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United Nations in Dresden

Große Politik im kleineren Maßstab

08.04.2016

Dresden ist momentan kein Ort, an dem die sachliche und konstruktive Diskussionskultur zu Hause ist. Schade. Dennoch kann man ihr begegnen. So zum Beispiel im sächsischen Plenarsaal, wenn zwischen dem 11. und 15. April über 130 Studenten aus allen Teilen der Welt zusammenkommen, um über internationale Politik zu debattieren. Die ElbMUN hat eingeladen und viele folgen ihrem Ruf.

 United Nations in Dresden
Der Plenarsaal bietet die beste Kulisse, um Politik zu "machen"

Model-United-Nations, kurz gesagt MUNs, sind politische Planspiele, bei der die Arbeit der Vereinten Nationen simuliert wird. In Deutschland gibt es 29 dieser Veranstaltungen, eine davon ist die ElbMUN. Mit ihren weit über 100 Teilnehmern gehört sie mit zu den größten MUNs in Deutschland. 

Themen der großen Weltpolitik

 

Während des Events repräsentiert jeder Teilnehmer die Delegation eines Landes. Dabei müssen Ansichten und Interessen des jeweiligen Staates in einem von vier Gremien bestmöglich vertreten werden. Neben dem UN-Sicherheitsrat gibt es noch die Ausschüsse für Abrüstung und internationale Sicherheit, für soziale, humanitäre und kulturelle Fragen sowie den Europäischen Rat. Die zu debattierenden Themen sind dabei keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern orientieren sich an der realen Weltpolitik. 

Dementsprechend geht es dieses Jahr unter anderem um den Islamischen Staat, den Schutz maritimer Handelsrouten, Entwicklungshilfe, die Gleichstellung von Mann und Frau und die europäische Einheit. Klingt gut, aber auch ganz schön anspruchsvoll. „Für Neulinge ist es oft komisch und wirkt zunächst kompliziert, auf so einer internationalen Ebene über Politik zu reden”, räumt Viktoria Semb ein. Sie ist eine der rund 60 ehrenamtlichen Organisatoren der ElbMUN. „Aber gerade nach ihrer ersten Teilnahme sind die Leute wirklich positiv überrascht, weil es eben doch kein eingerosteter Debattierclub ist, auch wenn es im ersten Moment vielleicht danach klingt.”


Kompetenz zum Perspektivenwechsel

 

Der Clou des Spiels: Kein Delegierter darf sein eigenes Heimatland vertreten. Dadurch müssen Probleme gezwungenermaßen aus einer anderen Perspektive betrachtet und meist auch vor einem neuen kulturellen Hintergrund bewertet werden. Um inhaltliche Perfektion geht es dabei nicht, sondern ums Prinzip. „Die Quintessenz ist der Kompromiss und die Fähigkeit, diesen in einem Kreis von etwa 60 Menschen aushandeln zu können”, so Vorstandsmitglied Valentina Götz. Erfahrung ist dabei natürlich hilfreich. 

Nach diesem Aspekt werden auch die Delegationen vergeben: Nur erfahrene MUN-Gänger vertreten politische Schwergewichte, wie etwa die USA, Neulinge starten mit politisch bescheideneren Staaten.

Der Zusammenarbeit tut das keinen Abbruch. „Die Erfahrenen leiten die neuen Teilnehmer, geben Hinweise darauf, was geht und was nicht, auch im rechtlichen Rahmen der UN. Da entsteht ein wirklich gutes und produktives Miteinander”, sagt Valentina. Das ist auch von Nöten, um zwei Themen je Gremium innerhalb von nur fünf Tagen durcharbeiten zu können. Lediglich der UN-Sicherheitsrat erhält zunächst nur ein Thema. Im Verlauf der Woche wird es allerdings zufällig zu einer politischen Krise kommen, auf die reagiert werden muss. Viktoria muss schmunzeln: „Manche Delegierte entwickeln richtig schauspielerische Talente und brechen spontan in Tränen aus, weil ihr König gestorben ist. Das ist dann für alle eine besondere Herausforderung, die aber auch richtig viel Spaß macht.”


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Fünf Tage lang wird hitzig debattiert
Im Kampf für eine bessere Welt

 

Am Ende einer aufregenden Woche, die noch durch ein allabendliches, buntes Unterhaltungsprogramm ergänzt wird, gibt es zufriedene Gesichter und eine durch die Gremien verabschiedete Resolution. Diese enthält hin und wieder überwiegend hübsche Wörter bei weniger Inhalt. Ein Umstand, der für alle Beteiligten enttäuschend ist. Heiße Luft gibt es also auch bei der simulierten UN … Und doch kommt es gelegentlich anders: „Zum Teil sind viele Idealisten dabei, die ein echtes Ergebnis erreichen wollen“, so Valentina. „Dann ergeben sich Koalitionen, die in der realen Welt nicht unbedingt umsetzbar erscheinen. Aber zugleich ist es eine schöne und hoffnungsvolle Vorstellung, wenn die USA, Russland und China gemeinsame Sache machen, um ein Ziel zu erreichen.“

Was bleibt am Ende?

 

Schön und gut, aber was bringt diese Simulation am Ende des Tages wirklich? „Zum einen versteht man die Arbeit und Probleme der UN besser. Es ist schwierig, alles unter einen Hut zu kriegen. Keiner kann seine Interessen zu 100% durchsetzen. Das ist eben so”, so Lucas Paeth, ebenfalls Vorstandsmitglied. „Es wächst auch ganz allgemein das Verständnis für andere. Zum Beispiel, wenn man sich mit jemanden gut versteht, voll auf einer Wellenlänge ist und im Gremium plötzlich merkt, dass man politisch ganz anders tickt, muss man diesen ‚Widerspruch‘ in seinem Kopf erst mal zusammenbringen.” Wird man dadurch also auch toleranter? „Auf jeden Fall!”

 



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