Lost River

Filmkritik: „Lost River“

Das Regiedebüt von Ryan Gosling

04.04.2015
Autor: Elli Beier

Als Schauspieler hat sich Ryan Gosling schon längst zum Kritiker-Liebling gespielt, doch sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor kann sich nicht weniger sehen lassen. Mit Lost River hat er einen düsteren Mystery-Thriller geschaffen, eine Geschichte über Liebe, Familie, Abgründe und Befreiung.

 

Handlung

Lost River
Bully macht kurzen Prozess mit jedem, den er in „seiner Stadt“ erwischt.
Billy (Christina Hendricks) und ihre Söhne gehören zu den letzten Bewohnern der sterbenden Stadt Lost River. Bones (Ian De Caestecker), der ältere Sohn, versucht die Reparatur seines Autos zu finanzieren, indem er die verlassenen Häuser der Stadt nach Kupfer durchforstet. Dadurch geraten er und seine Freundin Ratte (Saoirse Ronan) ins Visier des irren und gewalttätigen Bully (Matt Smith), der dort als selbsternannter Herrscher thront. Als Bones erfährt, wo seine Mutter arbeitet, um den Kredit für das Haus abbezahlen zu können, beschließt er den Fluch, der über der Stadt zu liegen scheint, zu brechen. Der Schlüssel dafür liegt am Ende einer geheimnisvollen Straße, die direkt in den See führt.

 

Eine bizarre Traumwelt

Lost River
Der Eingang zu Daves Club lässt erahnen, welcher Art das Unterhaltungsprogramm ist.
Der Film beginnt mit ruhigen Szenen, die vor einer anderen Kulisse beinahe idyllisch gewirkt hätten. Doch an dem verfallenden Lost River ist nichts Idyllisches zu finden. Die wenigen ausharrenden Bewohner sind alles, was den Ort von einer Geisterstadt unterscheidet. Der Leitsatz: „Where no child will be left behind“ an der Wand einer verlassenen Schule wirkt schon fast wie Spott, wenn wir den jungen Bones auf der Suche nach Schrott daran vorbei ziehen sehen.

 

Mit dem Auftauchen von Bully setzt eine subtile Bedrohlichkeit ein, die sich durch den ganzen Film zieht. Wir erleben diese Bedrohlichkeit gemeinsam mit Bones, wenn er den Motor von Bullys weißem Oldtimer Cabrio hinter sich hört und mit Billy, als ihr der dubiose Bankmanager Dave einen Job in seinem Nachtclub anbietet. Das Unterhaltungsangebot in diesem Club, der an das berühmte Théâtre du Grand Guignol angelehnt ist, lässt sich nur als bizarr beschreiben und hat etwas von einer anthropologischen Studie über die Abgründe des Menschen.

 

Mit seinen einvernehmenden und stimmungsvollen Bildern wirkt der Film oft wie eine einzige lange Traumsequenz. Von der geheimnisvollen Straße, die direkt in den See und zu einer vergessenen Unterwasser-Stadt führt, durch die verlassenen Ruinen, bis zu den blutigen Spielen im Club ist die ganze Szenerie eine skurrile Traumlandschaft. Und obwohl alles sehr langsam passiert, ist die Spannung teilweise unerträglich. 

 

 

Vision und Umsetzung

Die Idee für Lost River lag schon in Goslings Kindheit verwurzelt. Genau wie seine Figur Bones entdeckte er bei einem Streifzug durch die Wälder seiner Heimatstadt eine Straße, die ins Wasser führte. Seine Mutter erklärte ihm, dass unter dem Wasser eine Stadt läge, die für ein „Seaway“-Projekt geflutet worden war. „Der Gedanke, dass ich in einem Fluss geschwommen bin, in dem es eine Unterwasserstadt gab, treibt mich bis heute um“, so Gosling.

 

Lost River
Feuer als Symbol der Zerstörung und des Neubeginns.
Die Stadt Lost River selbst ist von Detroit inspiriert, das auch zum Drehort wurde. Während der Dreharbeiten zu „The Ides of March – Tage des Verrats“ hatte Gosling die Möglichkeit Detroit kennen zu lernen und fand darin genau das Motiv seines Films – der amerikanische Traum, der zum Alptraum wird. Meilenweit verlassene Wohngegenden, wo immer wieder Häuser abgebrannt oder eingerissen wurden und dazwischen Eltern, die versuchen ihre Kinder großzuziehen. 

 

Vor dieses Bild setzt Gosling einen großartigen Cast aus Schauspielern, mit denen er schon früher zusammen gearbeitet hat. Darunter ist Christina Hendricks („Mad Men“), deren Authentizität in „Drive“ Gosling sehr beeindruckt hatte und auch uns in „Lost River“ beeindruckt. Oder auch Ben Mendelsohn („The Place Beyond the Pines“), dem seine Rolle als Dave wie auf den Leib geschneidert scheint. Nicht weniger überzeugend ist Matt Smith als Psychopath Bully, dem seine Erfahrung als Theaterschauspieler hier zugute kommt.

 

In den intensiven Bildern und der düsteren Stimmung, ist deutlich der Einfluss Goslings bisheriger Regisseure zu spüren. Sein Selbstverständnis als Filmemacher liegt dabei zwischen den Fieberträumen eines Nicolas Winding Refn („Only God forgives“, „Drive“) und den in der Realität verorteten Filmen eines Derek Cianfrance („The Place Beyond the Pines“, „Blue Valentine“). In „Lost River“ scheint die Tendenz dennoch mehr Richtung Fiebertraum zu gehen. 

 

Fazit

Lost River
Ryan Gosling hinter der Kamera
Zunächst einmal, ist es sehr erfrischend, einen Schauspieler als Drehbuchautor und Regisseur zu sehen, der nicht sich und seine ganze Familie in die Hauptrollen schreibt. Die Versuchung habe es für ihn nie gegeben, erklärt Gosling: „An der Regie hängt bei diesem Film so viel, so dass ich meinen ganzen Fokus darauf legen wollte.“

 

In „Lost River“ kann man sich leicht verlieren. Der Film löst schon relativ kurz nach Beginn ein Unbehagen aus, das bis zum Abspann und noch einige Zeit darüber hinaus anhält. Das muss durchaus nicht negativ verstanden werden, allerdings sei an dieser Stelle eine Warnung an alle zart besaiteten Film-Fans ausgesprochen, denn es gibt schon einige blutige und verstörende Szenen. Nicht ganz zu Ende gedacht scheint das Prinzip der „Schalen“ in Daves Club. Hier sollen die Kunden ihre Gelüste ausleben können, ohne jemanden zu verletzen. Auch wenn der Anblick seine Wirkung beim Zuschauer nicht verfehlt, bleibt die Frage wie das ganze funktionieren sollte offen. 

 

Beim Schnitt kann der Film wieder überzeugen, die Szenen spielen gut zusammen und ergänzen sich. Dabei folgt die Erzählstruktur zwar einem linearen Ablauf, springt aber zwischen den Blickwinkeln. Zusammen mit den eindrucksvollen Bildern, der Liebe zum Detail, der fesselnden Geschichte und den sehr guten schauspielerischen Leistungen des Casts ist Gosling hier ein sehenswertes Debüt hinter der Kamera gelungen, auch wenn einen gegen Ende das leise Gefühl beschleicht, dass er den Film nur machen wollte, um brennende Häuser und Gegenstände in Slow Motion zu filmen. Das sieht wirklich sehr cool aus Ryan, aber nächstes mal davon vielleicht etwas weniger.

 

Infos

Der deutsche Kinostart ist am 28. Mai 2015



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