Hood Check: Lindenau

Hood Check: Lindenau

Lindenau, du schmutzige kleine Perle des Westens!

16.02.2018

Lindenau ist in aller Munde. Für die einen ist es der neue „Place to be“ und für andere ein Stadtteil, der langsam aber sicher sein Gesicht verliert. Wir haben uns dort einmal umgesehen, mit Anwohnern gesprochen und dem Image dieses Viertels auf den Zahn gefühlt.

 

Hood Check: Lindenau
Der im Westen gelegene Stadtteil wäre in einem Ranking der beliebtesten Wohngegenden nicht gerade in den vorderen Reihen zu finden. Spricht man mit Leipzigern, so sind die Gründe hierfür unter anderem die teils verfallenen Gebäude, die massive Vermüllung und leider auch einige Anwohner Lindenaus. So zählte Lindenau zusammen mit dem benachbarten Plagwitz doch einst zum bedeutendsten Industriegebiet Leipzigs. Zu seiner Hochzeit um 1925 beherbergte das Viertel allein etwas über 60.000 Menschen – heute lebt hier nur noch knapp die Hälfte. Denn die Industrie brach, wie in vielen Gegenden im Osten, auch hier nach der Wende fast gänzlich zusammen – und mit ihr verschwanden auch die Arbeitsplätze. Was blieb, war der Unmut. Heute ist das Viertel vor allem für seinen vergleichsweise günstigen Wohnraum bekannt, aber die Wellen der Gentrifizierung schlagen auch hier langsam höher.

 


Ein erster Eindruck


Hood Check: Lindenau
Als wir durch die Straßen Lindenaus laufen, kommen wir nicht umhin, festzustellen, dass einige Ecken tatsächlich sehr verdreckt sind. Ebenso sehen wir einen überproportional hohen Anteil an grimmig dreinblickenden Hundebesitzern, denen die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner anscheinend völlig egal sind. Sofort schwirren uns Passagen eines Songs im Kopf herum: „Und überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben. Jeder hat‘n Hund, aber keinen zum Reden“ – wüssten wir es nicht besser, so könnten wir denken, Peter Fox hätte diese Zeilen einzig und allein für Lindenau geschrieben.Trotzdem versprüht Lindenau immer noch einen wunderbar ansehnlichen Industriecharme, auch wenn viele Gebäude langsam Opfer des Verfalls werden. Doch so langsam tut sich etwas! Man hört es hämmern und man hört es bohren. Eingestaubte Männer tragen Baumaterialien in Hauseingänge. Nahezu an jeder Ecke sieht man Handwerker, die genussvoll an Zigaretten ziehen oder in Pausenbrote beißen. Nachdem Plagwitz schon zu großen Teilen durchsaniert wurde, ist Lindenau wohl nun an der Reihe. Gastronomisch kommt man im Westen aber nicht zu kurz. So lässt es sich im Garten „Zum Wilden Heinz“ bei Lagerfeuer und einem kühlen Bier besonders gut aushalten. Ebenso hat sich hier mit „Links neben der Tanke“ ein richtig uriger Pub mit sehr moderaten Preisen etabliert. Ganz frisch im Viertel ist auch die „Osteria La Meridiana“ – ein Restaurant mit einer tollen Auswahl an veganen und vegetarischen Gerichten sowie einer vielfältigen Weinkarte. Bei „Hocuspocus“ bekommt man zauberhaft handgearbeiteten Schmuck und liebevoll bedruckte Textilien aller Art. Doch in Lindenau kann man nicht nur gut essen, trinken oder shoppen. Vom Lindenauer Markt gelangt man in nur wenigen Laufminuten zur größten Grünanlage der Gegend – dem Palmengarten. Angrenzend an das Elsterflutbecken, bietet er mit seinen 22,5 Hektar genügend Platz für allerlei Sommer- und Freizeitaktivitäten. Auch das ca. 3,3 km lange Kulturdenkmal „Karl-Heine-Kanal“ lädt stets zu entspannten Spaziergängen ein. Ab und an sieht man hier auch mal eine Nutria.

 


Der Hundekot ist extrem


Hood Check: Lindenau
An der Ecke Merseburger/ Aurelienstraße befindet sich „Andre’s Einkaufs und Imbissshop“. Als wir dort vorbeikommen, sitzt Namensgeber Andre gemütlich vor seinem Laden und schildert uns bereitwillig seinen persönlichen Eindruck von Lindenau. „Wir sind seit 2001 hier in der Gegend und haben anfangs in der Aurelienstraße einen Laden eröffnet. Zwei Jahre später hat meine Frau in der Merseburger Straße einen weiteren Laden aufgemacht.“ Allerdings gingen die Verkäufe zurück und man beschloss, aus zwei Läden einen zu machen. Tatsächlich ist das Klientel in Lindenau keineswegs homogen. Andre sagt hierzu: „Vom Arzt über Studenten bis hin zum Arbeitslosen ist hier alles vertreten. Man kann nicht sagen, dass sich hier eine bestimmte Gruppe rauskristallisiert.“ Angesprochen auf die massive Verdreckung durch Hundekot auf den Straßen, entgegnet Andre: „Sehr extrem! Es ist auch kein Ordnungsamt in dem Sinne präsent, dass Hundebesitzer angehalten und auf Tüten kontrolliert werden. Es ist aber schon etwas besser geworden.“

 


Feiert die Stadt herunter


Hood Check: Lindenau
In der Josephstraße machen wir Halt am Buchkindergarten. Wir kommen mit einer jungen Frau namens Tamara ins Gespräch, die vorher im Leipziger Norden lebte. Seit dem letzten Jahr wohnt sie aber in Lindenau, um näher an Arbeitsplatz, Partner und Freunden zu sein: „Ich mag den Westen hier eigentlich ganz gerne, weil man nah am Wald ist und weil sich hier über die Zeit die Freunde angesammelt haben“, erklärt sie uns. Tamara beklagt vor allem, dass einige Studenten ausschließlich auf ihre Vorteile bedacht sind, sich aber nicht wirklich im Viertel einbringen wollen bzw. ihnen ihr Umfeld völlig egal ist: „Ich hab so ein wenig das Gefühl, viele junge Leute kommen hierher, profitieren von der Stadt und feiern sie so ein bisschen herunter“. Sie zieht für sich aber dennoch eher ein positives Resümee von Lindenau.

 


Schmutz als Zeichen des Widerstandes


Im zweiten Obergeschoss des Neuen Schauspiel Leipzig treffen wir auf Georg. Er ist Grafiker und hat hier eine kleine Agentur gegründet. Er arbeitet hier in einer Bürogemeinschaft, die hier über die Jahre gewachsen ist. Wir fragen ihn, was er von Lindenau als Ort zum Leben und Arbeiten hält: „Als ich vor neun Jahren hier ankam, war das schon ein recht trauriges Fleckchen, muss ich sagen. Es herrschte so ein bisschen Kopfschussatmosphäre. Hier Motivation zu finden, war ziemlich hart. Allerdings war das auch der Zeitpunkt, in dem hier wirklich Bewegung reinkam. Die Leute haben angefangen, Initiativen zu gründen, beispielsweise Nachbarschaftsgärten. Man hat einfach gemerkt, dass jetzt auch Künstler, Intellektuelle und Kreative in dieses Viertel ziehen – und dann begann die geile Zeit.“ Georg führt weiter an: „Aber seit knapp einem Jahr kippt die Situation super intensiv, weil alles durchsaniert wird, es gibt keine Freiräume mehr. Die Leerstände waren damals übrigens ein Grund für mich, nach Leipzig zu ziehen“. Für die Anwohner wird die Sanierung des Stadtteils zu einem ernsthaften Problem. Denn viele können sich die damit verbundenen Mietpreiserhöhungen nicht mehr leisten und werden deswegen gezwungen, in günstigere Stadtteile wie Grünau abzuwandern. Wir fragen Georg außerdem, was er von der Verschmutzung des Viertels hält: „Das Auge der Gewöhnung sieht eigentlich nicht mehr viel (lacht). Ich persönlich schaue darüber hinweg. Ich merke aber auch, dass viel Dreck eigentlich aus einer Provokation heraus entsteht“, erklärt uns Georg.


Abschließend bleibt zu sagen: Lindenau ist ein Viertel mit vielen Gesichtern, Ecken und Kanten sowie den verschiedensten Menschen. Wer hier pauschalisiert, tut diesem Viertel unrecht. Halten wir fest: Lindenau ist, was du draus machst!



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