Interview mit Madsen über Freundschaft, Fernsehen und die Foo Fighters

Interview mit Madsen über Freundschaft, Fernsehen und die Foo Fighters

„Mit offenem Mund dastehen und lernen“

10.02.2016

Nachdem Madsen auf dem letztjährigen Highfield-Festival ihr neues Album „Kompass“ vorgestellt haben, sind sie nun damit auf Tour und machen am 19. Februar 2016 Halt im Alten Schlachthof. Wir haben mit Schlagzeuger Sascha Madsen über den Release-Tag, die besondere Rolle der Foo Fighters und das Fehlen des Bundesvision Song Contests gesprochen.

Interview mit Madsen über Freundschaft, Fernsehen und die Foo Fighters
Madsen: Niko, Sebastian, Sascha und Johannes (v.l.n.r.)
Wie war der „Kompass”-Release-Gig auf dem Highfield für euch?
Das war der totale Knaller. Wenn wir dürften, würden wir jedes Jahr auf dem Highfield spielen, weil es für uns mit das Festival-Highlight überhaupt ist. Dann noch am Release-Tag neue Songs zu spielen und mit den anderen Bands abzuhängen und zu feiern, das ist schon etwas, was man nicht so schnell vergessen wird. Das war schon etwas ganz Besonderes.

Ihr strotzt auf der Bühne vor jugendlicher Freude und Energie. Habt ihr dafür bestimmte Rituale oder ein festes Programm?
Nein, ich glaube das Geheimnis ist, dass wir eben kein Programm haben. Wir machen uns darüber auch keine Gedanken. Wir proben nicht darauf hin, spritzig, jugendlich und energetisch auf der Bühne zu sein. Wir machen, was wir machen und wir machen es so, wie es uns am meisten Spaß macht und das kommt dann dabei raus. Im Proberaum sieht das nicht immer so aus. Da hat man nicht unbedingt Bock „Vielleicht“ zum hundertsten Mal zu proben, aber da muss man dann halt durch. Auf der Bühne ist es dann komplett anders. Da werden Energien freigesetzt und man kann nichts dagegen machen. Das kann man auch nicht üben und man kann auch nicht darauf hinarbeiten. Das muss passieren, da muss einfach eine Energie da sein. Es ist halt auch die Musik, die dazu einlädt. Das darf man nicht als Job sehen. Wenn man, bleiben wir bei diesem Beispiel, zum fünfhundertfünften Mal „Vielleicht“ live spielt, darf man das nicht als Arbeit sehen. Wenn wir da keinen Bock mehr drauf haben, spielen wir das auch nicht mehr.
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„Das darf man nicht als Job sehen.“


„Kompass” ist sowohl in den Songs als auch im Artwork sehr maritim geworden. Was bedeutet Meer für euch?
Wir haben erst relativ spät gemerkt, dass es tatsächlich so maritim ist. Das Artwork ist auch nicht von uns, sondern von einer tollen Grafikerin, die uns mehrere Ideen auf die Schnelle geschickt hat. Da war zum Beispiel auch ein Baum mit Wurzeln dabei, aber eben auch das, was es jetzt geworden ist. Das fanden wir auf Anhieb am besten und haben sofort gesagt: Das ist es. Fertig. Vielen Dank.
Wir haben eigentlich gedacht, dass die Texte die Reiselust und die Sehnsucht nach der Ferne beschreiben. Wir kommen ja vom flachen Land. Aber wir müssen auch nur zwei Stunden fahren und sind schon an der Nordsee, was wir lieben und tatsächlich auch machen. Und wenn wir einfach nur für ein paar Stunden aufs Meer gucken. Das reicht dann auch wieder für eine gewisse Zeit. Außerdem gibt es ja die schöne Textzeile: „Den ohne Wurzeln trägt der Wind davon“. Und der Anker auf dem Cover trifft das auf den Punkt.

Der Song „Ich trink nur eben aus“ beschreibt einen Menschen, der immer redet und von großen Plänen erzählt, letztendlich aber nie etwas macht. Nerven euch Quasselstrippen, die dann doch nie in die Gänge kommen oder amüsiert ihr euch eher darüber?
Beides. Auf der einen Seite finde ich es extrem unterhaltsam, solche Menschen zu kennen und ihnen zuzuhören. Nach dem Motto: „Oh, mit welcher Geschichte kommt er heute?“
Andererseits ist es natürlich auch ein bisschen anstrengend, wenn man sich sagt: „Komm, mach doch wenigstens mal ansatzweise irgendetwas, von dem du redest.“ Dann muss man aber auch ein bisschen aufpassen, man darf sich da selber nicht rausnehmen. Man erzählt ja manchmal auch mehr, als letztendlich dahinter steckt. Den Fehler darf man auch nicht machen. Man muss da auch auf sich selber gucken und sagen: „Ok, da fühle ich mich jetzt ein bisschen ertappt.“

Das Album erinnert stellenweise an die Foo Fighters und die Queens of the Stone Age. Sind diese Bands Inspirationen?
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„Vor allem die frühen Foo Fighters haben uns unfassbar beeinflusst.“
Definitiv. Vor allem die frühen Foo Fighters haben uns unfassbar beeinflusst. Jedes Mal, wenn die bei uns in der Nähe gespielt haben, sind wir hingedüst. Gerade live sind sie eine der besten Bands überhaupt. Queens of the Stone Age waren schon immer eine unfassbar gute Band. Wobei für mich da auch Kyuss zu erwähnen sind, die uns mit dem Sound, dem Selbstverständnis, der Lockerheit und der Coolness, wie man Musik machen kann, einfach extrem beeindrucken. Das sind auch Bands, die man sich immer wieder live angucken muss, wo man nur mit offenem Mund dastehen und lernen kann.

Ihr habt letztes Jahr ja sogar von Dave Grohls Beinbruch profitiert.
Ja, wir haben davon absolut profitiert. Wir haben am Donnerstag nachmittags die Anfrage bekommen, ob wir am Freitag auf dem Southside und am Sonntag auf dem Hurricane spielen wollen. Obwohl es organisatorisch unmöglich ist, haben wir uns dafür entschieden. Jede Crew, jeder Backliner, jeder Techniker ist ja am Hurricane-/Southside-Wochenende irgendwo in Europa unterwegs. Genau wie alle LKWs und alle Busse, um die Bands zu transportieren. Jede Bus-Company, bei der wir angefragt haben, meinte: „Vergesst es. Seid ihr wahnsinnig? Nicht am Hurricane-Wochenende.“ Dann haben wir aber genau zur richtigen Zeit bei einer Firma angerufen, bei der die Foo Fighters acht Busse angemietet hatten. Ein Bus ist gerade frei geworden und den haben wir dann bekommen. Ist doch auch nicht schlecht.

Hast du Pläne, irgendwann wie Dave Grohl deine Sticks in die Ecke zu werfen und Frontmann zu werden?
Puh, nein. Solche Pläne habe ich gar nicht. Überhaupt nicht. Ich weiß auch nicht, ob Dave Grohl den Plan hatte, als er mit Nirvana auf Welttournee war. Das bezweifle ich auch, aber wer weiß, was kommt. Dazu müsste ich aber noch ein paar Jahre Gitarre üben, glaube ich (lacht).

Das Musikgeschäft hat ja den Ruf, sehr hart zu sein. Habt ihr in der Branche schon echte Freundschaften geschlossen?
Dass sich richtige Freundschaften bilden, passiert selten, aber es passiert. Da muss man dann auch zwischen persönlichen Freundschaften, bei denen die Musik- und Medienwelt keine Rolle spielt und komplett ausgeblendet wird, und Rock’n’Roll-Freundschaften auf den Festivals unterscheiden. Thees Uhlmann ist da ein schönes Beispiel, der damals unsere erste Bandinfo geschrieben und uns damit definitiv einen Riesenschritt nach vorne katapultiert hat. Das war für eine Band, die damals mit ihrem Debütalbum in den Startlöchern stand, ein echter Ritterschlag. Er hat uns damit extrem viele Türen geöffnet, sonst hätten uns womöglich viele gar nicht beachtet. Schon als er Backliner bei Tocotronic war, habe ich sein Buch gelesen und Tomte von der ersten Stunde an verfolgt. Dafür sind wir Thees extrem dankbar und daraus ist ein paar Jahre später eine echte Freundschaft geworden. Er hing dann auch bei uns auf dem Land herum und hat ein Tomte-Album geschrieben. Wir besuchen uns heute noch gegenseitig und es ist immer richtig schön, ihn zu treffen.
Und dann gibt es noch Bekanntschaften, bei denen man sich freut, wenn man sich sieht und zufällig auf einem Festival trifft. Dann ist aber auch wieder gut.

Ihr wart beim Bundesvision Song Contest zweimal am Start. Wird euch diese Veranstaltung fehlen?
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„Heimat ist schon wichtig, aber man darf das auch nicht verteufeln.“
Wir haben uns schon sehr lange und sehr gut überlegt, ob wir ein zweites Mal mitmachen. Wir wurden in den Jahren zuvor schon mehrmals gefragt. Wir wollten das aber nie, weil wir dachten, das wäre der falsche Zeitpunkt. Wir hatten nicht das richtige Lied und ein zweites Mal mitzumachen, wäre doch auch irgendwie blöd. Dann kam aber „Küss mich“ genau zur richtigen Zeit und mit der Albumveröffentlichung hat es auch gut gepasst. Also haben wir gesagt: „Komm, scheiß drauf. Machen wir das.” War ja auch super.
Und natürlich wird das im deutschen Fernsehen fehlen, das ist absolut klar. Das war die letzte Samstagabendshow, bei der Musik absolut im Mittelpunkt stand. Es wurde ja oft kritisiert, dass im Vorfeld schon klar ist, wer gewinnt, weil namhafte Künstler mitgemacht haben. Aber das muss ja auch sein. Wenn nur Newcomer mitmachen, schaut es sich halt keiner an. Da müssen Zugpferde dabei sein und das war eine hervorragende Mischung. Die Leute haben zugeschaut wegen der renommierten Künstler und dann gab’s die Bands dazwischen, die dann oft Überraschungserfolge erzielen konnten. Wie die Donots zum Beispiel letztes Jahr mit ihrem großartigen politischen Statement. Ich hätte mich nicht mehr freuen können, wenn wir den zweiten Platz gemacht hätten. Die würde ich mittlerweile übrigens auch als Freunde bezeichnen, weil wir uns jetzt schon über so viele Jahre treffen und tatsächlich auch privat Kontakt haben. Wir haben uns auch schon gegenseitig um Rat und Hilfe gefragt, was diese Medienwelt angeht.
Und dann war der Bundesvision Song Contest natürlich noch für Newcomer, die gerade ihren ersten Fuß in diese Welt stecken, eine großartige Möglichkeit, sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Das wird definitiv in der deutschen Fernsehlandschaft fehlen.

War es für euch besonders, Niedersachsen vertreten zu dürfen oder ist euch Heimat und die Idee davon nicht sonderlich wichtig?
Doch, Heimat ist schon wichtig, aber man darf das auch nicht verteufeln. Wir würden jetzt nie eine Deutschlandfahne schwenkend durch unseren Landkreis fahren, so weit geht die Heimatliebe nicht. Aber wir wurden da geboren, da sind wir zu Hause, da ist die Band zu Hause und es wäre ja totaler Quatsch, ein anderes Bundesland zu vertreten. Mit dieser Heimatliebe muss man halt in diesen Zeiten extrem aufpassen. Wir sind zufälligerweise in Niedersachsen zu Hause, sind aber genauso gerne in anderen Ländern. Ich wohne ja nicht mal in Deutschland, ich bin ja Ausländer. Ich wohne in Wien und fühle mich dort genauso wohl.

Vielen Dank für das Gespräch!



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