35 Tage in ein umweltbewussteres Leben: Ein Selbstversuch

35 Tage in ein umweltbewussteres Leben: Ein Selbstversuch

Der Umwelt zuliebe

07.05.2020
Autor: Anne Küste

Was geschieht, wenn du beschließt, ein umweltbewussteres Leben zu führen (mit allem was dazu gehört!) und plötzlich bricht Corona aus? Erübrigt sich dein Vorhaben dann oder spielen die zeitlichen Umstände, in denen wir leben, gar keine Rolle, wenn es darum geht den eigenen Lebensstil zu überdenken – wie viel Bedenkzeit bleibt uns? Wo fängt ein bewussterer Umgang mit dem, was uns die Natur bereit stellt, überhaupt an – und wo hört er auf? Nehmt Abschied von eurem Mittagsschnitzel und genießt einen letzten großen Schluck Mineralwasser: Wir verlassen nun die Komfortzone und entdecken neue Möglichkeiten – der Umwelt zuliebe.

35 Tage in ein umweltbewussteres Leben: Ein Selbstversuch

Ein umweltbewussteres Leben – Wo fängt das an?

 

Starten muss jeder – es führt kein Weg daran vorbei –  bei sich selbst. Denn ein umweltbewussteres Leben bedeutet in erster Linie, aus der eigenen Komfortzone auszubrechen. Wie das konkret ausschaut, wissen Benjamin und Fabian Eckert. Die beiden Brüder sind eigentlich weder Autoren noch haben sie Zeit ihres Lebens damit verbracht, Umweltaktivisten zu sein. Dennoch verraten sie uns in ihrem Buch „Die 35-Tage-Challenge – Dein Weg in ein umweltbewussteres Leben,“ wie es gelingen kann, erfolgreich an der eigenen CO2-Bilanz zu schrauben und gleichzeitig zum Kampf gegen die Klimakrise beizutragen – auch ohne umfassendes Vorwissen. Ein erster Schritt in Richtung „anders leben“ könnte also die Anschaffung dieses Buches sein, dessen Ziel es ist, mit Hilfe verschiedener Tagesaufgaben einen bewussteren Umgang mit vorhandenen Ressourcen einzuüben. Oder ihr versteht die Lektüre als einen Trampelpfad, der  – wie es sich eben mit alternativen Lebenswegen verhält – neue Herausforderungen für euch bereithält. Herausfordernd ist es vor allem deshalb, weil wir uns daran gewöhnt haben, im Alltag den leichten Weg zu gehen – also wahllos die Dinge zu konsumieren, die wir begehren. Doch definiert sich unser Wohlbefinden, im Sinne von Wohl oder Wohlergehen, wirklich über täglichen Kaffee- und Fleischkonsum, durch den Verzehr von Wasser, das im Mund kribbelt oder ist dieses Verbraucherverhalten eher ein Ausdruck von Wohlstand? Um das herauszufinden, müssen Veränderungen her, die gleichzeitig dabei helfen, gesünder und fitter zu werden – nicht die schlechteste Voraussetzung, wenn man sein Leben umkrempeln will, oder?

 

Ein Gedankenspiel vorweg

 

Bevor wir gemeinsam mit den Autoren (voller Tatendrang) in den Praxisteil starten, in den Hausaufgabenteil des Buches, bekommen wir vorab nützliches Basiswissen vermittelt – Klimafakten, die nicht nur dabei behilflich sind, den Sinn der täglichen Challenges zu verstehen. Sie rütteln vor allem Unentschlossene wach und machen deutlich wie wenig Zeit der Weltbevölkerung verbleibt, den eigenen Lebensraum zu retten. Stellt euch vor …

35 Tage in ein umweltbewussteres Leben: Ein Selbstversuch

 
„Es ist September 2060 und es hat seit Monaten nicht mehr geregnet. In weiten Teilen Deutschlands verdorrt die Ernte, am Mittelmeer brennt es an allen Ecken […], in Indien und im Sahel werden Kriege um Wasser geführt, 100 Millionen Menschen sind auf der Flucht. […]. Das alles ist bei einem Temperaturanstieg von 4 Grad Celsius dann leider normal.“

 

Die Erde eine Wüste? Nicht nur die Autoren dieses Buches warnen uns seit Jahren vor der Austrocknung unseres Planeten. Vermutlich wird er 2060 nicht mehr der Ort sein wird, den wir so liebgewonnen haben. Aber vielleicht, zumindest hoffen das Benjamin und Fabian Eckert, kann es auch (ganz) anders kommen. Ihre 35 Tagesaufgaben sind das Handwerk für diese Veränderungen. Denn nur, wenn wir weitermachen wie bisher, unsere luxuriösen Gepflogenheiten beibehalten, weiter kreuz und quer durch die Welt fliegen, bequem mit Autos fahren und große Mengen Fleisch essen, nur dann setzen wir mehr Kohlendioxid (die Hauptursache für die Erderwärmung) frei und unser Planet wird wärmer und wärmer. Glaubt ihr nicht auch, dass es angesichts dieser Aussichten höchste Zeit ist, mit lieb gewonnen Gewohnheiten zu brechen – der Umwelt zuliebe? Wir wollen es wagen!

 

Lektion 1: Sei du selbst die Veränderung!

 

Der Umwelt zuliebe das Leben umkrempeln, das heißt in erster Linie, damit zu beginnen, die fiesen CO2-Sünden ausfindig zu machen, die sich still und heimlich in den eigenen Alltag geschlichen haben. Es ist klar, dass sich nicht alle „schlechten“ Angewohnheiten leicht ausmerzen lassen, aber es ist auch nicht unmöglich. Was wir uns angewöhnt haben, lässt sich auch wieder abgewöhnen! Woche 1 starte ich mit grundlegenden Aufgaben, die die Voraussetzungen für kommende Herausforderungen schaffen und mich gleichzeitig darauf einstimmen, dass ab sofort keine Ausreden mehr gelten – selbst wenn Corona sowohl die Stadt als auch das Toilettenpapier-Angebot lahmlegt. Denn in Krisenzeiten an Recycling-Klopapier zu gelangen, gestaltete sich (aufgrund der hohen Nachfrage) zu einem größeren Problem als erwartet. Mein Tipp: Wer im herkömmlichen Drogeriemarkt nichts abbekommt, der kann in Leipzig zu jeder Zeit auf die noch ökologischere „Unverpackt Laden“-Variante zurückgreifen. Deutlich einfacher (als jene aufwändige Klopapier-Beschaffungsmaßnahme) gestaltete sich das Abmelden von Werbeprospekten, die Umstellung auf Ökostrom oder die Berechnung des eigenen ökologischen Fußabdrucks. Das Ergebnis brachte mir die Erkenntnis, dass ich zwar schon auf einem guten grünen Trampelpfad wandere, aber noch lange kein „Öko-Vorbild“ bin. Um meine CO2-Bilanz ernsthaft zu verringern, musste ich damit beginnen, meine Ernährungsweise umzustellen. Das Nahrungsmittel, das diesbezüglich alle anderen in den Schatten stellt, ist Wasser, also das was aus der Leitung kommt – ein echter Alleskönner. Es hat einen unschlagbaren ökologischen Fußabdruck und ist das in Deutschland genauste untersuchte Lebensmittel. Dieser Erkenntnis folgend wurden Bier, Brause und vor allem Sprudelwasser künftig von meinem Speiseplan gestrichen. Die nächsten 35 Tage hielt mich einzig und allein „Leipziger Rohrperle“ bei durchwachsener Laune.

 

Fleischgewordener Endgegner

 

„Sorge für ein energiegeladenes Frühstück, erledige deinen Wocheneinkauf ökologisch, iss weniger Fleisch, koche frisch – auch mal vegan, sammle heimisches Superfood, vermeide Palmöl, kaufe Gebrauchtes sowie regionales Gemüse“: schon viel, was es Tag für Tag zu erledigen gibt. Tatsächlich bringt es aber auch Spaß, sich auf neue Koch- und Einkaufsgewohnheiten einzulassen. Der Besuch im Bioladen war neu für mich, aber auch zielgerichteter. So experimentierte ich zunehmend mit Lebensmitteln, die nie zuvor in meinem Kochtopf landeten – wie zum Beispiel Bulgur oder auch Trockenfrüchte. Mittlerweile zählen trockengelegte Aprikosen in Kombination mit Joghurt, saisonalem Obst oder Walnüssen zu meiner täglichen Ladung Morgenenergie. Getreideflocken, Ölsaaten oder auch Gewürze (wie z.B. Zimt) bieten sich ebenfalls als Topping an und sorgen für gelungene morgendliche Abwechslung. Benjamin und Fabian Eckert haben sich wirklich Gedanken gemacht, die einzelnen Aufgaben so leicht und lecker wie möglich zu gestalten.

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Besonders hilfreich ist hier die Übersicht mit den 50 besten Lebensmitteln, die sie am Ende des Buches für uns zusammengestellt haben. An Genussgrenzen gelangte ich dennoch. Die Erinnerung an die selbstgekochte vegane Kartoffelsuppe ohne Würstchen und Sahne, bleibt auch Wochen später problematisch. Und dann stellt euch vor, ihr steht mit einem Glas Leitungswasser bei sonnigen Frühlingstemperaturen neben dem Grill, während sich euer Corona-Kontakt ein duftendes Steak brutzelt und zum Bier greift – Da blutete der Gaumen. Umso größer ist rückblickend der Stolz, dieser Verlockung widerstanden zu haben. Es ist bereichernd zu erkennen, wie sehr uns Rituale und selbstentwickelte Erwartungshaltungen beeinflussen. Nachdem ich das Leitungswasser mit einem Spritzer Zitrone und frischer Minze verfeinert sowie die leckere Pilzpfanne mit Fetakäse und selbstgepflücktem Bärlauch verzehrt hatte, war ich eigentlich genauso glücklich. Das Bier zum Fleisch kann, muss aber nicht sein. Viel essentieller sind die sozialen Kontakte, die durch Anlässe wie Grillabende oder ein Picknick am See (normalerweise) zustande kommen. Umweltbewusster leben bedeutet also nicht nur verzichten, sondern auch das Besondere, das uns vorrübergehend verwehrt bleibt, schätzen zu lernen – vor allem in Zeiten, in denen Corona wütet. Und unter uns: Das Bier mit Freunden geht immer, aber wenn es nicht so oft vorkommt, genießt man diese Ausnahmen viel mehr.

 

(V)Erfolge!

 

Nur wer selbst brennt, kann andere anzünden – Das philosophisch anmutende Ende der 35-Tage-Challenge konnte ich, ohne es zu diesem Zeitpunkt erreicht zu haben, auswendig predigen. Hinzu kam der tägliche Kontrollblick in den Kalender: Waren wirklich erst drei Wochen vergangen? Wenn man minutenlang vor einer Flasche Mineralwasser sitzt, um sich krampfhaft an den Geschmack zu erinnern, kommt einem die Zeit deutlich länger vor. Es waren eindeutig die unerwarteten Lüste, die mich über das Sündigen nachdenken ließen. Abhilfe bot der Gedanke, dass es ja nicht für immer sein musste – wobei das nicht meiner Zielvorstellung entsprach. Welchen Sinn ergibt das Durchstehen, wenn man anschließend in alte Verhaltensmuster zurückfällt? Einerseits wollte ich für die Sache brennen, anderseits auch wieder genießen können. Bei so viel Hin und Her kommt man ganz schön ins Grübeln. Neue Herausforderungen mussten her. Aufgaben, die weniger meinen Geist, mehr meinen Körper forderten; Aufgaben, die weniger an das Aufgeben erinnerten – und dass wussten wohl auch Benjamin und Fabian Eckert als sie mir eines schönen Challenge-Tages zu mehr Bewegung rieten.

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Das tolle an allen Tagesaufgaben ist übrigens, dass jede Challenge in verschiedene Schwierigkeitsstufen (Anfänger-, Fortgeschritten- und Expertenmodus) gegliedert ist. Wer bis Tag x zu den Omnivoren (Allesessern) zählte, erhält den Rat, künftig auf Fleisch zu verzichten. Wer sich bereits vegetarisch ernährte, versucht es eben mal vegan – auf diese Weise kommt jeder täglich in den Geschmack, neue Grenzen auszuloten. Da ich von Natur aus zu der Sorte Mensch zähle, die sich gerne sportlich betätigt, machte ich zusätzlich Yoga, um auf die empfohlene 45 bis 60 Minuten (Expertenmodus-)Dosis sportliche Betätigung zu kommen. Yoga – eine wirklich gelungene und empfehlenswerte Abwechslung, wenn man in der Corona-Isolation anfängt, Kalendertage zu zählen und Wasser beim Sprudeln beobachtet.

Endspurt

 

Die letzten Challenge-Tage lehrten mich, dass nicht nur Ernährung und viel Bewegung einen gesunden und umweltbewussteren Geist ausmachen. Wer hätte gedacht, dass auch Digital Detox dazugehört. Also schaltete ich mein Handy nach 22 Uhr aus, um meinen Schlaf zu optimieren und natürlich um meinen Handy-Akku zu schonen. Ich duschte kürzer, reduzierte meinen Kaffeekonsum, zog eigene Keime, optimierte das Waschen und Spülen und kochte größere Portionen Essen, um auch am nächsten Tag davon zehren zu können (Meal Prep). Kurzum: Ich war so sehr mit Planen beschäftigt, dass ich Mineralwasser zunehmend vergaß und Fleisch irgendwie auch. Die neuen Routinen gaben mir neuen Halt. Ja, es fühlte sich zum Ende hin wirklich gut an, die Wursttheke mit dem Einkaufswagen zu umfahren – eine Supermarkt-Reizüberflutung weniger. Dieses „Wow, schon 35 Tage vorbei“-Gefühl hatte ich nach Ablauf der fünf Wochen trotzdem nicht. Auch nicht, als ich mir zur Feier des Challenge-Bestehens ein Glas Sprudelwasser gönnte. Es fühlt sich dennoch gut an, zu wissen, dass man es nicht zum Überleben braucht. Allein durch diese Umstellung konnte ich meinen ökologischen Fußabdruck enorm senken. Und um diese und andere Errungenschaften auch in kommenden Wochen nicht aus den Augen zu verlieren, legte ich mir eine praktische Liste zu, auf der ich die neuen Angewohnheiten, insbesondere diejenigen, die ich beibehalten wollte, verschriftlichte – nicht nur der Umwelt zuliebe, sondern auch weil sie mein körperliches Wohlbefinden steigern konnten. „Maximal 3x in der Woche Fleisch essen, regelmäßige Bewegung, ein gesundes Power-Frühstück, Leitungswasser trinken, frisch und regional einkaufen“ – Richtlinien, die mich täglich an die Reduzierung meines CO2-Konsum erinnern. Und an meine Challenge, die ich stolz meisterte.

35 Tage in ein umweltbewussteres Leben: Ein Selbstversuch

 

Recycling-Klopapier ist mittlerweile genauso selbstverständlich wie das Vorkochen am Wochenende, wie das Fahrradfahren zur Arbeit, wie das Yoga vor dem Schlafengehen, wie die kürzeren Duscheinheiten – Nur vegan werde ich wohl so schnell nicht werden. Nach Ablauf der 35 Tage stelle ich trotzdem Veränderungen fest: Veränderungen an mir, meinem Verhalten, meinem Empfinden. Veränderungen, die ich mir auch für andere Mitbewohner dieser Erde wünsche. Die Zeit, in der wir leben, spielt dabei definitiv keine Rolle. Es ist nie zu spät, damit zu beginnen, den eigenen Lebensstil zu überdenken. Und bevor ich das praktische, unaufdringliche Büchlein mit dem passenden Handwerkszeug für diesen Zweck an eine andere Person weitergeben, sei noch erwähnt, dass es schön wäre, wenn die Autoren (womöglich in einer zweiten Auflage oder einer Extra-Challenge?) noch stärker auf die Zero-Waste-Problematik eingehen, wobei durch die Umsetzung der einzelnen Tagesaufgaben natürlich schon einiges an Müll eingespart wird: Leitungswasser statt Wasser aus der Flasche, selbst kochen statt Fertigprodukte kaufen, DIY, reparieren, sich nach Gebrauchtem umschauen, Superfoods selber suchen usw. Sprich: Benjamin und Fabian Eckerts Lektüre ist ja gerade deshalb so empfehlenswert, weil sie jedes Thema, das ansatzweise mit Umweltschutz zu tun hat, auf unterschiedlichste Art beleuchtet und nicht zu vergessen, weil die Autoren deutlich machen, dass „richtiger" Klimaschutz am Ende des Tages Einfluss auf fast jede Alltagssituation nimmt – zumindest, wenn man es wirklich durchzieht!

 

Info: Fabian Eckert, Benjamin Eckert: »Die 35-Tage-Challenge. Dein Weg in ein umweltbewusstes Leben«, umfasst 160 Seiten

ISBN: 978-3-96238-175-2, 19 € (auch als E-Book erhältlich).

 



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