Projekt : Social Web macht Schule

Projekt : Social Web macht Schule

Helden gegen Cybermobbing

09.02.2016

Der Selbstmord der 15-jährigen Amanda machte 2012 Schlagzeilen. Die Kanadierin nahm sich das Leben, nachdem sie monatelang von Mitschülern gemobbt worden war – wegen eines Nacktfotos von ihr, das ein Mann nach einem Internet-Flirt ins Netz gestellt hatte. „Amandas Geschichte ist natürlich besonders krass, aber leider kein Einzelfall“, sagt Antonia Frenzel (24) vom Dresdner Medienprojekt „Social Web macht Schule“. 

Projekt : Social Web macht Schule
Datenschutz und Privatsphäre müssen sein
Das Internet vergisst nie

Cybermobbing gehört zur Lebensrealität vieler Jugendlicher. In einer aktuellen Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen und der Universität Duisburg-Essen gab jeder vierte der befragten Teenager an, bereits Opfer einer derartigen Attacke geworden zu sein. Es kann jeden treffen, und es passiert so schnell: Ein Gerücht oder ein freizügiges Bild, unbedacht oder um den Schwarm zu beeindrucken „unter Freunden“ verschickt, ist am nächsten Tag in der ganzen Schule und weit darüber hinaus bekannt. Mit fatalen Folgen, denn was einmal im Netz steht, bleibt: Das Internet vergisst nie. Cybermobbing geht oft in der realen Welt weiter und führt im schlimmsten Fall zu Verzweiflungstaten wie der von Amanda. 

Festnetztelefon und Briefpost

Meist wissen die Erziehungsberechtigten, die mit Festnetztelefon und Briefpost aufgewachsen sind, gar nicht, wie und mit wem ihre Kinder chatten, was sie posten, liken, kommunizieren. Und erkennen oft nicht den Ernst der Lage, wenn den jungen Internetnutzern Gefahr droht. Cybermobbing bleibt – im Gegensatz zum blauen Auge nach der Prügelei auf dem Schulhof – zunächst für Außenstehende unsichtbar. Den Jugendlichen hingegen ist oft nicht bewusst, welche Konsequenzen gedankenlos unter ein Foto getippte Kommentare in der realen Welt haben können und was genau mit den Informationen passiert, die sie ins Netz stellen. 

„Niemand wusste, was ich da mache“

Die Informatikstudentin Antonia Frenzel ist seit einem Jahr Trainerin bei „Social Web macht Schule“, einem Projekt der Dresdner Agentur queo GmbH. Als Jugendliche war Antonia oft in Online-Netzwerken wie StudiVZ und ICQ unterwegs und sagt heute über ihre Aktivitäten: „Niemand wusste genau, was ich da mache. Da hätte Schlimmes passieren können.“ Heute schult sie Jugendliche, Eltern und Lehrer im Umgang mit sozialen Medien wie Facebook, Youtube und WhatsApp. In den zweitägigen Workshops geht es um Datenschutz, Privatsphäre und natürlich auch das Problem Cybermobbing. Die Trainer versetzen die Schülerinnen und Schüler mit Rollenspielen in die Lage der Mobbingopfer und -täter und reflektieren dann die unterschiedlichen Handlungen und Gefühle. Mit einer von den Jugendlichen selbst erarbeiteten und unterschriebenen Anti-Cybermobbing-Vereinbarung schließt das Medienkompetenztraining. Antonia Frenzel und ihre Mitstreiter treffen mit „Social Web macht Schule“ einen Nerv bei den Teenagern. „Die Schüler machen aktiv mit und diskutieren wichtige Fragen: Wo muss ich im Web besonders aufpassen? Wie will ich mich selbst online darstellen? Welche Fotos von meinen Mitschülern lade ich hoch – und welche lieber nicht?“, berichtet die Kommunikationsexpertin. 

Niedliche Kinderbilder werden peinlich

Oft googlen sich die Schülerinnen und Schüler während des Workshops zum ersten Mal selbst und sind überrascht, wie viele Informationen sie bereits freiwillig oder versehentlich preisgegeben haben. Aber auch die Eltern können in den Workshops einiges lernen. Wer teilt nicht gern niedliche oder lustige Kinderfotos in sozialen Netzwerken und vergisst dabei leicht, dass auch die Kleinen ein Recht auf Privatsphäre haben? Oder dass die lustigen Fotos vielleicht nicht mehr so witzig sind, wenn die Kinder größer werden und sich selbst im Internet wiederfinden – oder Dritte die Bilder sehen? Lehrer hingegen bekommen wertvolle Hinweise, wie sie in Fällen von Cybermobbing vorgehen können. Denn oft ist das Täter-Opfer-Geflecht gar nicht so leicht zu durchschauen und auch die Medienkompetenz der Lehrkräfte ist unterschiedlich ausgeprägt. 

Projekt : Social Web macht Schule
Social-Media-Heldin Antonia Frenzel
Erste Hilfe gegen Cybermobbing

2015 war „Social Web macht Schule“ sachsenweit mit 50 Schülerworkshops, 13 Eltern-Informationsabenden und sechs Lehrerweiterbildungen an insgesamt 14 Schulen präsent. Für 2016 haben sich Antonia Frenzel und ihr Team einiges einfallen lassen: Anlässlich des am 9. Februar weltweit stattfindenden ‚Safer Internet Day‘ bieten sie fünf kostenlose Elternabende im Raum Dresden an. Interessenten können sich direkt bei der Initiative melden. Außerdem startet eine Crowdfunding-Kampagne, für die Frenzel um Unterstützung wirbt: Dresdner Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen werden in Workshops zu „Social-Media-Scouts“ ausgebildet. Mit einem „Erste-Hilfe-Koffer“ ausgestattet stehen sie dann ihren Klassenkameraden im Netz-Notfall zur Seite – damit sich ein Schicksal wie das von Amanda nicht wiederholt.

Viola Martin-Mönnich



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