Blick hinter die Kulissen: Theatrium

Blick hinter die Kulissen: Theatrium

Bühne trifft Beton

17.05.2017

Blick hinter die Kulissen: Theatrium
Inmitten der Grünauer Wohnkisten: Das Theatrium.

Grünau und Kultur? Kultur und Grünau! Zwei Begriffe, die nicht unbedacht voneinander getrennt werden sollten. Auch wenn der Stadtbezirk-West, ein Gebiet umfasst, das mit seinen unmittelbaren, hippen Nachbarn erst einmal nur wenig gemein hat. Sachsens größtes Großwohnpflaster bahnt sich konsequent und karg seinen Weg. Und inmitten der Grünauer Wohnkisten: Ein weiterer Klotz, dessen bunter Farbengürtel dem grauen Pfad, in Richtung großer Emotionen, ein wenig die Tristesse nimmt. Das Theatrium in der Alte Salzstraße ist eine feste Instanz in Sachen Bühnenspiel und das nicht nur im kulturellen Westgeschehen der Stadt. Ein Konzept, das Spaß macht und Impulse schafft.

Blick hinter die Kulissen: Theatrium
Schon seit 1996 beherrschen motivierte Youngster die Bühne des Theatriums.

 

Zur linken? Erst einmal nichts außer vom Winter ausgezehrte, ehemals weiße Balkonwände, auf denen einige traurige Restbestände aus dem Pflanzenreich auf die Tonne warten. Dann an Netto vorbei, rechts rein, den Bürgertreff Nebenan passiert, der Caritas in die Schaufenster geschmult, beim Wirtshaus Uhu leicht ins Schmunzeln geraten und die tatsächliche Existenz der „Zur kleinen Kneipe“ geprüft. Der Weg zum Theatrium ist getan.

 

Die Grundidee des offenen Hauses für Kinder und Jugendliche (8-26 Jahre) fußte damals noch auf einer Projektidee, die rein für die Grünauer Jugend gedacht war. Daraufhin wurde der Verein „großstadtKINDER e.V.“ ins Leben gerufen, um der Idee eine solide Basis für den Fortbestand zu schaffen. Und eben dieser Stützpunkt hat nun schon seit 1996 in der Hausnummer 59 seinen stabilen Anker ausgeworfen und überlässt motivierten Youngstern die große Bühne. 

 

"Theatrium, meine 2. Heimat" 

 

Kathrin Großmann, eine der Projektleiterinnen vor Ort und gelernte Theaterpädagogin und Erik Hofmann, Projektkoordinator, erzählen uns, dass pro Jahr knapp 120 Kinder und Jugendliche im Theater-Kader anheuern. Pro Jahr heißt, sie bereiten zwei volle Spielzeiten vor und müssen daher gut vorbereitet und verlässlich sein. Zum Einstieg gibt es ein Probe-Ferienlager; vor der Premiere ein weiteres intensives Zusammensein. Dazwischen sind die Jugendlichen drei Stunden in der Woche im Proberaum, die Kleineren zwei. Zeit, die turbulent sein kann und zusammenschweißt. „Wir haben zum Beispiel eine große WhatsApp-Gruppe: Theatrium, meine 2. Heimat. Das sagt schon viel…Wir sind wirklich immer im Austausch und Kontakt“, so Großmann.

 

Blick hinter die Kulissen: Theatrium
"Man hat einen festen Platz, der Geborgenheit suggeriert."
Talent für das Spiel mit großen Worten und starken Gesten ist sicher gut, Interesse und Bereitschaft aber oberstes Gebot. Wer will, kommt zur Projekteinschreibung nach den Sommerferien, informiert sich über das Angebot, schwingt den Stift und ist auch schon dabei. Kein Bangen, kein Warten, kein Druck, keine Richter. Man ist dabei, weil man es selbst für sich entschieden hat. Ein entspanntes und vor allem faires Konzept, das etwas schuldbewusst an die Zeit zurückdenken lässt, in der man leichtfertig die Theater-AG der Schule für ein Eis sausen lassen hat. „Spätestens Ende Oktober ist die Gruppe dann fix. Für manche ist das dann doch zu viel, aber das ist auch okay. Wir proben über einen langen Zeitraum, da einwickelt sich eine gewisse Gruppendynamik und ein hohes Pensum“, so die Theaterpädagogin.

 

Auch mit ein Grund dafür, warum das Theatrium so beliebt ist: Man hat einen festen Platz, der Geborgenheit suggeriert und darin bestärkt, sich ungeniert ausprobieren zu dürfen. Seit nun schon zwei Jahren gibt es auch deshalb einen zwangsverordneten Einschreibestopp, da das Interesse schon lange die Mittel sprengt. Auch lieb gewonnene Nebenprojekte mussten schon der Pflege und dem Wohlergehen des Gesamtkonzeptes weichen: „Der Besinnung auf die theaterpädagogische Arbeit“, wie Erik Hofmann treffend zusammenfasst. Ein Projekt von jungen Leuten für junge Leute, zumindest vornehmlich. Willkommen ist auf den roten Klappsitzen der Hauptbühne natürlich jeder.

 

"Mein Glaube. Dein Glaube. Kein Glaube."

 

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Seit 2012 gibt es eine eigene Kostüm- und Maskenwerkstatt.
Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist so vielfältig, wie die Nachwuchsakteure selbst. Jeder Projektleiter verfolgt dabei seine persönliche Linie. Ob klassisches Stück treu nach Erzählduktus, Werkcollagen, gruppendynamischer Ideentaumel oder komplette Selbstentwicklung – einen Mangel an Möglichkeiten gibt es nicht. Wer keine Lust auf nervöses Auf- und Abgehen vor der Show hat, kann seit 2012 auch in der eigenen Kostüm- und Maskenwerkstatt Wurzeln schlagen. Die Bastler statten dann immer ein Stück pro Spielzeit aus und bedienen sich nicht nur an einem stattlichen Fundus, sondern haben auch ihre eigene Kreativwerkstatt, in der Farbtöpfe, Stoffreste sowie prominente Kostümvorlagen Tische, Böden und Wände pflastern. Die Motivation ist aufgrund der kreativ-chaotischen Werkelbank auch ohne viele Worte klar. Hier würde (fast) jeder gerne Zeit verbringen.

 

Ihre Schützlinge auf der Bühne lockt Großmann zu Anfang durch kleine Impro-Spiele aus der Reserve. „Ich taste mich so dann immer dichter an das eigentliche Thema und schaue gleich, wie bereit sind sie, sich für ihre Figuren zu öffnen. Und wir reden natürlich viel.“ Kinderaugen sehen die Dinge selbstverständlich ein wenig anders als ihre doch schon etwas reiferen Kollegen. „Mit den Kleineren ist es wichtig, alles spielerisch anzugehen. Sie sind viel intuitiver und haben noch mehr Fantasie. Mit den Jugendlichen kommst du auch schon mal ins Philosophieren.“, erzählt sie weiter.

 

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In diesem Jahr folgt das Theatrium dem Motto "Mein Glaube. Dein Glaube. Kein Glaube.".
In diesem Jahr folgt das Theatrium dem Motto: „Mein Glaube. Dein Glaube. Kein Glaube.“ Mehr Wirklichkeitsbezug ist momentan kaum möglich. „Die Jugendlichen und Kinder positionieren sich dazu stark. Wir wollen gemeinsam Haltung zeigen“, macht Großmann klar. Im Mai geht Großmann und ihr Team mit einem weiteren Projekt in die Premiere. Das interreligiöse Jugendprojekt „Was glaubst du?“, dessen Crew auch sieben junge Geflüchtete aus Afghanistan zum Teil der Theaterfamilie gemacht hat, setzt sich mit dem großen Thema Glauben und seiner Diversität auseinander (19.5.2017, 20 Uhr). Ein komplexes Thema, das schon viele Gedanken vorausschickt. Chapeau vor so viel Mut und Engagement.

 

 

 

 INFOS:   Alte Salzstraße 59, 04209 Leipzig-Grünau, Kindertheater (bis 12 J.): Kinder 4€, Erwachsene 5,50€/4€, Jugendtheater: Erwachsene 7,50€/ 4,50€, www.theatrium-leipzig.de



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