Interview Kool Savas: Über Hafti, Homophobie und Hass

Interview Kool Savas: Über Hafti, Homophobie und Hass

Kool Savas tritt am 13.12.2015 im Täubchenthal Leipzig auf

10.12.2015

Am 13. Dezember 2015 tritt Kool Savas im Zuge seiner „Warum Rappst Du? Tour 2“ mit Cr7z & Montez im Täubchenthal auf. Vorab sprachen wir mit ihm über die deutsche Raplandschaft, Weltuntergangsfantasien und Homophobie. Was letzteres mit Füßen zu tun hat, was Savas mit Silbermond am Hut hat, und wie es zum Feature mit Xavier Naidoo kam, erfahrt ihr hier:


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Woher kommt die Unzufriedenheit? Woher kommt das nicht miteinander leben wollen, wenn man sich nicht mal kennt?
Was erwartet uns am 13.12.2015 im Täubchenthal? Was auf deiner Tour?
Ich werde natürlich in Leipzig explizit kein anderes Programm machen als in anderen Städten. Da ich aber schon länger nicht mehr da war, freue ich mich umso mehr! Das betrifft auch die Motivation, die Leute aufs Neue von sich zu überzeugen – die ist natürlich mehr. Ich werde auf jeden Fall ein gemischtes Set spielen: Von älteren Sachen, natürlich auch von aktuellen Sachen und ne Menge vom Märtyrer-Album. Wir werden uns komplett auf Beats und Rhymes konzertieren – und nicht auf viele Effekte. Wir wollen es diesmal echt puristisch halten. Es soll einfach der pure Rap-Vibe rüberkommen.

Gibt's Tracks, die du immer wieder gerne bringst? Die es also auf jeden Fall zu hören gibt?
Das variiert. Es gibt Tracks, die spiele ich lieber und es gibt Tracks, die vielleicht ein bisschen anstrengender sind. Oder auch manche, die die Wünsche vom Publikum darstellen. Zur Zeit spiele ich gerne „Limit“. Das ist ja auch so mit meine letzte Single, die ist recht einfach zu rappen, die macht Spaß und kommt bei den Leute gut an.

Zwischen Aura und Märtyrer liegen ein paar Jahre – was hat sich musikalisch (an dir) verändert?
Och, ich glaube, dass ich jetzt an einem Punkt angekommen bin, wo es keine riesen Veränderungen mehr geben wird. Weil man doch irgendwie für sich selber weiß, was man möchte. Mein aktueller Status ist, dass ich gar nicht so experimentierfreudig bin und auch gar nicht wirklich was Neues für mich suche – sondern eher eine ausgearbeitet Version von dem. Wie beim Automobil eigentlich: Früher war die Veränderung innerhalb der Branche immer drastisch und groß. Irgendwann, wenn dann ein Grundgerüst da ist, dann wird eben perfektioniert.
Nehmen wir die letzten beiden Alben: Aura ist vielleicht ein bisschen melancholischer angehaucht und Märtyrer haut mehr auf die Kacke – aber ne riesen Veränderung ist zwischen den beiden Alben nicht zu vermerken.

Oft hast du dich offen gegen Drogen ausgesprochen und deinen vegetarischen Lebensstil kommuniziert – ist das immer noch?
Ich mach da keine riesen Story draus. Aber ja, ich bin immer noch Vegetarier, ich kiff immer noch nicht, ich schmeiße mir immer noch keine Pillen – ganz, ganz selten trinke ich ein bisschen Alkohol. Andererseits bin ich voll der Meinung, dass jeder es so machen soll, wie er denkt. Klar, ich finde Massentierhaltung nicht gut und auch, dass Tiere überhaupt sterben müssen. Aber wenn jemand das Fleischessen für sich rechtfertigen kann, soll er doch machen. Ich bin auf jeden Fall kein Hardcore-Psycho-Bio-Nerd, der sich hinsetzt und die Leute zu bekehren. Die meisten sind doch alt genug.

Auf der anderen Seite wurdest du oft wegen homophober Texte kritisiert – was entgegnest du da drauf?
Ich hab natürlich zu Beginn meiner Karriere schon ein paar Texte gemacht, die man, wenn man sich mit Rap nicht auskennt, in den falschen Hals bekommen kann. Da kann man natürlich schnell sagen: „Was ist denn das für ein Asozialer?“ Obwohl ich das alles schon immer auch mit einem Augenzwinkern machte. Homophob bin ich schonmal gar nicht – das heißt ja, man hat Angst vor Homosexuellen – und das habe ich sicherlich nicht. Ich kenne selber Homosexuelle – und ich habe keine Berührungsängste – ich umarme die, wie alle meiner anderen Freunde auch, bin mit denen cool und quatsche über deren Beziehungsprobleme. Im Endeffekte soll auch da jeder die Meinung haben, die er will. Es gibt genug lesbische Frauen, die Männer voll eklig finden und die Vorstellung, Sex mit einem Mann zu haben ebenso. Das finden alle voll okay. Wenn nun allerdings ein besonders männlicher Mann (lacht) sagt, dass er die Vorstellung, mit einem Mann Sex zu haben eklig, ist er gleich homophob. Man muss doch einfach mal sagen dürfen, dass das nicht sein Ding ist. Ich will persönlich auch nicht unbedingt nem schwulen Pärchen zuschauen, wie sie sich die Zunge in den Hals rammen. Manche Leute zum Beispiel sagen, dass sie Fußfetisch voll eklig finden – dabei ist das extrem harmlos und gechillt und die meisten Männer, die ich kenne, die stehen auf Füße. Aber ich kann die Leute doch auch nicht verfluchen und sie „fußophob“ nennen. Man muss sich auch mal bisschen locker machen. Man kann bei manchen Sachen doch auch mal sagen: „Nee, ist nicht so meins“, ohne die Sache an sich gleich zu verteufeln. Und das Rap einfach so ein bisschen ne Macho-Attitüde hat und hau-draufmäßig ist, ist doch auch jedem klar – und so lange die Intention nicht so negativ sind und die gesagten Dinge nicht voller Hass sind, kann man auch einfach mal sagen: Ist okay. Ansonsten muss man sich auch fragen: Wo ist das Maß? Wo fängst du da an, wo hörst du au? Wenn man wirklich so in die Meinung eines anderen so eingrätschen will, muss man sich auch an die eigene Nase fassen und sich selber hinterfragen. Und darf sich selbst vor allem nicht als Maß nehmen. Das hieße dann, dass wir uns alle wahrscheinlich nicht mehr frei bewegen können, das sich immer jemand auf die Füße getreten fühlt.

In den 90igern bist schon auf Demos gegen Neonazis und Abschiebung – wie sieht dein Engagement da momentan aus, hast du gerade Zeit dafür?

Ich würde mir wahrscheinlich die Zeit nehmen, wenn ich denken würde, dass es viel bringt. Ich sage natürlich meine Meinung und im Freundeskreis, auch im erweiterten, wird viel darüber geredet. (überlegt) Ich bin irgendwie soweit gefrustet, dass ich immer wieder das Gefühl habe: Egal, was man macht, es bringt eh nichts. Momentan habe ich eher Weltuntergangsphantasien, wo ich mir sage: Es wird bald in einem Krieg enden. Einem Krieg, in dem auch wir involviert sein werden. Sprich, wir auch angegriffen werden – bisher lassen wir es uns in Europa ja gut gehen und gehen immer davon aus, dass alles das, was um uns herum passiert uns nichts angeht. Naja, … und ich muss ehrlich sein, dass ich die Hoffnung an die Menschheit verloren habe, resigniert habe, da so viel Furchtbares passiert und man sieht, wie das ganze Machtgefüge arbeitet.

Nochmal zu damals – darüber habe ich letztens erst nachgedacht – ich würde nicht sagen, dass irgendwas davon politischer Natur war. Die meisten von uns  (95%) wussten doch auf Demos nicht mal wo gegen gerade demonstriert wurde – oder wofür. Es ging doch im Endeffekt nur darum, sich mit Bullen zu fetzen. Klar, mein Herz schlägt links. Ich bin Humanist / Sozialist. Doch die meisten Leute, die sich links nennen, verhalten sich überhaupt nicht links – die haben nichts mit humanistisch-sozialistischem Freidenken zu tun, sondern eher mit dem Gegenteil. Wie gesagt, oft ging es damals mehr darum, Steine zu werfen, anstatt ein politisches Statement zu bringen. Im Nachhinein finde ich das auch echt super falsch. (Denkt nach) sehr, sehr kompliziert.

Willst du zukünftig aktuell-politisch aktiv werden?

Ich bin da nicht so berechnet … Aber ich frage mich halt einfach, ob das Sinn macht. Strichwort PEGIDA. Warum sind denn die Menschen in der DDR zum Beispiel nicht auf die Straße und haben gefordert, dass alle Vietnamesen und Afrikaner (mit als einzige Ausländer zu DDR-Zeiten) raus sollen?! Momentan sind  die Leute einfach so unzufrieden! Ist doch auch klar. Nach der Wiedervereinigung wurden einfach die Firmen abgezogen, das ganze Konzept wurde in Grund und Boden gestanzt. Sofort wurde den Leuten ein westlicher Lebensstil präsentiert – naja, und wenn man nichts hat, dann sucht man sich eben ne Zugehörigkeit. Wenn ich im tiefsten Ex-Osten aufgewachsen wäre, meine Eltern seit Jahren keinen Job hätten, ich auch nicht und es keine Perspektiven, keine positive Wirtschaft gebe – bezweifle ich, dass ich am Ende kein Nazi geworden wäre.

Machst du es dir nicht zu einfach?
Ich entschuldige nicht, was sie tun! Und Gott behüte, ich sage nicht, dass das Richtig ist, was die tun! Überhaupt nicht. Doch die nur als Feind zu nehmen und zu schreien: ’Wir schlagen jeden Nazi tot’, das bringt’s doch auch nicht. Dann gibt es am Ende nur ein Links und Rechts. Und die Sache kann man nicht einfach nur schwarz weiß sehen – man muss dem Grund nachgehen! Woher kommt die Unzufriedenheit? Woher kommt das nicht miteinander leben wollen, wenn man sich nicht mal kennt? Das ist ja irgendwie eine Tendenz, wohin sich die Gesellschaft hin entwickelt hat. Das war früher ganz anders. Zumindest hatte ich das Gefühl für mich im kleinen Rahmen, dass das anders war. Jetzt habe ich das Gefühl, die Leute wollen teilweise NICHTS mehr miteinander zu tun haben. Ich fühle mich so, als gebe es überhaupt kein GEMEINSAM mehr. Ich glaube auch nicht, dass ich zu viel Verständnis habe, sondern eher ein faires Grundverständnis. Ich sage dir, wenn du meinen Freundeskreis siehst, da ist alles bunt religiös gemixt. Christen, Moslems, Atheisten … Und es funktioniert! Man findet immer gemeinsame Nenner! Mehrere! Und wir wissen, das wir miteinander leben können. Wir lassen es nicht soweit kommen, dass wegen unseren Glaubens oder unserer Herkunft irgendetwas zwischen uns steht.

Hast du selbst Erfahrung mit Ausländerfeindlichkeit gemacht?

Nicht eine Sekunde! Noch nie. Und ich habe lange im Osten gelebt! Ich habe deutlich mehr Stress mit meinen türkischen und arabischen Brüdern (lacht) als mit meinen deutschen Brüdern.

Gilt denn das “Prädikat“ KKS (King Kool Savas) noch?
Interessiert mich gar nicht. Ich habe ganz andere Prioritäten in meinem Leben. Dinge, die ich mir selbst beweisen will. Ich muss da draußen keinem mehr beweisen, dass ich der King of Rap bin. Für mich persönlich bin ich es – klar. Ob ich jetzt 1.000 Platten oder 100.000 Platten verkaufen, das macht für mich keinen Unterschied. Es ändert an dem, wie ich mich fühle und mit dem, was ich mit meinem Leben machen will gar nichts.

Gibt es Features, die dir noch ausstehen?

Ja! Für Deutschland Herbert Grönemeyer und Silbermond auch. Das habe ich mir eigentlich vorgenommen. Und aus Amerika R. Kelly.

Was feierst du denn momentan privat musik-technisch?

Das neue Album von Laas Unltd – das heißt „Dämon“ und wird oberkrass. Und das sage ich wirklich nicht , weil der mit mir unterwegs ist. Das Album ist so persönlich, so reflektierend – so brutal ehrlich. Das tut teilweise echt weh! Der legt seine Probleme so knallhart auf den Tisch, aber auch die Probleme der anderen. Also auch irgendwie ne Art Abrechnung mit allem. Es fühlt sich an wie ein positiver lyrischer Amoklauf mit nem Happy End.

Was sagst du zu Hafti?

Ich respektiere das alles! Aber ich bin halt auch kein Mitläufer … Nur weil alle jetzt eine Sachen feiern. Weißt du, ich will nicht der 1000 sein, der einer Sache hinterher rennt. Ich brauche irgendwie Texte, worüber ich noch nicht nachgedacht hab. Ja, und Gangsterrap ist natürlich manchmal geil, doch textlich brauche ich eher etwas, was ich auf mein Leben beziehen kann. Sachen, die mich weiterbringen können. Im amerikanische Bereich wären das J. Cole, Kanye West ...

Was sagst du zu Audio 88 und Yassin?
Sind cool! Der Track auf dem neuen KIZ-Album (Anm. d. Red: Was würde Manny Marc tun) ist über nice! Ich hab die beiden letztens das erste Mal kennengelernt. Super Typen – ich feier die.

Wie kam es denn eigentlich zur Zusammenarbeit mit Xavier? Das ist ja schon ein Unterschied zu M.O.R. und Westberlin Maskulin?

Ich kenne den ja schon sooo lange! Damals 2002, nach „Bester Tag meines Lebens“ ist er ja auch Vegetarier geworden. Da war er gerade in der Türkei und hatte einen AHA-Moment. Er hörte gerade den Track und als die Stelle kam „Du könntest ohne Probleme aufhören Tiere zu essen“ lief ne Kuhherde über die Straße … Und seit dem hat er schon gesagt, dass wir mal was zusammen machen sollten. Zudem haben wir einen guten gemeinsamen Freund, und hatten immer wieder Kontakt. Und das Album entstand dann super natürlich, wie saßen oft zusammen im Auto und haben Beats gehört und so nahm die Sache ihren Lauf.

Wie schätzt du die generelle Raplandschaft zur Zeit ein? 
Gibt es noch Battle-Rap?

Nee, eigentlich gar nicht mehr. Sportliches MCing und so – existiert so nicht mehr. … Aber alles läuft zyklisch und die Zeiten kommen schon wieder zurück! Die sollen halt jetzt ihr Gangster- und Hipster-Rap-Ding machen. Vielleicht wird ein CRO irgendwann auch nur noch 10.000 Platten verkaufen. Aber da mach ich mich nicht verrückt. Auf mich bezogen weiß ich auch, dass mein nächstes Album vielleicht nicht mehr Gold geht. Dreimal hatte ich jetzt Glück. Bezüglich diesen Straßen-Raps – wie vorher schon erwähnt. Da gibt es keine Parallele zu meinem Leben! Ich bin natürlich irgendwie dazwischen aufgewachsen … und kenne auch viele Freunde, die durch dieses Straßending alles verloren haben. (überlegt) Ja, wahrscheinlich ist das meine Kritik: Dieser Gangsterrap glorifiziert eben dieses „Straßenleben“ auch – ich hab Kumpels, die haben alles verloren, und viele Sachen weggeworfen ...



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