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Mein Viertel: Die Oschatzer Straße

Die neue Neuse?

14.02.2017
Autor: Kaddi Cutz

Kiez-Stimmung kommt längst nicht mehr nur in der Neustadt auf. Vielmehr liefern sich längst eine handvoll Stadtteile ein kleines Wettrennen um die Krone des Insider-Szeneviertels. Für Pieschen ganz vorn am Start: die Oschatzer Straße. Irgendwo zwischen entspannter Idylle und Großstadt-Hipsterness bleibt einem nur, sich hier wohlzufühlen.

 

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Früher war sie eine echte Prachtmeile, die Oschatzer Straße im Stadtteil Pieschen, Geschäft reihte sich an Geschäft. Kaum mehr vorstellbar, dass Pieschen früher mal ein Fischerdorf war, ehe es sich im Zuge der ersten deutschen Ferneisenbahnlinie 1839 und der Fertigstellung des Pieschener Hafens zum Arbeiterviertel mauserte.

 

Gentrifizierung in den Kinderschuhen

 

Wegen des angeblichen Kinderreichtums, der daraus resultierte, wird das Viertel von vielen Dresdnern noch heute scherzhaft als „Fick-Pieschen“ bezeichnet. Tatsächlich aber ist das verruchte Image längst Geschichte. Im Gegenteil erfreut sich Pieschen zunehmender Beliebtheit, gerade auch bei der jüngeren Generation. Auch wenn noch immer viele Läden leerstehen: Das Viertel lebt auf und lockt mit bezahlbaren Wohnungen, guter Anbindung in Alt- und Neustadt, der Nähe zur Elbe und einer familiären Kiezatmosphäre.

 

Diese schätzen auch Alex und Sabina, die sich seit fast drei Jahren eine Altbauwohnung auf der Oschatzer teilen und heute ein paar ihrer Lieblingsorte im Kiez verraten. Wohnt man als junges Pärchen denn heute nicht eigentlich in der Neustadt? „Nö“, sagt Alex kurz und knapp. „Hier wohnt es sich wesentlich ruhiger und vor allem günstiger. Außerdem wird ja schon seit Langem gemunkelt, dass Pieschen im Begriff ist, die Neustadt als Szeneviertel abzulösen. Die Gentrifizierung steckt hier zumindest noch vergleichsweise in den Kinderschuhen und ich finde das äußerst angenehm. Außerdem ist man mit der 13 ja auch schnell mal rübergefahren, wenn es doch mal die dicke Party sein soll.“

 

mittags wie abends

 

Was das kulinarische Angebot angeht, muss sich die Oschatzer zumindest nicht verstecken: Auch hier gibt es eine Vielzahl verlockender gastronomischer Angebote. „Wenn wir keine Lust haben, nach Feierabend noch unseren Herd mit Arbeit zu traktieren, nehmen wir das Abendessen gern auch mal im ‚Jess Pub‘ in der 34 ein“, sagt Sabina und gerät ein bisschen ins Schwärmen über das kleine Lokal, das erst im letzten Jahr unter der Flagge von Chefin Jessica Petrenz neu eröffnet hat. „Im Sommer kann man hier auch wunderschön draußen sitzen und Leute gucken, das Feierabendbier und natürlich auch das Essen schmecken aber zu jeder Jahreszeit.“ Gereicht werden klassische Gerichte in modernem Gewand, ein bisschen was von allem und zu Preisen, die den Geldbeutelinhalt nicht gleich allzu sehr dezimieren.

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Mittags hingegen fällt die Auswahl mitunter schon sehr schwer: „Wir sind ja meistens arbeiten“, sagt Alex, „wenn wir aber mal beide frei haben, nutzen wir gern das vielfältige Angebot von Mittagstischen im Viertel und kehren irgendwo ein.“ Und da hat die Oschatzer tatsächlich einiges auf dem Kasten, denn neben Döner und Asiaimbiss gibt es auch die eine oder andere kulinarische Perle zu entdecken.

 

...wenn die Mutti zu weit weg wohnt

 

Alex zaudert auch nicht lange und benennt klar das Bistro der Traditionsfleischerei Bernhardt als seinen ultimativen Favoriten: „Hier gibt’s für unter 5 Euro vor allem deftige Hausmannskost, wie man sie von Muttern kennt“ – vor allem dann, wenn die Mutti zu weit weg wohnt, um allzu häufig in den Genuss zu kommen, ist das eine echte Alternative. Sabina mag es lieber gediegener: „Ich mag das ‚& Rausch‘ total gern. Das Ambiente ist toll und man trifft dort immer wieder mal auf Bekannte und kann kurz den neuesten Tratsch austauschen.“

 

 

Das geht offenbar auch in der Bäckerei Maaß ganz und gar vortrefflich, wo wir einen kurzen Zwischenstopp machen, um uns mit einer Ladung koffeinhaltiger Heißgetränke wieder auf Betriebstemperatur zu bringen.

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Hier herrscht reges Treiben, vielleicht auch, weil die Bäckerei 2014 für „Sachsens besten Stollen“ ausgezeichnet worden ist, was nach dem ZDF-Auftritt bei Johann Lafer kurzzeitig für Leerstand im Stollenregal sorgte. Aber Stollen hat erst zum Jahresende wieder Saison: „Ich bin vor allem vom Brot begeistert“, sagt Rentnerin Regine, „das wird hier noch selbst gebacken, was ja leider nicht mehr überall der Fall ist.“ Und tatsächlich fühlt man sich hier in Wohlgerüche geradezu eingehüllt und wir möchten eigentlich gar nicht mehr hinaus in die Winterkälte.

 

flinke Finger und betrunkene Schwertkämpfer

 

Ein bisschen Gebäck als Wegzehrung macht es uns aber etwas leichter und so steuern wir knabbernd und krümelnd die nächste Station unserer kleinen Tour an: Das ‚Dresdner Nähkabinett‘ in der Nummer 12. Der kunterbunte 1-Frau-Betrieb von Heike Schneider bietet nicht nur Wolle und Garne in allen erdenklichen Farben, sondern auch Kurse für alle, die mit Häkel- und Stricknadel bisher nur auf eine Art und Weise umzugehen wissen, die an einen betrunkenen Schwertkämpfer erinnert. Wer das Werkzeug schon eleganter zu bedienen in der Lage ist, findet sich bei einem der regelmäßig stattfindenden Stricktreffs ein. Einer ist gerade zu Ende, als wir in den Laden purzeln. Es herrscht eine herzliche Atmosphäre.

 

Auch wenn Schneider erst vor acht Jahren ihren Job in der Bank an den Nagel gehängt, ihr Hobby zum Beruf gemacht und das Nähkabinett übernommen hat: Die Geschichte des Lädchens reicht bis ins Jahr 1947. „Der vorherige Besitzer hat nach dem Krieg verschiedene Kabinette mit zusammengesammelten Nähmaschinen hier eingerichtet, wo die Frauen dann saßen und genäht haben“, plaudert die neue Inhaberin aus dem Nähkästchen, die auch einen Änderungsservice anbietet.

 

BRN-Ersatz

 

Ebenfalls geschichtsträchtig ist der Eisenwarenladen von Lolita Kliemann. Gerade mal drei Geschäfte für Eisenwaren gibt es noch in Dresden, das Geschäft auf der Oschatzer Straße ist dort bereits seit über 110 Jahren beheimatet. Kliemann ist natürlich ein deutlich jüngeres Semester, immerhin schmeißt sie erst seit 2007 den Laden.

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Im Viertel ist sie bekannt wie ein bunter Hund. Nicht nur, weil Frauen selten sind in der Branche, sondern auch, weil sie 2012 federführend die Organisation des nicht minder bunten Stadteilfestes Sankt Pieschen übernommen hat – mittlerweile eine echte Alternative zur Bunten Republik Neustadt, die leider zunehmend der Kommerzialisierung zum Opfer fällt. Kliemann selbst hat ihren Wohnsitz eigentlich in Gorbitz, ihr Leben spielt sich aber längst hier auf dem Kiez ab. Der sei, so sagt sie, einem Dorf nicht unähnlich: „Es herrscht hier eine große Gemeinschaft, ein buntes Miteinander. Man kennt sich hier, die Bewohner machen viel, um das Leben hier im Viertel noch lebendiger, noch abwechslungsreicher zu machen.“

 

buntes Getümmel

 

Apropos bunt: Alex und Sabina verabschieden sich, am Abend kommen Freunde zum Essen vorbei und der Kühlschrank beeindruckt bislang nicht mit üppigen Inhalten. Ich komme noch kurz mit zum Istanbul Market, der nicht nur eine Vielzahl frisches Gemüse und Unmengen orientalischer Gewürze im Angebot hat, sondern auch eine Fleischtheke, wo sich durchaus manches Schnäppchen machen lässt. Und weil klassische Rollenverteilungen bei modernen Pärchen heute zum Glück sehr flexibel ausgelegt werden, darf Alex die Einkäufe in die Altbauwohnung schleppen und schon mal mit dem Budenschwung beginnen, während sich Sabina bei „Zu Kahl“ den Undercut wieder in Form bringen lässt. Die beiden wohnen ganz offensichtlich gerne hier – und auch ich werde mich wohl von nun an häufiger mal ins bunte Getümmel auf der Oschatzer stürzen und nicht erst bis zum nächsten Sankt Pieschen damit warten.   

 



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