genützt hat es nicht allzu viel. Der zweite Sieg der Saison am 22. Dezember gegen die Hamburg Towers blieb vorerst der letzte in der Titans-Statistik.

 

Artikelbild für Dresden Titans: Strukturell fit für die ProA – sportlich nicht.
Liam Flynn ersetzte Coach Steven Clauss
Bis endgültig feststeht, in welcher Liga in der Saison 2017/18 gespielt wird, plant der Verein zweigleisig. Hoffnung auf den Klassenerhalt macht auch die noch unklare Situation um den insolventen Erstligisten Phoenix Hagen. Unter Umständen gäbe es dadurch nur einen Absteiger in die ProB. Dann würde bereits Tabellenplatz 15 zum Klassenerhalt ausreichen. Nicht unbedingt viel wahrscheinlicher, aber machbarer. Dennoch ist es zunächst nur Lesen in der Glaskugel.

 

Abseits der sportlichen Leistung auf dem Parkett fällt das Fazit zur ersten Saison ProA aber durchaus positiv aus. Innerhalb einer lehrreichen Saison wurde der Standort Dresden mehrfach von Verantwortlichen der Liga und Vereinen für seine Professionalität gelobt. „Wenn wir etwas Positives aus der Saison ziehen, dann dass wir strukturell definitiv für die ProA gewappnet waren, sportlich leider nicht”, so Krautwald. Vom Live-Stream über die Betreuung der Spieler bis hin zu den recht stabilen Zuschauerzahlen konnte Dresden punkten. Im Schnitt machen sich pro Spiel rund 1.450 Menschen auf den Weg in die Margon Arena. Damit gehören zumindest die Besucherzahlen zu den oberen 50 Prozent der ProA. Auch die vielen Ehrenamtlichen halten ihrem Verein beständig die Treue. Keine Selbstverständlichkeit, angesichts so manchen Ergebnisses. Allein 60 Helfer sorgen unentgeltlich hinter den Kulissen für den reibungslosen Ablauf während eines Spieltages.

 

Wer bleiben will, der muss überzeugen

 

Am Ende einer turbulenten, von vielen Tiefschlägen und wenig Höhepunkten geprägten Saison bleiben vor allem viele Fragezeichen stehen. Wird Liam Flynn bleiben? Kann, will und wird man den Kader bei einem Abstieg in die ProB halten? Was wird aus dem teuer angeschafften Parkettboden?

 

Und auch wenn die Vereinsleitung den Blick momentan maximal bis zum nächsten Spiel richten möchte und endgültige Entscheidungen erst in den kommenden Monaten gefällt werden sollen, lässt Krautwald durchblicken, dass man, sofern alle Rahmenbedingungen stimmen, einer fortlaufenden Zusammenarbeit mit Liam Flynn durchaus offen gegenüber steht. Im Kader hingegen wird es Veränderungen geben, „auch wenn wir nicht den gesamten Kader über den Haufen werfen werden”, sagt er, betont aber gleichzeitig: „Wer nächstes Jahr in Dresden spielen will, muss uns nun überzeugen.”

 

Die Zeichen stehen auf Abstieg, alles andere käme einem Wunder gleich. Ob man in einem reichlichen Jahr wieder über die Rückkehr in die ProA sprechen wird, werden die kommenden Gespräche mit Partnern und Sponsoren zeigen. Natürlich spielt dabei auch das zur Verfügung stehende Budget eine Rolle. Langfristig gesehen bleibt Krautwald aber optimistisch: „Nach wie vor ist es unser aller Überzeugung, dass der Standort Dresden in die ProA gehört.” 

 

 

Hinweis: Ein letztes Mal ProA? Das letzte Spiel der Saison bestreiten die Dresden Titans am 1. April gegen die Niners aus Chemnitz. urbanite verlost 2x2 Freikarten für dieses Spiel



Diese Artikel könnten Dir gefallen:


Kommentare
› Schreibe einen Kommentar
    • Bisher keine Kommentare.
  • Bitte registriere dich bei uns oder log dich ein um Kommentare zu schreiben oder Bewertungen abzugeben.

Teilen auf

auf:

Urbanite verwendet Cookies

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Hier geht’s zu unseren Datenschutzerklärungen.

Ich stimme der Verwendung von Cookies zu