Artikelbild für Unterwegs am Fetscherplatz

Unterwegs am Fetscherplatz

Vielfalt statt Monokultur

26.09.2017
Autor: Kaddi Cutz

Der wortwitzaffine und phonetisch versierte Dresdner wird vermutlich zuerst an in Frittenfett getränkte Straßen, ölige Häuserschluchten und glänzende Schaufenster denken, wenn er den terminus technicus „Fetscherplatz“ vernimmt. So „fettsch“ geht es aber mitnichten zu in dem Hotspot der Johannstadt, obwohl man sich durchaus auf der sicheren Seite bewegt, wenn man behaupten würde, es laufe dort wie geschmiert.

 

 Unterwegs am Fetscherplatz
Am Fetscherplatz werden Wohnen und Arbeiten vereint.

Dabei ging es hier in der fernen Vergangenheit eher trocken zu, lange Zeit war der Ackerbau vorherrschend für die wirtschaftliche Entwicklung des Viertels.

Einst war der Fetscherplatz einer der zentralen Orte der Johannstadt, zunächst kursierte er noch unter dem Namen Fürstenplatz, ehe zur Neubenennung 1946 der Dresdner Arzt Dr. Rainer Fetscher als neuer Namenspate auf den Plan trat. Dieser gilt bis heute als eine ziemlich umstrittene Figur.

 

Zwar wird er, nicht zuletzt auf einer in dem kleinen Parkareal auf dem Fetscherplatz aufgestellten Gedenktafel, als Widerstandskämpfer geehrt, jedoch ist sein Werdegang zumindest kritisch zu betrachten. 

In den Zwanziger Jahren widmete er sich der Erbbiologie und war in diesem Zusammenhang auch im Bereich Rassenforschung und Sozialhygiene sehr aktiv.

 

Er selbst war Anhänger des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das im Juli 1933 erlassen wurde und trug mit seinen Forschungen maßgeblich dazu bei, der faschistischen Rassenlehre des Nationalsozialismus den Boden zu ebnen.

Obgleich er selbst nach der Machtergreifung Mitglied der SA wurde, vertrat er nicht in allen Punkten deren Rassenideologie, veranlasste aber etliche Sterilisationen – das aber weniger aus rassistischen Gründen. 

 

In nationalsozialistischen Kreisen brachte ihm das langfristig diverse Nachteile ein. Er wurde zwar nicht politisch verfolgt, jedoch von Tagungen ausgeschlossen und verschiedener Ämter enthoben, die er bis dahin ausgeübt hatte, bis hin zum Entzug seines Professorentitels.

Letztendlich führte wohl diese Behandlung zu seiner Abkehr von der nationalsozialistischen Gesinnung. Im Zweiten Weltkrieg stellte Fetscher dann Widerstandskämpfern seine Praxisräume für geheime Treffen zur Verfügung. 

 

 

Artikelbild für Unterwegs am Fetscherplatz
Denkmal zu Ehren Rainer Fetschers.

Vor allem gut durchmischt

Fetscher wurde am 8. Mai 1945 auf der Prager Straße erschossen, die genauen Umstände seines Todes sind bis heute umstritten.

Auf dem nach ihm benannten Platz indes herrscht heute das blühende Leben – über alle Generationen hinweg.

Hier finden sich sowohl vereinzelte Stadtvillen aus der Zeit von 1900 bis heute als vor allem auch mehrstöckige Wohn- und Geschäftshäuser. Eine Besonderheit des Fetscherplatzes, wie Buchhändler Norbert Hupbach verrät: „Im Gegensatz zu den meisten Dresdner Plätzen passiert hier beides: Arbeiten und Wohnen.

 

Das hat ein gutes Gleichgewicht, gerade natürlich auch für den Handel ist das ein großer Vorteil:

Es ist halt einfach keine Monokultur, wie man sie sonst oft in der Stadt vorfindet. Das macht schon auch irgendwie Spaß.“

Sein Buchladen lohnt auf jeden Fall einen Besuch, vor allem Fans von Kinder- und Jugendliteratur werden hier in Begeisterungsstürme ausbrechen, denn liebevoll arrangiert finden sich hier viele originelle Titel, denen man durchaus anmerkt, dass sich jemand bei der Auswahl Gedanken gemacht hat. 

 

Durchmischt sei das Viertel, sagt Hupbach, viele Familien mit Kindern wohnen hier, aber auch viele ältere Semester.

Das spiegelt auch die Ladenlandschaft deutlich wieder: Vom Bäcker über den Kinderklamottenladen bis hin zum Sanitätsbedarfsgeschäft ist hier alles vertreten, was man so braucht, wenn drei Generationen miteinander leben.

 

In Sachen Infrastruktur gibt es hier wirklich nichts zu meckern. Aber nicht nur deshalb stellt der Fetscherplatz eine Besonderheit dar im Elbflorenz, denn er liegt inmitten der Nachkriegsviertel der Johannstadt und der Striesener Stadtvillen.

Hier geben sich Gründerzeitfassaden und grüne Ecken die Klinke in die Hand. 

 

Die älteste Bewohnerin

Im Zentrum des Fetscherplatzes findet sich der uns wohl allen bekannte asiatische Imbiss (weil kaum zu übersehen).

Was aber kaum jemand weiß: das anno dazumal als Wartehalle, Kiosk und Fahrkartenverkaufsbude genutzte Häuschen aus der Nachkriegsmoderne steht tatsächlich unter Denkmalschutz. Ins Flachdach eingewachsen ist eine Leierblättrige Eiche, die als botanische Rarität gilt und quasi Fetscherplatzbewohnerin der ersten Stunde ist. 

 

Artikelbild für Unterwegs am Fetscherplatz
Der Fetscherplatz ist ein Verkehrsknotenpunkt.

Direkt gegenüber befindet sich eine kleine Grünanlage mit der schon erwähnten Gedenktafel zu Ehren Fetschers.

Hier chillen sowohl Jung als auch Alt bei schönem Wetter und gönnen sich eine kurze Verschnaufpause vom Alltag. Zu gucken gibt es genug, immerhin ist der Fetscherplatz durchaus als Verkehrsknotenpunkt zu bezeichnen.

Die Linien 4, 10 und 12 verkehren hier in kurzen Abständen, in unmittelbarer Nähe könnt ihr außerdem in den 74er Bus springen.

Gerade in der Mittagszeit solltet ihr das aber vielleicht besser lassen, immerhin lässt es sich im Estancia gar vorzüglich der Fleischeslust frönen – das Steakhaus ist übrigens in den Räumlichkeiten des ehemaligen Artushofs untergebracht, der immerhin schon seit dem Jahre 1900 dort steht und den Zweiten Weltkrieg als eines der wenigen Gebäude der Johannstadt ohne größere Blessuren überstanden hat.

Der Rest des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes dient unter dem Namen Artushof weiterhin als Hotel und weiß mit einzigartig historischem Ambiente zu begeistern. 

 

Wer sich nach einem allzu üppigen Mahl sportlich betätigen möchte, hat es nicht weit bis zum Großen Garten und kann dort eine gut verdauliche Runde drehen.

Alternativ locken auch die Johannstädter Gärten auf der Holbeinstraße mit einer weitläufigen Parkanlage voller Grünflächen und Bäumen. 

Kulturelle Einrichtungen und Freizeitmöglichkeiten liegen ebenfalls in nicht allzu weiter Ferne: Die Technischen Sammlungen der Stadt Dresden, das Kino im Dach, kurz k.i.d., und das Pentacon Film- und Kulturzentrum sind nur den sprichwörtlichen Katzensprung entfernt. 

Studenten finden des aktivitätsarmen Abends vielleicht den Weg in den unweit gelegenen Studentenclub Borsi34, der – man mag es kaum glauben – auf der Borsbergstraße 34 beheimatet und immer für ein gemütliches Bier oder die alljährliche „Met, Mett und Metal“- Party einen Besuch wert ist. 

 

 

Einfach mal anhalten

Bücherwürmer können sich nicht nur in der schon genannten und wirklich gut sortierten Buchhandlung mit neuem Lesestoff versorgen, auch die Städtische Bibliothek ist mit einer Filiale vertreten. 

Artikelbild für Unterwegs am Fetscherplatz
Wegen der Leierblättrigen Eiche steht das Imbisshäuschen unter Denkmalschutz.

Für die älteren Semester gibt es ein gutes Angebot an Seniorenbegegnungsstätten und wer mit Kind und Kegel in die Johannstadt zu ziehen erwägt, findet hier immerhin vier Grundschulen, zwei Mittelschulen, drei Gymnasien sowie fünf Kindertagesstätten und vier Horte vor – außerdem sind die Schule des Kreuzchores und das Evangelische Kreuzgymnasium in direkter Umgebung des Fetscherplatzes beheimatet. 

 

Ebenfalls nicht weit sind das Krankenhaus St. Joseph-Stift und das Uniklinikum Carl Gustav Carus.

Dahin verschlägt es euch hoffentlich aber in nächster Zeit eher nicht – solltet ihr aber demnächst mal im Rahmen einer Umsteigesession am Fetscherplatz stranden und ein bisschen Zeit in der Hinterhand haben, raten wir euch unbedingt, diesem Plätzchen einen Teil eurer Aufmerksamkeit und einige Minuten Beachtung zu schenken.

Es gibt dort mehr zu sehen, als das Auge im hektischen Alltag zwischen zwei Straßenbahnen zu erkennen glaubt.  

 Unterwegs am Fetscherplatz
Hier gibt es abwechslungsreiche Kinder- und Jugendliteratur.



Diese Artikel könnten Dir gefallen:


Kommentare
› Schreibe einen Kommentar
    • Bisher keine Kommentare.
  • Bitte registriere dich bei uns oder log dich ein um Kommentare zu schreiben oder Bewertungen abzugeben.

Teilen auf

auf:

Urbanite verwendet Cookies

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Hier geht’s zu unseren Datenschutzerklärungen.

Ich stimme der Verwendung von Cookies zu