Familienportrait: Die Geschichte von Noor Karim Hamid

Familienportrait: Die Geschichte von Noor Karim Hamid

Von einer, die auszog, ihre Träume zu leben

28.07.2018
Autor: Anne Küste

Schätzungsweise 4.000 Kilometer liegen zwischen der irakischen Hauptstadt Bagdad und dem beschaulichen Leipzig. Das ist nicht gerade um die Ecke. Umso bemerkenswerter ist die Leistung der kleinen Noor Karim Hamid, die all ihren Mut und all ihre Kräfte zusammennahm, um diesen Weg – den Aufbruch in die Freiheit – zu wagen.  

Familienportrait: Die Geschichte von Noor Karim Hamid
Was nach einem spannenden Abenteuer klingt, ist der Beginn einer unfreiwilligen, waghalsigen Reise, die Noor durch sage und schreibe sieben verschiedene Länder führt. Während dieses Unterfangens hält sie nichts weiter als die Hand ihrer Mutter, an deren Seite der Vater mit dem Jüngsten der Familie auf dem Arm, Abbas, wandert. Noor ist neun Jahre alt, als ihre Eltern plötzlich beschließen, Irak zu verlassen. Das junge Mädchen hat zu diesem Zeitpunkt keine Vorstellung davon, wer oder was sie am Ziel ihrer Reise erwartet. Europa ist für Noor ein leerer Begriff. Für die Eltern Karim und Zainab ist es ein Ausweg, Ausdruck einer Angst, eine Perspektive und gleichzeitig ein gefährliches Vorhaben, denn beide Kinder leiden von Geburt an unter Thalassämie.

 

Es ist der Gesundheitszustand, der die besorgten Eltern lange Zeit, trotz Krieg und schlechter ärztlicher Versorgung, in Bagdad hält. Die Option Flucht ist ein Risiko, vor allem aber eine unkalkulierbare Gefahr für das Wohlergehen der Kinder, da diese regelmäßig auf Bluttransfusionen angewiesen sind. Schließlich wird den zweifelnden Eltern die Entscheidung abgenommen: Im Alter von 5 Jahren entführen Milizen Noors kleinen Bruder auf offener Straße. Einen ganzen Tag voller unfassbarer Sorgen und ein Lösegeld kostet die Freilassung von Abbas. Der Vorfall bestärkt die Familie endgültig in dem, was sie längst befürchteten: Der Irak ist ein gefährlicher Ort, in dem sie nicht länger sicher leben können. 

 

Wenn aus Angst Mut wird

 

Familienportrait: Die Geschichte von Noor Karim Hamid
Von Bagdad geht es für Noor zunächst mit dem Flugzeug in die Türkei, wo ihr Vater einen hohen Preis für ein kleines Stück Schlauchboot zahlt. Ohne Verpflegung, dafür mit viel zu wenig Benzin ausgestattet, scheitert der erste Versuch, das Ägäische Meer, die Wassergrenze Europas, zu überqueren. Im zweiten Anlauf landet die Familie mit weiteren 131 Flüchtlingen auf einer kleinen, menschenlosen Insel Griechenlands. Abseits des Festlands vergehen zwei volle Tage, bis sie von der griechischen Küstenwache entdeckt und gerettet werden. Über Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich erreicht Noor schließlich Deutschland. 15 lange Tage ist sie bis dahin teilweise zu Fuß, mit dem Bus oder im Zug unterwegs, als sie mit ihrer Familie Passau erreicht, eine Grenzstadt im Südosten der Republik, die sich in ein deutsches Lampedusa verwandelt hat. Von Osteuropa aus betrachtet, ist die Stadt der erste große Verkehrsknotenpunkt im Westen, das erste erreichbare Stück Deutschland. Jeder Flüchtling, der dieses Ziel erreicht, hat nach § 95 des Aufenthaltsgesetzes eine Straftat begangen: die illegale Einreise. Ein Vergehen, das ohne Strafe bleibt, wenn man so will. Jeder Flüchtling muss sie begehen, um Asyl beantragen zu können. So auch Noor und ihre Familie. 

Leben in der Fremde

 

Familienportrait: Die Geschichte von Noor Karim Hamid
Über Berlin, Chemnitz und Meißen verschlägt es die vier nach Leipzig, wo zunächst einmal mehrtägige Bluttests auf Noor und ihren Bruder warten. Nachdem sie zuvor in Meißen zwei Monate lang provisorisch in einem hallenartigen Heim beherbergt waren, ist die Unterbringung in Leipzig ein erster Lichtblick. Das heutige Adina Hotel, das sich damals noch in der Bauphase befand, wurde 2016 ad hoc zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert. Noor erinnert sich vor allem an das schöne Spielzimmer und die netten Betreuer zurück. Ihr größtes Highlight bleibt aber der erste leckere Döner, den sie so schnell nicht vergisst. Fast ein halbes Jahr geht ins Land, bis sie von der Stadt eine eigene Wohnung inklusive kleiner Küche gestellt bekommen, in der sie endlich wieder selbst gemeinsam kochen und so etwas wie Privatsphäre genießen können. Der Beginn eines neuen Lebens in einer anderen Stadt, in einem fremden Land.

 

Reichlich Sprachunterricht und weitere abenteuerliche Geschmackserlebnisse später, lernen auch wir Noor und ihre Familie kennen. Mittlerweile hat die elfjährige Viertklässlerin Anschluss und eine Menge Freunde in Leipzig gefunden. Seit das Mädchen mit dem erstaunlichen Kämpferherz vor zwei Jahren in die zweite DAZ-Klasse eingestuft wurde, hat sie enorme Fortschritte gemacht. Nicht nur, dass sie innerhalb kürzester Zeit in den regulären Klassenbetrieb wechselte, mittlerweile ist sie Streitschlichterin für ihren kompletten Jahrgang. In Bagdad besuchte Noor eine Mädchenschule, an der, so erzählt sie uns, der Tagesablauf etwas anders geregelt war als in Deutschland. Sie erinnert sich an einheitliche Schulkleidung und an die Hymne, die jeden Donnerstag vor dem Unterricht gesungen wurde. Seit Leipzig ihr neues zu Hause ist, träumt Noor allerdings von nichts anderem als Ärztin zu werden. Die Hilfe und das Mitgefühl, das ihr entgegengebracht wurde, möchte sie zurückgeben. Die erste Hürde für dieses Vorhaben hat sie mit der Empfehlung für das Gymnasium gemeistert. 

Einmal Micky Maus und zurück

 

Familienportrait: Die Geschichte von Noor Karim Hamid
Unfassbar ehrgeizig dieses kleine Mädchen, das lieber nach vorne blickt als zurück und sich dabei trotzdem treu bleibt. Mit dem Schulwechsel verbindet Noor vor allem Freiheiten und Freiräume, die ihr gegenwärtig noch verwehrt bleiben. Sie denkt dabei vor allem an das Tragen von Kopftüchern, das an ihrer Grundschule momentan nicht geduldet wird. Für die kleine Muslimin eine bittere Wahrheit, die sie fernab von Kulturängsten und Vermummungsdebatten nur schwer reflektieren kann. Ihr kindlicher Blick auf das Weltgeschehen kann das Verhältnis zwischen Staat und Religion ebenso wenig erfassen wie politische oder feministische Grundsatzfragen. Auf eine gewisse Weise sympaythisch und erfrischend, vor allem wenn man beobachtet, wie unvoreingenommen und fröhlich Noor auf Fremde zugeht.

 

Am Ende eines Tages träumt sie sich daher nicht weiter als ins Disneyland und manchmal auch in ihre alte Heimat. Die Gedanken an zurückgelassene Familienmitglieder oder Heimweh holen die Familie in regelmäßigen Abständen ein. Wesentlich größer ist jedoch die Angst davor, in den Irak zurückkehren zu müssen. Glücklicherweise erhält die Familie kurz nach unserem Treffen die erleichternde Nachricht, für ein weiteres Jahr in Leipzig bleiben zu können. Zwar ist Deutschland nicht Disneyland, für Noor aber trotzdem definitiv ein weiterer Schritt in Richtung sichere Zukunft und der perfekte Ort, um ihre Träume leben zu können. 



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