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Tolerade

Rave gegen Rassismus, Tanz für Toleranz

09.05.2016

Wenn uns etwas bewegt, dann Musik. Und Bewegung ist genau das, was unsere Stadt in diesen Tagen braucht. Ob im Rathaus oder in den Köpfen der Bürger – Dresden scheint still zu stehen. Seit Pegida jeden Montag die Bürgersteige leer fegt, sind die Fronten verhärtet – politisch sowie sozial. Mit der Tolerade brachte die Elektro-Szene letztes Jahr frischen Wind in den Widerstand. Tausende Demonstranten zogen lachend und ravend über jene Straßen, auf denen sonst der braune Mob marschiert. Im Mai ist es nun wieder soweit. Zum zweiten Mal geht die Szene raus aus den Clubs, quer durch die Stadt und rein in die Köpfe.

 Tolerade

Die Anfänge

 

Seit den frühen 90er Jahren gehört elektronische Musik, allen voran der Techno, zu Dresden wie Frauenkirche und Zwinger. Während die Alten von ihren hohen Türmchen den Ausblick auf die Weinhänge des Elbtals genießen, strömen die Jungen in baufällige Lagerhallen, verlassene Keller oder das Dickicht der Heide, um sich der Musik hinzugeben, frei zu sein, gleich zu sein. Techno hatte schon immer einen inklusiven Gedanken, in dem jeder Willkommen ist. Kein Wunder also, dass man bei so viel Fremdenhass nicht einfach wegschauen konnte. Nach dem starken Zuwachs bei den Pegida-Demonstrationen Anfang letzten Jahres gab es einen Aufruf in der stark vernetzten Elektro-Szene Dresdens. Zu den ersten Stimmen, die laut wurden, gehörte auch jene von Felix Buchta, die eine Hälfte des DJ-Duos Zebra Centauri. Der Wahl-Dresdner kam vor sieben Jahren zum Studieren und wurde Teil des bekannten Floppy Kollektivs. „In dem Klima von blinder Angst und stumpfem Hass wuchs das Bedürfnis, die Clubkultur als Gegenentwurf stark zu machen und sich zu positionieren.“ So versammelten sich zunächst einige Szeneakteure und Kunstschaffende, um diesen Entwurf auszuarbeiten. 

 

Die Idee

 

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Dabei entstand der Gedanke einer Tolerade. Das Wortspiel aus Toleranz und Parade erklärt sich fast von selbst. „Die Tolerade ist eine musikbegleitete Demonstration durchs Dresdner Stadtgebiet mit anschließenden Afterpartys, über die Spendengelder für Flüchtlingsinitivativen aufgebracht werden. Es ist das Statement der bewussten und selbstbewussten Clubkultur Dresdens für eine weltoffene Gesellschaft und ein tolerantes Miteinander, beim Feiern und überall.“ Doch auch über die Clubkultur hinaus soll das Bewusstsein für die Belange von Geflüchteten gestärkt werden. Die Szene selbst bietet den perfekten Ausgangspunkt dafür. „Partys und Konzerte ermöglichen es, einander unverkrampft zu begegnen und schaffen Gelegenheiten, dem Alltag zeitweise in einen Zwischenraum zu entfliehen, in dem Herkunft und Lebensweise keine übergeordnete Rolle spielen.“ 

 

Die Premiere

 

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Mit der Planung der ersten Events wuchs schnell der Kreis der Beteiligten und so waren zu Hochzeiten an die vierzig Personen – Vertreter von Crews und Initiativen, Veranstalter, Clubbetreiber und Musiker – involviert. Nach einigen Partys zur Finanzierung wurde die Idee der Tolerade im Mai 2015 endlich Realität. Mehr als 5.000 Leute folgten dem Aufruf der Tolerade und zogen tanzend, feiernd und lachend über jene Straßen, die so oft von Wut und Zorn Pegidas blockiert werden. Dazu zeigten zahlreiche Dresdner Party-Kollektive und DJs die musikalische Bandbreite der Szene von Techno über Goa, Funk, House, Drum‘n‘Bass und Dubstep bis hin zu Hardtek und allem, was dazwischen liegt. Anschließend wurde die gelungene Parade bei einer Afterparty im Sektor Evolution gebührend gefeiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. „Rund 11.000€ Einnahmen sind aus der Afterparty als Spendengelder an hiesige Flüchtlingsinitiativen gegangen.“

 

Die Gegenwart

 


Nun ist es wieder soweit. Nach monatelanger Planung, am 14. Mai, mobilisiert die Tolerade zum Tanzen, Stampfen, Feiern und Loslassen gegen das, was Elbflorenz so fest im Griff zu haben scheint: Intoleranz und Rassismus. Los geht‘s vom Gelände des Club Puschkin. „Die diesjährige Parade wird hoffentlich noch mehr Menschen durch Dresden bewegen. Bislang stehen 16 Wagen, die von über 22 Crews, Initiativen und Einzelpersonen bespielt und dekoriert werden. Es gibt viele Kooperationen, zum Beispiel mit Streetart-Künstlern, aber auch unter den Crews wird sich vernetzt.“ 

 

Die Zukunft

 

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Doch damit ist noch lange nicht Schluss. Die Tolerade ist kein Projekt, das nur einmal im Jahr den Bass aufdreht und dann wieder im unteren Frequenzbereich verschwindet. Die Initiatoren, das Team, jeder Helfer hat eine klare Botschaft: MAKE RAVE GREAT AGAIN! Die Clubkultur soll quasi (re)politisiert werden. „Wir wollen weitere Venues und Initiativen in das Bündnis einbinden und an den integrativen Charakter der frühen Rave-Kultur erinnern. Geflüchtete sollen sich beim Feiern genauso sicher, frei und aufgehoben fühlen können wie alle anderen auch. Das scheitert leider allzu oft schon an der Türpolitik.“ Auch Sexismus und Männerdominanz in der Szene stehen auf der Agenda. Ein weiteres großes Thema sind die Free Partys, die leider immer mehr ins Schussfeld von Rathaus und Ordnungsamt geraten. „Toleranz bedeutet für uns auch, seitens der Stadt Wege zu finden, ihren Bewohnern das Recht auf unkommerzielles Feiern in der Natur einzuräumen. Wir denken, es gibt genug Platz für uns alle, genug Raum, der gefüllt werden will. Und wir haben einiges miteinander zu teilen und voneinander zu lernen.“ 

 

Start der Tolerade ist am 14. Mai um 14 Uhr auf dem Parkplatz des Club Puschkin. 



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