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Interview: Silbermond

Musik bei Mondschein

22.08.2016

Silbermond kommen Ende August nach Dresden und spielen seit langer Zeit wieder ein Konzert am Elbufer. Sie brauchten die Pause, um neue Lieder zu schreiben und wieder zusammen zu finden. urbanite sprach mit Thomas und Stefanie über das aktuelle Album, die Band und ihre alte Heimat. 

 Interview: Silbermond
Endlich sind Silbermond wieder auf Tour
 

Nach drei Jahren Pause seid ihr wieder auf Tour. Wie fühlt sich das an?

Thomas: Es ist wirklich wunderbar. Wir haben nach dem letzten Album eine kleine Zäsur gemacht für uns, mussten mal wieder ein paar Dinge klarkriegen und haben dementsprechend auch lange nicht live gespielt. Deswegen fühlt es sich umso besser an, gerade mit dem neuen Album. Die Songs machen live unglaublich viel Spaß und sie werden unglaublich gut von den Leuten angenommen. Es ist einfach wirklich ein ganz, ganz schönes Gefühl wieder unterwegs zu sein und so viel Energie auch vom Publikum zu bekommen.

 

Euer Konzert am Elbufer ist seit Anfang Februar ausverkauft. Eine Bestätigung von euren Fans, dass euer musikalischer Schritt zurück zu euren Wurzeln der richtige war oder schlichte Freude darüber, dass ihr endlich wieder live unterwegs seid?

Stefanie: Ich glaube es ist eine Mischung aus allem. Wenn die Leute nicht mögen, was wir jetzt gerade machen und wenn sie nicht auch so einen persönlichen Bezug zu dem Song „Leichtes Gepäck“ entwickelt hätten, dann hätten sie sich die Karte ja sicherlich auch nicht gekauft. Und natürlich ist es auch unsere Heimat. Ich glaub, da ist schon so ein Stück natürliche Verbundenheit da. Und das letzte Konzert, das wir da gespielt haben, war echt eines der schönsten an die wir uns erinnern können. Es hatte alles gestimmt: Das Wetter, der Sommer an sich, die Location – einfach großartig mit der Kulisse von Dresden im Hintergrund. Da konnte man sich nicht mehr wünschen und wir hoffen natürlich, dass es in diesem Jahr mindestens genauso wird.

 

Ist Leichtes Gepäck euer ehrlichstes Album?

Thomas: Auf eine gewisse Art schon, also es ist nicht so, dass wir vorher unehrlich waren. Aber wir haben jetzt eine neue Ebene gefunden für uns, wie wir die Sachen, die uns bewegen und beschäftigen, in Texte packen. Und deswegen würde ich das Attribut schon auch wählen. Nach vier Alben, die man gemacht hat, wars irgendwie an der Zeit, sich zurückzubesinnen und auch mal einen Blick nach vorn zu wagen: Wo soll die Reise eigentlich hingehen? Das war dann auch der Grund, warum wir zurück zu den Wurzeln sind. Wir haben mehr denn je ein Album als eine Band gemacht. Wir waren zum Beispiel in Nashville, haben das Album größtenteils live eingespielt. Vom musikalischen über die Texte, bis hin zu dem Gefühl, welches sich mit der Albumentstehung verbindet, ist es wirklich das ehrlichste Album bis jetzt. Definitiv.

 

In Zeit zu tanzen heißt es in einer Zeile „Dein Glanz ist matt, deine Leichtigkeit ist rostig.“ Ist das ein Resümee aus eurer Zeit als Silbermond?

Stefanie: Ja, na klar auch. Also jeder der zwölf Songs ist ein Song, bei dem wir gesagt haben, das sind Themen, die uns wichtig sind und die uns beschäftigt haben, und auch nur die kommen in den neuen Rucksack rein.

Damals, als wir angefangen haben, also 2004, als die erste Platte rauskam, hat man sich noch nicht so viel Gedanken um alles gemacht. Und je größer der Erfolg wurde und je mehr von dir erwartet wurde und je mehr an dich herangetragen wurde, desto mehr ist deine eigene Erwartungshaltung gestiegen. Man hat mehr von sich selbst erwartet und abverlangt. Das macht dich natürlich nicht gerade mutig, sondern noch ängstlicher, weil du denkst, da draußen wartet nur jemand darauf, dass wir einen Fehler machen. Das macht auch ganz, ganz viel Kreativität kaputt, weil es dich hemmt. Du machst dir mehr Gedanken, statt einfach loszulegen, mutiger zu sein und auch ein paar Sachen einfach mal auszuprobieren.

Klar, wenn du Neues ausprobierst, läufst du natürlich immer Gefahr, dass es nicht funktioniert, aber wenn du mutig bist und es geht danach auf und die Leute sagen, hey, das ist ja cool geworden, dann hast du danach so viel Mehrwert. Und das ist es, was wir zurückhaben wollten. Wir sehen das auch bei unseren Freunden. Wir sind alle Anfang dreißig, jeder verschanzt sich in seinem Alltag und ist dabei, den irgendwie zu regeln. Dabei sind die schönsten Momente manchmal die, wo du abends im Biergarten versackst und morgens dann müde auf Arbeit sitzt. Diese Abende tragen dich über Wochen mehr, als wenn du jeden morgen schön brav um sechs aufstehst und zur Arbeit gehst.  

 

In den letzten Jahren habt ihr gemeinsam ein Tief überwunden. Eure Therapie war ganz viel reden, viel Wein und viel Pizza. Aber Sorgen und Probleme, wie überhöhte Erwartungen an die eigene Person, lösen sich ja nicht nur dadurch, dass das Problem erkannt wird. Wie ist das euch als Band so schnell gelungen?

Stefanie: Ich glaube, man steckt da immer noch auf eine gewisse Art und Weise drin. Denn nichts geht von heut auf morgen, auch nicht, leichtes Gepäck mit in sein Leben zu tragen. Seitdem wir dieses Lied geschrieben haben, ists auch Teil unseres Alltags. Und das kriegt man immer wieder mit, wenn man in eine Situation kommt, in der man merkt, Mensch, man legt sich wieder zu viel auf die Schultern, man packt wieder zu viel Sachen auf sein Herz. Aber diesmal versucht man es eben nicht einfach dabei zu belassen, sondern den Ballast schneller wieder wegzukriegen. Und ich glaube, das ist schon der erste Schritt der Erkenntnis: Dass man nicht von sich verlangt, dass es von heut auf morgen geht, aber das man einfach Stück für Stück daran arbeitet, es immer im Kopf behält und ein Auge drauf hat, dass es nicht noch einmal in dem Maße passieren kann. Dazu haben wir in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass wir ein tolles Team um uns herum haben. Das uns Sachen abnimmt, damit wir den Rücken frei haben, um einfach ganz befreit wieder Musik zu machen. Deswegen ist man nicht davor gefeit, dass es dir immer wieder passieren kann, dass du dich um Sachen kümmerst, bei denen man eigentlich sagen könnte, “das können andere viel besser, die haben viel mehr Ahnung davon. Also lass das mal sein und setz du dich lieber mal an ein paar neue Songs – das bringt mehr”.

 

Nach einer so langen gemeinsamen Zeit kennt man sich in der Regel beinah schon in- und auswendig. Gab es bei den Gesprächen noch Aspekte, die euch noch überrascht haben oder war das große Problem am Ende einfach nur fehlende Kommunikation?

Stefanie: Ich glaube das kann man nicht so pauschal sagen. Klar ist, es wird immer Dinge geben, die jemand mit sich selber ausmacht und die man nicht jedes Mal, wenn man abends zu viert Essen geht, bespricht. Und mit Sicherheit sind auch ab und zu mal ein paar Dinge zu kurz gekommen, bei denen man dachte, die kann man vielleicht mit sich selber klären. Aber eigentlich wärs ganz gut, wenn die anderen davon wüssten, wie man sich selbst in einigen Situationen fühlt. Einiges kann man für sich selber ja auch noch gar nicht reflektieren, wenn es passiert. Wenn du mitten in einer Situation steckst oder manche Dinge noch nicht lange zurückliegen, hast du manchmal gar nicht den Abstand dazu, um das für dich zu analysieren. Wie bist du eigentlich als Mensch durch den großen Erfolg gegangen, den die Band hatte? Wie hat sich deine Persönlichkeit jenseits der Band entwickelt? Was ist eigentlich dein persönliches Ziel? Machst du dir eigentlich Gedanken über deine Zukunft? Sowas bespricht man nicht immer. Das ist wie in einer Partnerschaft. Da kommst du auch nicht nach Hause und besprichst die großen Dinge des Lebens. Sondern manchmal geht‘s dann auch einfach mal nur darum, wie dein Tag war. Und genauso ist es in einer Band einfach auch. Man setzt sich natürlich nicht immer zusammen und legt sein Herz auf den Präsentierteller.

Aber das war auf jeden Fall auch was, was uns sehr geholfen hat diese Platte zu schreiben und wieder an die Songs zu gehen. Dass wieder jeder sehr, sehr viel von sich preisgegeben hat und wir uns noch intensiver kennengelernt haben, als man sich eh eigentlich schon kennt.

 

Was war für euch die wichtigste und lehrreichste Erfahrung aus dieser Zeit?

Thomas: Wir haben jetzt nicht die Weisheit gefunden, wie der Schlüssel des Lebens ist. Aber ich glaube, der Weg ist das Ziel. So abgedroschen es jetzt auch klingt. Aber das war für uns die Erkenntnis. Ich glaube, für uns wars wichtig wieder so eine Konkretheit in das Banddasein reinzubekommen. Wir haben zehn, zwölf Jahre Musik gemacht, waren auf Tour, haben Alben rausgebracht, aber absurderweise haben wir uns nie darüber unterhalten, wo jeder von uns eigentlich hin will im Leben. Ich glaube, dass das die wichtigste Erkenntnis war. Wenn man in einer Gruppe arbeitet, ist ein Abgleich der Vorstellungen einfach wichtig. Und das haben wir getan. Wir sind uns mehr denn je darüber bewusst und einig, dass wir als Band durch dieses Leben gehen wollen. Solange die Gesundheit und die Kreativität das zulassen.

Und so simpel und einfach das auch klingt, aber wir hatten das einfach verloren über die letzten zehn Jahre und das ist eben bei der Pizza und dem Wein ab und zu auf den Tisch gekommen. Ich glaube, dass das wichtig ist, nicht nur in einer Band, sondern in allen möglichen Formen von Beziehungen. Aber das war die wichtigste Erkenntnis: wir sind eine Band und haben es gar nicht nötig und wollen auch gar nicht immer den neusten Trends hinterherhetzen. Wir sind eine Band – so langweilig und normal wie das klingt, aber das ist auch unsere Stärke. Es gibt so viele gute Beispiele, bei denen eine Band einfach bei sich geblieben ist und so viele gute Alben gemacht hat, ihre Touren gespielt hat … und das ist unsere Erkenntnis: Wir sind eine Band und das ist auch gut so.

 

Ihr habt ja eine sehr intensive Verbindung zu eurer Heimat und ihr betont auch häufig – sehr zur Freude der Fans – wie gern ihr in Sachsen spielt. Nun hat sich in Dresden seit eurem letzten Besuch gesellschaftspolitisch einiges getan. Wie gern kommt ihr tatsächlich noch hierher?

Stefanie: Also ganz ehrlich, Zuhause bleibt Zuhause. Wir sind in Bautzen aufgewachsen, unsere Familie ist da und wenn wir nach Hause kommen, dann tun wir das immer noch mit dem Gefühl im Herzen, dass wir zu Menschen fahren, die uns etwas bedeuten und wir in eine Region kommen, die uns als Kinder und Jugendliche geprägt hat und uns als Band auch irgendwie zusammengeführt hat. Aber natürlich haben wir dafür auch schon immer ein Auge gehabt. Schon damals waren wir in Bautzen auf vielen Veranstaltungen, zum Beispiel für „Bautzen ist bunt“ oder auf Konzerten gegen rechts am Start. Weil wir das Gefühl hatten, dass wir mit unserer Musik auch als Band unsere Meinung zum Ausdruck bringen können und unser Statement abgeben können. Was uns als Band auch unheimlich wichtig ist. Und natürlich beobachtet man das mit einem sehr kritischen und sehr wachsamen Auge. Man fragt sich natürlich auch, wo soll das alles noch hinführen, wenn man merkt, dass diese Spirale von negativen und ideologischen Gedanken und auch dem Hass, den einige Menschen mit sich tragen, sich immer weiter zuspitzt. Da fragt man natürlich, wie kann man das unterbrechen? Wie kann man es schaffen, da irgendwie einen gemeinsamen Nenner zu finden?

Und dann stellt man irgendwie fest, es ist die größte Herausforderung, vor der wir als Land, als Europa und auch als Welt stehen, hier nicht auseinanderzudriften, sondern zu schauen, wie man aufeinander zugehen kann. Aber ich hab da keine Antwort drauf. Das wäre ja schön, wenn jemand die eine Antwort dazu hat. Aber jeder von uns kann sich zumindest selber fragen, in welcher Gesellschaft will man denn leben und was kann man denn selber dazu beitragen. Und ich bin wirklich froh, dass wir in einem Land leben, indem es Freiheit gibt. Wir können reisen wohin wir wollen, wir können lieben, wen und wie wir das gern wollen, wir können glauben woran wir wollen und ich steh auf der Bühne, als Frontfrau einer Band, weil es die Gleichberechtigung von Mann und Frau in diesem Land gibt. Und das alles sind nur kleine Punkte, die zu einer Demokratie dazugehören. Und ich bin froh, dass es so ist. Diese Freiheit ist auch ein kostbares Gut. Ich glaube, einige vergessen, wie kostbar es ist und dass es sich lohnt dafür zu kämpfen. Auch wenn es anstrengend ist. Ich glaub da einfach daran, dass es besser ist aufeinander zu zugehen, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Da draußen verändert sich die Welt und unsere Aufgabe ist es, so gut wie es geht, mit dieser Veränderung umzugehen.

 

Habt ihr es in euren Fankreisen schon spüren müssen, dass sich Leute von euch abwenden, weil ihr eben eine so deutliche Position bezieht?

Thomas: Sicherlich gibt es den einen oder anderen Kommentar im Web 2.0, wo Leute natürlich auch schnell sind mit Kritik und harschen Worten und so weiter. Da liest man schon den ein oder anderen Kommentar, aber auf den Konzerten, wo Stefanie das auch jedes Mal thematisiert, haben wir noch keine einzige negative Meinung dazu bekommen. Also sicherlich ist ein Thema, bei dem es kein schwarz oder weiß gibt und das ist auch das, wofür wir plädieren. Es ist jetzt an der Zeit – so schwer das manchen oder einem selber auch fällt und so viel Kraft das auch kostet – aufeinander zuzugehen. Wir werden uns auch in Dresden nicht scheuen unser Statement abzugeben. Aber ich glaube es ist wichtig, dass man dann auch jede Form von Meinung zulässt, solange sie offen und nicht schon vorgefertigt ist.

 

Generell werdet ihr– gerade wegen „Leichtes Gepäck“ – des Öfteren gefragt, welche drei Dinge ihr auf eine einsame Insel mitnehmen würdet. Stefanie, du hast eine Aversion gegen die Frage. Woher?

Thomas: Das ist ne gute Frage (lacht)

Stefanie: Das ist tatsächlich eine gute Frage. Einfach zu viele Jahre haben zu viele Journalisten genau diese Frage gestellt und ich finde, man kann sich ganz viele andere Fragen überlegen (lacht). Nein, ich mag die Frage auch einfach nicht. Ich hab dann irgendwann gesagt: „Leute, Ihr könntet ja mal die Jungs fragen, ob sie darauf antworten wollen, aber ich nicht.“ Kann ich auch gar nicht erklären. Ist einfach so. Aber ich kann das ja gerne weiterreichen an Thomas.

Thomas: Ich bin praktisch orientiert. Ich würde eine Solarzelle oder so mitnehmen, dann auf jeden Fall etwas womit man Musik machen kann, auch wenn das den Hunger nicht stillt, aber es ist ein cooler Zeitvertreib. Und dann nehme ich wahrscheinlich noch irgendwas mit zum Feuermachen. Wie gesagt, ich bin praktisch orientiert.

 

Wieso denn eine Solarzelle?

Thomas: Falls ich mein Handy laden will. (lacht) Nein, natürlich nicht, war nur ein Scherz. Wenn du wirklich auf einer verlassenen Insel landest, nützt dir sowas Null.

 

 


 



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