Durchgezählt Dresden Teaser

Ein Abend mit: Durchgezählt

„Es sind halt Zahlen"

29.12.2015

Eine studentische Forschungsgruppe zählt seit Monaten mit wissenschaftlichen Methoden die PEGIDA-Teilnehmer und die Anzahl der Gegendemonstranten. urbanite war einen Abend lang mit dabei. 

 

Durchgezählt Dresden 1
Vom Turm der Frauenkirche fotografiert.
Es ist 18:30 Uhr, die Gruppe trifft sich an den Brühlschen Terrassen. Mathias Schuh (26), Student der Forstwissenschaften und Leiter der Dresdner Forschungsgruppe, ist fast immer dabei. Unterstützt wird er heute von Daniel (24) und Hannah (21). Die drei suchen sich einen passenden Aussichtspunkt und packen ihr Equipment aus: Video- und Fotokameras und Zählgeräte, sogenannte Klicker. Während PEGIDA noch auf dem Theaterplatz demonstriert, überqueren die Gegendemonstranten die Albertbrücke. Kameramann Daniel filmt, später wird er die Personenanzahl in einer Zeitlupe ermitteln. 

 

Für die beste Perspektive klettert das Team auch schon mal auf Klettergerüste oder erklimmt den Hausmannsturm – heute geht es hoch auf den Zwinger, um von dort aus per Hand zu zählen. Schuhs Handy klingelt ständig, Journalisten erfragen den aktuellen Zählstand. „1. Schätzung: Heute bei #Pegida in #Dresden zwischen 9.000 und 12.000 Teilnehmer. Geschätzt über Fläche.“, twittert Schuh. Er hat mithilfe von Google Maps per Flächenschätzung die ungefähre Personenanzahl auf dem Theaterplatz ermittelt, im Schnitt sind es 1,2 Menschen pro Quadratmeter. Später am Abend wird Schuh die Schätzung auf ca. 7.000 korrigieren. 

 

Kreative Zahlen

 

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Der Demonstrationszug wird gefilmt.
Durchgezählt wurde im April 2014 gegründet, als Mathias Schuh und seinen Freunden Zweifel an den veröffentlichen Teilnehmerzahlen von PEGIDA und den Gegendemonstrationen kamen. Sie zählten selbst nach, verglichen ihre Ergebnisse mit denen der Polizei und siehe da: Die offiziellen Schätzungen lagen teils zu 50 Prozent über denen der Gruppe. Man müsse immer hinterfragen, wer welches Interesse an den veröffentlichen Zahlen habe, so Schuh. Veranstalter schraubten die Teilnehmerangaben gern künstlich in die Höhe, um mit „kreativen Zahlen“ die Außenwirkung zu erhöhen. Diesen Zahlenspielen wollte die Initiative mit seriösen und methodisch fundierten Berechnungen begegnen und entwickelte ihre eigenen Zählmethoden – mit Erfolg. 

 

Auch an der Uni Leipzig erfasst Statistikdozent Stephan Poppe mit seiner Gruppe Crowdcounting Teilnehmer von Großveranstaltungen. Im November 2015 fusionierten beide Initiativen und veröffentlichen seitdem alle Ergebnisse unter dem gemeinsamen Namen Durchgezählt auf Twitter und in einem Blog. 

 

„Wenn es 5.000 Menschen sind, sind es 5.000 Menschen“

 

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Der Schlossplatz bei einer Demo im Sommer.
Dabei achten sie auf vollständige Transparenz: Sie wollen, dass ihre Arbeitsweise überprüft, nachvollzogen und gegebenenfalls verbessert werden kann. Ihnen geht es um die wissenschaftliche Methodik, persönliche und politische Einstellungen bleiben außen vor. Lokale Medien wurden schnell auf Durchgezählt aufmerksam und inzwischen kommt

kaum eine Pressemeldung ohne den Hinweis auf die Schätzungen der Gruppe aus. Die Zahlen werden im Internet heiß diskutiert; Durchgezählt muss viel Kritik, insbesondere von PEGIDA einstecken. Mathias Schuh bleibt dabei entspannt: „Wir wollen die Realität abbilden. Wenn es 5.000 Menschen sind, sind es 5.000 Menschen. Und wir zählen ja auch die Gegendemonstranten.“ Die Gruppe hat die unterschiedlichsten Veranstaltungen durchgezählt. Der Fokus liege eher zufällig auf PEGIDA, denn „die sind halt jeden Montag hier“. 

 

Auch falsche Tweets bleiben online

 

Nach der Demonstration klingelt wieder das Handy: Ein Medium hat die erste Schätzung veröffentlicht und muss sich jetzt korrigieren. Mathias Schuh lässt das kalt. Er fühlt sich nur der Wissenschaft verpflichtet. „Auch falsche Tweets bleiben online“, sagt er. „Da können andere draus lernen.“ Wer das sein wird und wie viele Montage noch vor ihm liegen, weiß er nicht, aber die Gruppe will weitermachen, so lange es personell möglich ist. Nach seinem Abschluss will Mathias Schuh ins Ausland, wie es dann mit der Initiative weitergeht, ist noch unklar. Ihre Arbeit aber bleibt: Damit die „kreative Zahlendiskussion" endlich ein Ende hat, arbeitet die Forschungsgruppe an einem Handbuch, anhand dessen zukünftig jeder unkompliziert Teilnehmerschätzungen durchführen kann.

 

Infos: www.durchgezaehlt.orgtwitter.com/durchgezaehltfacebook.com/durchgezaehlt

 

Viola Martin-Mönnich



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