Verein: Treberhilfe Dresden e.V.

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Die Straße als Schule

29.06.2016
Autor: Kaddi Cutz

Die eigene Schulzeit ist bei den meisten von uns schon wieder ein paar Jährchen her und die Erinnerungen daran sind, nun ja. Vielleicht doch eher durchwachsen. Was aber, wenn das Drücken der Schulbank derart traumatische Züge entwickelt, dass ein Abbruch als einzige Alternative erscheint?

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Drei erfolgreiche Absolventen und das Team

 
 
Ohne Schulabschluss türmt sich schnell mal ein riesiger Berg unlösbar scheinender Schwierigkeiten vor einem auf. An eine Berufsausbildung ist kaum zu denken, stattdessen bleibt vielen nur der Gang zur ARGE oder gar ein Leben auf der Straße, wenn auch noch familiäre Probleme dazu kommen. Trotzdem muss hier nicht gleich das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Dass Motivation, Beziehungsarbeit und ein Lernkonzept, das flexibel und individuell auf die besonderen Bedürfnisse von Schulabbrechern reagiert, durchaus auch nach Jahren noch zum Erfolg führen können, zeigt eindrucksvoll die „KLuB- Die Straßenschule“ der Treberhilfe Dresden.
 

Verein macht Schule

KLub steht für „Kompetenzen Leben und Bilden“ und richtet sich als straßenpädagogisches Bildungsprojekt speziell an junge Menschen in besonderen Lebenslagen zwischen 18 und 27, meist mit dem Lebensmittelpunkt Straße. Viele haben traumatische Erfahrungen mit dem System Schule gemacht. Physische oder psychische Erkrankungen und daraus resultierende Benachteiligungen vermindern ihre Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Als Straßenkinder, Schulverweigerer oder Kriminelle stigmatisiert und ausgegrenzt erleben sie statt verlässlicher Beziehungen Herabsetzung, soziale Ausgrenzung und Überforderung. Bei meinem Besuch im KluB treffe ich auf eine unerwartet große Menschenansammlung: Nicht nur Leiter Dieter Wolfer, auch die Projektkoordinatorin Peggy Schramm und die Sozialarbeiter Beate Rohde und Marcus Bernhardt sowie ein studentischer Dozent und zwei Praktikantinnen stehen mir für alle Fragen zur Verfügung. Schnell wird deutlich: Dieses Team brennt für sein Projekt! 
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Naturforscher haben den Durchblick

Horrorszenario Klassenzimmer

Anders als die Schulpädagogik bezieht die Straßenpädagogik aktuelle Lebenslagen und Fähigkeiten der Schüler unmittelbar ins didaktische Handeln ein. Partizipation wird hier gelebt. Das weiß auch Erik Mayer, der im 6. Semester Lehramt für Mathematik und Ethik an Oberschulen studiert und sein Wissen gern im KLuB weitergibt: „Für mich ist das total spannend, weil ich sehr von dem ehrlichen Feedback der Schüler profitiere. Ich kann hier ausprobieren, was ich im Studium eher theoretisch mitkriege. Und wenn das mal nicht so gut funktioniert, dann sagen die schon auch mal ‚Nee, Erik, das war jetzt Mist!“ Die persönliche Beziehung sei wichtig, sagt er und so rühren auch die Schweißperlen auf seiner Stirn nicht von den sommerlichen Temperaturen her: „Meine Matheschüler sitzen zur Minute gerade in der Abschlussprüfung – ich bin selber total aufgeregt, und hoffe, dass alles glatt läuft!“. Sozialpädagoge Marcus Bernhardt gibt sich optimistisch. Er hat die Prüflinge am Morgen bis zum Klassenzimmer begleitet: „Mein Job ist es vor allem, zu motivieren und den Schülern den Rücken frei zu halten, damit sie mit Spaß und in Ruhe lernen können. Ich begleite sie zu Ämtern, führe Motivations- und Krisengespräche. Und ich begleite sie zu den Prüfungen.
 

Traumata aufarbeiten

Für viele ist ein Klassenzimmer immer noch ein Hort des Horrors aus der Kindheit, da ist es wichtig, die Schüler gerade in so einer wichtigen Situation nicht alleine zu lassen“. Wie schwierig es ist, ein deart schweres Trauma zu überwinden, weiß auch Dieter Wolfer sehr genau: „Viele unserer Teilnehmer haben über viele Jahre immer nur eine Message erhalten: Du kannst nichts und du bist nichts wert. Das gilt es aufzubrechen“. Daran arbeiten neben dem festen Team auch dreißig ehrenamtliche und Honorardozenten aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Das multiprofessionelle Dozent(inn)enteam  setzt sich aus Studenten, Doktoranden, Berufstätigen, pensionierten Lehrern und Arbeitssuchenden zusammen. „ Gerade die unterschiedlichen Hintergründe und Herangehensweisen unserer Dozenten, die alle relevanten Prüfungsfächer abdecken, ermöglichen einen ganz anderen Zugang zum Lernen, wecken Interesse auf ganz andere Art. Wir beziehen die Schüler aktiv mit ein, handeln Pausenzeiten mit ihnen aus“, erzählt Beate Rohde, die für den didaktischen Bereich verantwortlich zeichnet. 
 

Erfolgreich aber ungewisse Zukunft

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Lernarbeit in der Gruppe
Neben der Straßenschule bietet die Kompetenzbildungsstätte Berufsorientierung sowie kreative und praxisorientierte Module zur Erlangung von Schlüsselkompetenzen. Das Projekt startete im September 2015, drei Absolventen haben nach nur fünf Monaten bereits ihren Realschulabschluss in der Schulfremdenprüfung erlangt, eine davon sogar mit Auszeichnung. Aktuell lernen 15 Teilnehmer in der Straßenschule auf freiwilliger Basis für ihren Schulabschluss. Wie erfolgreich das Projekt verläuft, zeigt sich auch in den immer häufiger werdenden Vermittlungen von Teilnehmern durch andere Institutionen. KLuB wurde bereits 2015 mit dem Kriminalpräventiven Jugendhilfepreis „Emil“ sowie mit dem Pr1mus-Preis im März 2016 ausgezeichnet – trotzdem steht die Zukunft in den Sternen. Noch bis Mai 2017 gilt das Projekt als finanziert, wie es danach weiter geht, ist aktuell ungewiss. Um die Straßenschule weiterführen zu können und das Konzept auszubauen, werden dringend Unterstützer gebraucht. Weitere Infos findet ihr hier


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