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Mein Viertel: Wasaplatz & Altstrehlen

Zwischen hip und historisch

13.01.2017

Es gibt sie, diese weit unterschätzten Stadtteile, Viertel und Ecken, die im regen Großstadttrubel etwas unterzugehen scheinen. Zugegeben: Vielleicht muss man etwas Geduld haben, um sie zu finden, doch hat man sich die Zeit erst mal genommen und ist auf Entdeckungstour gegangen, wird man auf keinen Fall enttäuscht. Der Wasaplatz mit direkter Verbindung zu Altstrehlen ist eine dieser versteckten Perlen. 

 

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Der Wasaplatz: Seine Namensgebung hat schwedische Wurzeln

Beim Aussteigen aus der Bahn an der Haltestelle Wasaplatz fällt sofort die rege Betriebsamkeit auf. Nicht nur Autos scheinen sich aus jeder noch so kleinen Nebengasse auf die Lockwitzer Straße zu quetschen, sondern auch die Straßenbahnlinien 9 und 13 verkehren hier im 10 Minuten Takt.

 

Obwohl es noch nicht mal Mittag ist, wuseln zahlreiche, vor allem ältere Herrschaften, über den Gehweg und durch die Geschäfte. Davon gibt es hier so einige. Fleischereien reihen sich an Obst- und Blumenläden. Zwischendrin können Klamotten und Haushaltswaren geshoppt, Augen und Ohren untersucht, im Ärztehaus medizinischer Rat eingeholt oder mal schnell eine Reise gebucht werden. Vor dem Hörgeräteakustiker an der Ecke zur Lannerstraße wartet Verena. Sie wohnt bereits seit neun Jahren direkt am Wasaplatz und hat ihre kleine, etwas in sich versunkene Hood zu schätzen gelernt. 

 

Die Tour durch Altstrehlen beginnt zunächst mit einem Kaffee, davon gibt es entlang der Lockwitzer Straße auch so einige. Die Münze entscheidet für die Landbäckerei Schmidt, in der es nicht nur einen Milchkaffee, sondern auch einen kurzen Plausch mit den freundlichen Verkäuferinnen gibt. Zum Smalltalk scheint man hier aufgelegt und sei es auch nur um die verschiedenen Philosophien beim Kaffeekonsum – “Also nein, Zucker kommt mir auch nicht in meinen Kaffee, schwarz ist er mir am liebsten.” – zu erörtern. 

 

Mitsommer am Kaitzbach

Das elementare Grundbedürfnis nach Koffein erst einmal gestillt, geht es ins Grüne. Genauer: in den Gemeinschaftsgarten „Kleiner Garten”. Eine Gruppe von etwa 20 Menschen, darunter auch Verena bewirtschaften das rund 850qm große Grundstück direkt am Kaitzbach.

 

Seit 2014 haben die Hobbygärtner vom „Kleinen Garten” die brachliegende Grünfläche ordentlich auf Vordermann gebracht und sogar um eine kleine Gartenlaube sowie ein Gewächshaus erweitert. „Wir haben wirklich alles selbst gebaut. Hier war vorher nicht viel”, erklärt Verena stolz. Fast mittig auf dem Grundstück steht noch der meterhohe Stamm eines abgesägten Baumes. Er ist mit farbigen Bändern umwickelt und erinnert eine romantisch-vergessene Version der Maistange zu Mitsommer. „Stimmt”, lacht Verena. „Das sind noch Überbleibsel von unserem Sommerfest.” Jeden Dienstag ab 16:30 Uhr gibt es eine gemeinsame Gärtnerzeit, zu der auch immer gern neue Gesichter gesehen sind.

 

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Der „Kleine Garten“ freut sich stets über neue Hobbygärtner
„Eigentlich kann man jederzeit kommen und gehen, wie es bei einem nachbarschaftlichen Gemeinschaftsgarten eben ist.” Seufzend deutet sie auf das Zahlenschloss, was um das Gartentürchen gewickelt ist. „Leider hat jemand das offene Tor als Einladung verstanden seinen Müll hier abzuladen. Daher gibt es seit neuestem das Schloss.” 

 

Ein Gemeinschaftsgarten am Wasaplatz. Tatsächlich überrascht solch ein modernes – umgangssprachlich vielleicht auch hippes – Sharing-Konzept in einer alteingesessenen und beschaulichen Ecke wie Strehlen doch sehr. „Nach 20 Uhr werden hier schon die Bürgersteige hochgeklappt und am Wochenende passiert hier auch nicht wirklich viel”, so Verena. Dabei liegt der Altersdurchschnitt der Strehlener bei rund 41 Jahren, wodurch der Stadtteil durchaus zur jüngeren Hälfte Dresdens gehört. Und schaut man genau hin, lassen sich gelegentlich auch Indizien für eine alternative Lebensweise, weg vom Konventionellen entdecken. So gehen Gerüchte um, dass auf einem verwilderten Stück Land, nahe der Kreischaer Straße, welches endlich bebaut werden sollte, mit Beginn der Bebauung eine kleine aber ansehnliche Hanfplantage freigelegt worden sei.  

 

Schaukeln verboten

Es geht in Richtung des historischen Altstrehlener Dorfkerns, das griechische Restaurant Lukullus, welches von Verena mit „leckeres Essen und große Portionen zu akzeptablen Preis, ach und eine tolle Terrasse haben die”, kommentiert wird, links liegen gelassen und hinein in ein Dresden aus einer anderen Zeit. 

 

Der alte Dorfkern unterhalb der Christuskirche beherbergt ein wahrlich beschauliches Fleckchen Erde. Und wieder ist Unkonventionelles zu entdecken: Ein folierter Ausdruck der Stadt ist an einen Baum gepinnt und informiert, dass die dort angebrachte Schaukel zur Sicherheit von Pflanze und Mensch entfernt wurde, ein erneutes Anbringen sei nicht erwünscht. Schade, denn damit hätte der winzige Park den finalen Touch eines Hollywoodfilms eingehaucht bekommen. 

 

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Erkannt? Das Bild von 1995 zeigt das Strehlener Gasthaus (heute Domero) mit dem „Königshof“

Derweil sucht Verena die Hauswand eines renovierten Fachwerkhauses ab. „Es gibt eine Geo-Cach-Tour durch Altstrehlen, da erfährt man noch mal so Einiges über die Gegend hier, unter anderem, dass hier irgendwo noch eine Kanonenkugel aus der Zeit Napoleons in einer Wand zu finden ist. Zumindest sagt das der Cache”, lacht sie. Grundsätzlich fühlt sich die junge Wirtschaftsingenieurstudentin sehr wohl in der Gegend rund um den Wasaplatz – mit all den kleinen Fachwerkhäusern, die mehr an idyllisches Dorfleben als Großstadthektik erinnern, während das Viertel trotzdem die Geschwindigkeit der Stadt nicht vermissen lässt. Verena ist mit ihrem Wohlfühlempfinden nicht allein: knapp 11.000 Menschen leben in dem ca. 235ha großen Stadtteil und nachdem die Zahl der Einwohner bis in die späteren 2000er Jahre langsam aber stetig gesunken war, kehrt sich die Entwicklung nun wieder um.

 

Und zum Nachtisch Begeisterung

Auch die unmittelbare Nähe zum Großen Garten schätzt die junge Studentin sehr. So lässt sich auch die Freizeit an der frischen Luft ideal gestalten. „Alles was hier wirklich fehlt”, bemerkt Verena, „ist ein Spätshop oder eine Kneipe, die auch dem leichten Studentenbeutel gerecht wird. Ansonsten hat man leider keine echte andere Wahl, als sich auf den Weg in die Neustadt zu machen.“ Ebenso könne sie sich ein gemütliches Café gut in ihrer Wohngegend vorstellen, denn auch so etwas ist Mangelware, von den zahlreichen Bäckereien mal abgesehen.

 

Auf Umwegen zurück in Richtung Wasaplatz geht es vorbei an Dönerbuden und Schnellimbissen. Verena verweist auf das Dürüm Kebap Haus, was zugleich auch der Avari Pizzaservice ist. Sofern man einkehrt,  sollte die Wahl jedoch auf eines der angebotenen, indischen Gerichte fallen. „Es schmeckt wirklich lecker und kostet meistens auch nur um die 4€”, Verena spricht aus Erfahrung, denn schon häufig war in ihrer WG Sonntagabend der Kühlschrank leerer als gedacht und der Tatort kurz vorm Anlaufen.

 

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Stöbern und fündig werden in der Lesensart Buchhandlung

Aber verhungern muss am Wasaplatz niemand. Besonders skurril ist das Lokal Bios-Döner, welches stark an kleinstädtische Imbiss-Wellblechhütten der frühen 2000er Jahre erinnert. Von Innen sehe das Ganze aber schon wieder stabiler und weniger provisorisch aus und der Döner sei durchaus weiterzuempfehlen, so Verena. Kurz vor Ende der privaten Stadtteilführung fällt ihr noch ihre neueste Entdeckung ein: Das Eiscafe Cattirotti auf der Lenbachstraße. Es ist nicht unbedingt auffällig, aber leicht zu finden, wenn man weiß, wo man suchen muss. Hier gibt es hausgemachtes Eis für schlappe 70 Cent die Kugel sowie eine gute und große Auswahl an erstaunlich günstigen Eisbecher-Kreationen für weniger als 5 €. Definitiv eine Adresse für den Sommer! 

 

Nach einem gemütlichen und entdeckungsreichen Spaziergang wieder an der Haltestelle Wasaplatz angekommen, bleibt ein Gefühl der Begeisterung zurück: Für das Viertel, für seine versteckte Lässigkeit und für die einzigartige Mischung aus Vorstadtdorf und dem schlummernden, zumindest theoretisch vorhandenem Potential zur Szene-Ecke.



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