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Unterwegs im Hechtviertel

Der Hecht im Karpfenteich

08.08.2017
Autor: Kaddi Cutz

Nomen ist hier nicht wirklich Omen – weder zieht es wie Hechtsuppe in dem beliebten Dresdner Szeneviertel, noch reiht sich ein Fischgeschäft ans nächste. Und trotzdem geht es hier mitunter bunter zu als in so manchem Aquarium.

 

 Unterwegs im Hechtviertel

Das oder der Hecht, da ist sich der gemeine Dresdner nicht immer einig, liegt westlich der Äußeren Neustadt in der Leipziger Vorstadt und ist dem Ortsamtbereich Neustadt zugeordnet. Eingebettet ist es auf westlicher Seite von der Hansastraße, auf der östlichen Seite von der Königsbrücker Straße, im Norden von der Stauffenbergallee und im Süden von der Fritz-Reuter-Straße und dem westlichen Teil des Bischofsweges.

Als Namensgeber fürs Hechtviertel gilt Johann August Hecht, der zwar kein Fischer, aber der berufsmäßigen Jagd auf allerlei Getier dennoch sehr zugetan war und seine Brötchen zunächst als Förster verdiente. Im frühen 17. Jahrhundert wandte er sich außerdem der Gastronomie zu und etablierte eine Schankwirtschaft und ein Weingut auf dem Gelände des heutigen Hechtviertels. 

 

Damals war dort aber gelinde gesagt noch wenig los, das Gasthaus „Zum Blauen Hecht“ befand sich buchstäblich allein auf weiter Flur, das ganze Areal diente bis 1833 vorrangig als Artillerieübungsplatz der Sächsischen Armee. 1841 kaufte der Dresdner Polizeidirektor Hans Ludwig von Oppell das Gebiet auf und initiierte erste Bauprojekte. Insbesondere nach 1872 entstanden auf Betreiben des Großkaufmanns Johann Meyer eine Vielzahl von Arbeiterwohnungen für die Angestellten der umliegenden Industriebetriebe. 

 

Wie ein Fisch im Wasser

In den kommenden Jahrzehnten mauserte sich das Hechtviertel zu einem der am dichtesten besiedelten Wohnbezirke Dresdens mit einer guten Infrastruktur. Den 2. Weltkrieg hat der Hecht nicht ohne erhebliche Blessuren überstanden, auch die St.-Pauli-Kirche fiel einem Luftangriff zum Opfer.

 

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Zwar wurde mit der Beseitigung der Kriegsschäden flugs begonnen, allerdings wurde kaum in den Erhalt der Altbausubstanz investiert, sodass viele Straßenzüge im Hechtviertel dem Verfall preisgegeben wurden. Zerstörte Gebäude wurden vor allem in den 60er und 70er Jahren durch modernere Wohnblocks ersetzt, ab 1990 begann man mit der Sanierung der meisten Wohnhäuser. Heute erfreut sich der Hecht einer großen Beliebtheit vor allem als Wohnviertel – und das verwundert kaum, denn er ist lebendig wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser.

 

Verglichen mit der Äußeren Neustadt geht es hier ein Müh ruhiger zu, auch die Mietpreise sind noch ein Stückchen moderater, was den Hecht vor allem für junge Familien interessant macht, zumal auch Kindertagesstätten, Schulen und der eine oder andere coole Spielplatz hier beheimatet sind.

Aber auch Studenten zieht es ins Hecht, Wohnungen und WGs sind verhältnismäßig günstig zu haben und gleichwohl findet sich auch hier eine Vielzahl an Kneipen, Bistros und kleiner Lädchen, die sich vor allem auf der Rudolf-Leonhard-Straße quasi die Klinke in die Hand geben. Gerade im Sommer lässt es sich dort hervorragend flanieren, stöbern und der inneren Naschkatze ein Freudenfest bereiten. 

 

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Das Bunte Wunder

Ein Tag, der mit einem ausgedehnten Frühstück im Leonardo beginnt, kann eigentlich gar nicht mehr schief gehen und sollte unbedingt entspannt weiter verfolgt werden. Zum Beispiel mit einem Besuch im Handmade – hier findet ihr originelle und schöne handgemachte Dinge aus Dresden und von weiter weg, mit denen ihr euch selbst oder andere ganz formidabel beschenken könnt. 

 

Eine kurze Entspannungspause im Hechtpark lädt den Akku flott wieder auf: fläzt euch irgendwo hin, lasst das grüne Idyll auf euch wirken und euch die Sonne ins Gesicht scheinen. Möglicherweise mit einem leckeren Eis aus der Tiki-Bar in der Hand, es ist ja schließlich Sommer und Neumann‘s Eis ein echter Klassiker in unserer geliebten Elbmetropole.

Bei der Gelegenheit solltet ihr dann auch gleich mal das aktuelle Programm der St.-Pauli-Ruine unter die Lupe nehmen. Die modern ausgebaute Kultur- und Begegnungsstätte lädt von April bis Oktober zu Konzerten und Theateraufführungen in einzigartiger Kulisse, Glasdach sei Dank auch völlig unabhängig von jeglichen Witterungsverhältnissen. In diesem Jahr übrigens unter dem Motto „Sommer der Liebe“. Wenn einem da mal nicht ganz warm ums speiseeisgekühlte Herzchen wird. 

 

Wem das viele Grün im Park auf die Dauer zu eintönig wird, der braucht bloß weiter durch die Straßen wandeln und die Augen aufhalten, denn an eigentlich jeder Ecke finden sich bunte kleine Highlights wie etwa mit witzigen Szenen bebilderte Rolläden, Streetart, besonders charmante Häuschen oder das Projekt „hechtgrün“, ein Gemeinschaftsgarten von Bewohnern für Bewohner, der auch immer mal wieder interessante Workshops im Angebot hat.

Solltet ihr jetzt schon wieder von einem leichten Fresschen überfallen werden, ist die Freude angesichts der dargebotenen Vielfalt sicher groß: diverse Länderküchen sind hier ebenso anzutreffen wie auch völlig tierfreie Burgerkreationen im Falschen Hasen oder veganes Gyros beim Dicken Schmidt. 

Das macht übrigens auch schon wieder Appetit auf das alljährliche Hechtfest, das traditionell am letzten Augustwochenende steigt und bis spät in den Abend mit allerhand Schmackazien, musikalischen Highlights und originellen Ständen lockt. Schon längst wird das Hechtfest als heiße Alternative zur Bunten Republik Neustadt gehandelt, ist alles halt doch ein wenig kompakter. 

 

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Abgesehen davon ist der Hecht allerdings nicht gerade als Partymeile bekannt, Clubs sucht man hier vergeblich, aber auch im Anton oder im St.Pauli-Eck lässt es sich gut sitzen und das eine oder andere leckere Getränk konsumieren. Fans des guten alten Bordsteinbieres werden sicher in einem der Spätis fündig, zu gucken gibt es auf jeden Fall hier immer was.

Wer doch lieber die ganz große Sause will, ist in wenigen Gehminuten in der Neustadt. Und auch sonst ist der Hecht super angebunden, die Straßenbahnlinien 13, 7 und 8 befinden sich in unmittelbarer Nähe und seit letztem Jahr gibt es mit dem S-Bahnhof Bischofsplatz noch eine weitere Option der Fortbewegung, auf die so manch einer aber wohl lieber verzichtet hätte. 

 

Nicht verzichten will man im Hecht auf ein buntes Miteinander und Partizipation und das merkt man auch. Gelebte Vielfalt überall und auf jeden Fall einen Ausflug wert, wenn ihr das nächste Mal nicht wisst, wohin mit eurem Dresden-fremden Besuch, der eigentlich schon alles gesehen hat. Wir finden: Ein toller Hecht!



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