Artikelbild für Prokrastination: Das Monster unterm Bett

Prokrastination: Das Monster unterm Bett

Wenn "einfach anfangen" zum Problem wird

27.06.2016

Sicher saß jeder Dresdner Student schon mit Freunden an der Elbe, genoss die Sonne und verdrängte das nagende schlechte Gewissen. Eigentlich galt es ja Zuhause eine Hausarbeit zu schreiben - die Abgabe stand bevor. Stattdessen wurde aber herzlich gescherzt und pseudohilfreiche Sinnsprüche wie “Ich habe so lange ein Motivationsproblem, bis ich ein Zeitproblem habe“ mutierten zur Lebensweisheit. 

 Prokrastination: Das Monster unterm Bett
Aufschieben ist nicht gleich aufschieben

Gegen ein bisschen Vergnügen vor der Arbeit ist ja nichts einzuwenden, problematisch wird es, wenn das Aufschieben von Leistungen nichts mehr mit Unlust oder Faulheit zu tun hat, sondern sich eine handfeste psychische Blockade dahinter verbirgt.

„Besonders Studierende aus dem Ingenieurwesen stehen zum Ende ihres Studiums vor einer ganz neuen Herausforderung“, sagt dazu Cornelia Blum. Sie ist die Leiterin der zentralen Studienberatung der TU und betreut vor allem die sogenannten Endspurtler – jene Studenten, für die Prokrastination schon längst kein Witz mehr ist und denen unter Umständen die Zwangsexmatrikulation bevorsteht.

„Am Ende ihres Ingenieurstudiums müssen Studierende, die jahrelang fast ausschließlich mit Zahlen und Formeln hantiert haben, plötzlich umfangreiche, wissenschaftliche Texte produzieren. Oft haben sie schlichtweg Angst, es nicht zu schaffen, weil Ihnen das Handwerkszeug dafür fehlt.“

Ein Problem von Vielen

 

Dennoch ist die „Aufschieberitis“ kein Problem, das ausschließlich technische Studiengänge für sich gepachtet haben. Der prozentuale Anteil der Beratungen ist annährend gleich über alle Fachrichtungen verteilt. Lediglich für Lehrämtler wird das Prokrastinieren überdurchschnittlich oft zu einem Fall für die Studienberatung.

Auch zwischen Frauen und Männern gibt es keinen numerischen Unterschied. „Dafür kommen Frauen eher präventiv zu uns. Die Männer stehen vor der Tür, wenn das Kind oft schon in den Brunnen gefallen ist.“ Wie viele der Beratungsstunden auf dieses Thema entfallen, kann Blum nicht genau sagen, „aber es sind viele“.

Die Angst im Nacken

 

Kerstin hat so ein Problem. Sie heißt eigentlich anders und studiert im 8. Mastersemester an der philosophischen Fakultät der TU. Eine Hausarbeit sowie ihre Masterthesis hat sie noch vor sich. In diesem Semester muss sie wenigstens eines einreichen, sonst droht ihr die Exmatrikulation. Als Studentin der Sozialwissenschaft ist sie es eigentlich bereits aus dem Bachelorstudium gewöhnt ständig etwas schirftlich Ausformuliertes abzugeben. In den ersten Semestern gab es Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten und viele Projektarbeiten, die umfangreiche Berichte erforderten. Auch wenn man mit der jungen Frau spricht, weiß sie sich auszudrücken.

Artikelbild für Prokrastination: Das Monster unterm Bett
Nichts geht, wenn der Kopf blockiert

Wo also liegt das Problem? „Im Grunde will ich zu viel. Dabei stehe ich mir am meisten selbst im Weg. Es ist ein Teufelskreis. Ich will eine super Arbeit abliefern und mir und meinem Dozenten beweisen, dass ich es kann. Aber sobald ich anfange, kommt die Angst, dass ich es vielleicht doch nicht schaffe; dass ich versage und am allermeisten mich selbst enttäusche. Dieses unterbewusste Angstgefühl ist wirklich lähmend. Am Ende stehe ich von meinem Schreibtisch auf und habe kaum etwas geschafft.“

Also wendet sich Kerstin Aspekten ihres Lebens zu, mit denen sie umzugehen weiß. Sie finanziert ihr Leben mit zwei Jobs und engagiert sich ehrenamtlich. Ablenkung von ihrem Abschluss ist da reichlich vorhanden. Strenge Zeitpläne habe sie schon mehrfach probiert, allerdings ohne Erfolg. Es fehlt die Konsequenz. “Bei Gruppenarbeiten gibt es Deadlines, andere verlassen sich auf dich... Aber wenn ich jetzt meine eigenen Fristen nicht einhalte, geht die Welt halt auch nicht unter.“ Zur Studienberatung ist sie noch nicht gegangen. „Darüber nachgedacht habe ich, aber was soll mir das bringen? Im Grunde kenne ich ja mein Problem...“ 

Die Lösung für den Einzelnen

 

Die Inanspruchnahme externer Unterstützung kann dennoch hilfreich sein, denn manchmal tut es gut einen Schritt zurückzugehen und mit einer gänzlich unbeteiligten Person zu reden. 

„Es gibt nicht die eine Ursache fürs Prokrastinieren. Genausowenig wie es ein Patentrezept dagegen gibt.“ Blum spricht dabei aus langjähriger Erfahrung. Seit 2005 arbeitet sie in der Studienberatung. „Manche sind einfach chaotisch, andere viel zu perfektionistisch. Wieder andere haben den Kontakt zu ihren Kommilitonen oder den Spaß an ihrem Studium verloren. Die nächsten stehen unter familiären Druck oder ihnen fehlt ein Ziel. Das Problem ist immer individuell und jedem hilft etwas anderes.“

Mehr Struktur, ein anderer Tagesablauf, sich allen Facetten seiner Selbst stellen und lernen mit ihnen arbeiten, anstatt sie zu unterdrücken oder sogar den radikalsten Schritt wagen und das Studium abbrechen - all das können Lösungsansätze sein. Egal was ihr macht, schämt euch nicht Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn ihr glaubt es nicht mehr allein zu schaffen. Ihr seid bei Weitem nicht die Einzigen. 

 

 

 



Diese Artikel könnten Dir gefallen:


Kommentare
› Schreibe einen Kommentar
    • Bisher keine Kommentare.
  • Bitte registriere dich bei uns oder log dich ein um Kommentare zu schreiben oder Bewertungen abzugeben.

Teilen auf

auf:

Urbanite verwendet Cookies

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Hier geht’s zu unseren Datenschutzerklärungen.

Ich stimme der Verwendung von Cookies zu