Reportage: Die Scheune wird 65!

Reportage: Die Scheune wird 65!

Wie der Phönix aus der Asche

14.03.2016
Autor: Kaddi Cutz

Im Herzen der Neustadt gelegen, ist sie für viele auch genau das: Die Scheune. Kulturzentrum, Veranstaltungsort für zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen wie Poetry Slam, die Lesebühne Sax Royal, unzählige Konzerte und andere Späße, ultimativer Ort für frühmorgendliche Sommernachtsträume mit Bordsteinbier auf dem Mäuerchen und als Café bekannt für den besten Brunch, den man sich im Stadtgebiet auf den Teller zaubern lassen kann. Im Dezember feiert die Scheune ihren 65. Geburstag. Das ist zwar noch ein paar Tage hin, aber Grund genug für uns, euch jetzt schon mal einen kleinen Abriss über die spannende Geschichte einer eurer Lieblingsorte in der Neuse zu kredenzen! 

 

Reportage: Die Scheune wird 65!
Tanzkurs 1955 für junge Ehepaare

 

Angefangen hat alles relativ unspektakulär. Bis Februar 1945 unterhielt der Turnverein Neu- und Antonstadt auf dem Grundstück Alaunstraße 36 bis 40 unter anderem eine Turnhalle und einen Sportplatz. Bei der Bombardierung Dresdens wurden diese Gebäude als einige der Wenigen auf dieser Elbseite zerstört, zurück blieb nur ein Trümmergrundstück. Was ihr heute als Scheune kennt, wurde unter tatkräftiger Mithilfe von Neustädter Jugendlichen errichtet und mitsamt dem dazugehörigen Außengelände am 21. Dezember 1951 im Rahmen einer feierlichen Eröffnungszeremonie der FDJ als „Jugendheim Martin Andersen Nexö“ übergeben. Zunächst beherbergte es diverse Übungszirkel, die sich vor allem im damaligen Alltag unverzichtbaren Fertigkeiten wie Kochen und Nähen unter Nachkriegsbedingungen widmete. Darüber hinaus boten diese aber auch Interessierten die Möglichkeit, sich theoretisch und auch praktisch mit dem Medium Film, der Fotografie oder Musik zu beschäftigen. Konzipiert als Ort der Bildung und sinnvoller Freizeitbeschäftigung im Sinne der FDJ-Doktrin konzipiert, fanden seit dem Ende der 50er Jahre aber auch mit steigender Regelmäßigkeit kulurelle Veranstaltungen statt – in erster Linie Tanzveranstaltung unter dem catchy Motto „für junge Ehepaare und solche, die es werden wollen“.

 

 

Reportage: Die Scheune wird 65!
Umbau in den 80ern zum kulturellen Glanzlicht

 

Dieses doch eher zielgruppenbeschränkte Spektrum erweiterte sich mit der Zeit durch die Einführung des Songklubs, des Jazzforums sowie des Rockpodiums und der Etablierung eines hauseigenen Ensembles, dem „Ensemble der Jungen Talente“. Mitte der 60er Jahre integrierte man  zudem eine gastronomische Einrichtung. Zum stark frequentierten (Sub-)Kulturzentrum wurde das Haus aber erst zu Beginn der 80er Jahre. Nach personellen und konzeptionellen Umstrukturierungen gab es nun auch eine Bühne für Lesungen und Kabarettaufführungen sowie Folk, HipHop und Punk. Der Bekanntheitsgrad wuchs bald weit über die Stadtgrenzen hinaus und verschaffte der Scheune eine Sonderstellung in der staatssozialistischen Kulturlandschaft. Die haupt-und ehrenamtlichen Mitarbeitern genossen eine gewisse Narrenfreiheit.

 

 

Reportage: Die Scheune wird 65!
Film ab! Hier beim Defa Filmzirkel 1955

 

So gilt es heute in einer bestimmten Generation von Dresdner als quasi undenkbar, sein erstes Rockkonzert irgendwo anders als in der Scheune erlebt zu haben, wie sie letztlich -zumindest halboffiziell- dann auch hieß. Die Neustadt drumherum wurde in den 80er Jahren von staatlicher Seite dem Verfall preis gegeben. Ziel war, die Bewohner nach und nach aus dem Viertel zu bekommen, um die Gründerzeitbauten beizeiten abzureißen und durch -man kann es fast nicht glauben- Platte (!) zu ersetzen. Laut Plan sollte Anfang der 90er Jahre kurzer Prozess gemacht werden. „Leider“ machte sich eine wachsende Szene von Künstlern den Leerstand an Wohnungen zunutze und legte durch ihre Arbeit und die von ihnen gestalteten Räume den Grundstein für die Bunte Republik Neustadt.

 

  

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1961 - Die Scheune als Jugendheim mit Pioniergeist

 

Mit der politischen Wende fand das Viertel noch mehr Zulauf von Künstlern, jungen Leuten und Studenten. Heute ist das Gründerzeitviertel als Szene-Hotspot mit vielen Clubs und Kneipen überregional bekannt. Der Scheune, schon vor der Wende von Künstlern und Publikum gleichermaßen geschätzt, konnten auch die nach 1989 aus dem Boden schießenden Clubs und das immer abwechslungsreicher werdende Kulturangebot nichts anhaben, sie fand ihren festen Platz im Dresdner Kulturleben. Insbesondere für das Musikprogramm wurde das Haus 1994 aufwändig umgebaut und mit entsprechender Technik ausgestattet. Seither werden vor allem Rock- und Popkonzerte auf hohem Niveau angeboten. Die Scheune war immer ein Teil der Stadtverwaltung, wurde aber 2007 privatisiert und seither durch den Scheune e.V. betrieben.

 

 

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Die Scheune heute zum Schaubudensommer

 

Mit mehr als 300 Veranstaltungen im Jahr bietet sie eine riesige Bandbreite an kulturellen Erlebnissen mit Highlights wie dem Schaubudensommer und wirkt an vielen externen Veranstaltungen mit. Auch die Zeit bis zum Jubiläum am 21. Dezember wird euch mit tollen Events versüßt – Unser Tipp: Der Vortrag zum kürzlich erschienenen Buch „Meuten, Swings & Edelweißpiraten“ von Autor und Historiker Sascha Lange und Monchi, seines Zeichens Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet. Gemeinsam lesen, erklären und zeigen sie am 15. März, wie sich die ersten Jugendsubkulturen in Deutschland gegen den Nationalsozialismus behaupteten. Und wo? Natürlich in der Scheune!

 

Infos: www.scheune.org



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