Der Jahresrückblick eines Jung-Autors?!

Constantin Dupien über das Jahr 2011

22.12.2011

Montag, der 19. Dezember 2011. Die ersten Schneeflocken des Winters erreichen den Leipziger Boden. Diese Amazon Expresslieferung funktioniert echt einwandfrei, hatte ich die weiße Pracht doch erst einen Tag zuvor bestellt. Ein herrliches Bild eröffnet sich mir, die ganze Stadt frohlockt mit dem wohlriechenden Duft der Weihnachtsfreude. Oder ist es doch nur mein Räucherkerzchen mit Tannenduft? Der friedlichen Stimmung tut diese Ungewissheit keinen Abbruch. In den sinnlichen Stunden genießt man einfach und lässt die vergangenen 365 Tage Revue passieren. Glücklicherweise habe ich die obligatorischen Jahresrückblicke allesamt „verpasst“ und kann unvoreingenommen meine ganz persönliche Spritztour durch die Höhepunkte der zurückliegenden zwölf Monate präsentieren: 


 
Die Wetterlagen der Monate Januar und Februar überraschen sowohl die Leipziger Verkehrsbetriebe als auch den Winterdienst der Stadt. Ganz unerwartet und untypisch fällt in den Wintermonaten Schnee. Einfach so. Auf Straßen und Fußwegen bahnt sich rutschiges Eis seinen Weg, welches sich damit als neuer Austragungsort für die Spiele der Leipziger Ice Fighters bewirbt, die ja ab 2012 eine neue Bleibe suchen.
Von solch unlauteren Wetterverhältnissen hatte kein Wahrsager gesprochen, weshalb die Stadt im Schneechaos versinkt. Das Streusalz wird knapp und die wenigen funktionstüchtigen Räumfahrzeuge haben mehr Straßen von Schneemassen zu befreien als Peking Einwohner pro Quadratmeter übereinanderstapelt. Auch die Straßenbahnen entscheiden sich, ihre Kunden lieber an den Haltestellen ausharren zu lassen. Die Idee, während der Schneemonate ein Zu-Fuß-Ticket für 3,60 € einzurichten, wird vom Stadtrat mit einer knappen Mehrheit abgelehnt.

Im März findet die alljährliche Buchmesse in Leipzig statt. Meine Internetleitung ist endlich einmal frei, denn die meisten World of Warcraft Spieler verlassen für einen Tag ihre Gilde, um als Feen und Elfen verkleidet die Messehallen zu stürmen und gegen die lebendig gewordenen Mangapuppen in epischen Player versus Player Matches anzutreten. Dass es auf Buchmessen auch Bücher gibt, erschließt sich dem Durchschnittsbürger erst, als Daniela Katzenberger Monate später ihre Jahrhundertbiographie „Sei schlau, stell Dich dumm“ vorstellt und dabei tiefe Einblicke gewährt. In ihr Leben selbstverständlich.

Im April verkündet das Leipziger Jobcenter freudig, dass die Zahl der Arbeitslosen in Leipzig um nahezu 1000 Menschen gesunken ist, zieht man den Vergleichsmonat des Vorjahres heran. Es wird gemunkelt, dass diese vorsorglich als 1-Euro Jobber eingestellt wurden, um die Erfolgschancen eines Verkaufs der Strecke des Citytunnels auszurechnen. Immerhin ist jeder Meter des Mammutabschnitts vom Bayrischen Bahnhof hin zum Hauptbahnhof mehr als eine Million Euro wert. Outsourcen liegt ja ohnehin im Trend und verschenkt man als Beigabe zusätzlich die 1000 potentiellen Neu-Arbeitslosen, bleibt die Arbeitslosenstatistik auch im nächsten Jahr sauber.

Im Mai verzaubern uns die orchestralen Töne des Internationalen Mahler Festivals. Eigentlich ist Bambi-Preisträger Bushido als Dirigent für alle vierzehn Konzerte der hochkarätigen Ensembles vorgesehen. Da besagte Verleihung allerdings erst ein halbes Jahr später stattfindet, ist es noch nicht so weit her mit der Integration. Stattdessen reimt der Rüpelrapper ruckartig reimende Rapperaliterationen und beschimpft die Veranstalter des Festivals in seinem Antwortschreiben als „schwule Weicheier“ und behauptet, dass sich in der marktrelevanten Zielgruppe der 0-100 Jährigen eh keiner für klassische Musik interessieren würde. Die 26.000 Besucher bekommen von alledem nichts mit, denn sie sind auf ihren Sitzplätzen eingeschlafen.

Im Juni und Juli herrscht endlich wieder Fußballfieber in Deutschland. Das Sommermärchen von 2006 soll sich wiederholen – diesmal jedoch sind die Frauen am Ball. Überall prangen Werbeplakate, die großspurig Rache für das verlorene Finale der Männer 2010 in Südafrika versprechen. Wenn schon keine WM-Partie in LE, dann wenigstens die Spielerinnen überlebensgroß auf Litfaßsäulen gedruckt - Big Sister is watching you. Es hilft alles nichts, die Fußballweltmacht Deutschland scheidet im Viertelfinale gegen die mannshohen Japanerinnen aus. Trainerin Silvia Neid brilliert dabei mit einem taktischen Geniestreich, indem sie gegen die riesigen Dribblerinnen aus dem Fernen Osten 120 lange Minuten lang flaches Kurzpassspiel fordert. Aber irgendwie gönnt man den Japanerinnen ihren Erfolg auch, am Ende werden sie sogar Weltmeister. Das Preisgeld, so hat die Mannschaft einstimmig beschlossen, soll für den neuen Atommeiler in einem küstennahen Erdbebengebiet gespendet werden.

Der Monat August wird als Bildungsmonat in die Leipziger Geschichte eingehen. Das ehemalige Theodor-Mommsen-Gymnasium, meine ehemalige Schule, ersteht nach der zwischenzeitlichen Schließung vor fünf Jahren wie der Phoenix aus der Asche. Es trägt jetzt einen den bildungspolitischen Ansprüchen genügenden Namen: Neue Nikolaischule Leipzig, Außenstelle Bornaische Straße 104. In den Hofpausen stehen die jungen Fünftklässler andächtig vor dem metallenen Namenschild des Gymnasiums und versuchen die Quersumme der zusammengezählten Buchstaben zu bilden. Pisa freut sich.
Hach, was hatte ich für Spaß an dieser Schule, fast so viel wie die Lümmel von der letzten Schulbank auf ihrem Theodor-Mommsen-Gymnasium.
„Setzen, sechs!“ „Raus aus meinem Klassenzimmer!“ – noch immer hallen die Echos der Stimmen meiner Lehrer durch die auslandenden Gänge. Sie werden mich nie vergessen …

Im September steht Leipzig Kopf. Die Anschläge von New York jähren sich das zehnte Mal und keiner nimmt Rücksicht. Politisch Unkorrekte lassen am Silbersee in Lößnig kleine Miniaturflugzeuge in die warme Sommerluft aufsteigen und scheinen das Schreckensszenario des 11. September nachstellen zu wollen. Ich traue mich kaum aus dem Haus, in der Angst, dass diese terroristischen Kellerkinder auch auf mich einen desaströs tödlichen Anschlag verüben. Am City-Hochhaus, in der prähistorischen Voranglizismuszeit auch Uni Riese genannt, hat sich eine riesige Bürgerwehr versammelt. Wie zu den Montagsdemonstrationen vor über einundzwanzig Jahren bilden sie eine riesige Menschenkette und versuchen so, als lebendiger Schutzschild potentielle Todesflieger aufzuhalten.

Die beide in Leipzig lebenden Sprachtalente Julius Fischer und André Herrmann, bekannt als das Team Totale Zerstörung, gewinnen im Oktober das Gruppen-Finale der Deutschen Poetry Slam Meisterschaften 2011. Dabei rocken sie nicht nur die 4000 Zuschauer der O2 World in Hamburg; das ganze Event wird außerdem per Livestream ins Web übertragen. Die zwei Typen sind absolut genial und haben den Preis mehr als verdient. Ich selbst bin auch indirekt am Erfolg beteiligt, schließlich ist André ein entfernter Kommilitone von mir. Indirekt beteiligt eben …

Am 22. November öffnen die Pforten des Leipziger Weihnachtsmarktes. Auf der Homepage der Stadt Leipzig liest man von einer Tradition, die bis in das 15. Jahrhundert zurückreichen soll. Ob bereits damals schon der Becher Glühwein zum Preis eines Tetrapack-Sixpacks des selbigen feilgeboten wurde, lässt sich aus den historischen Aufzeichnungen leider nicht entnehmen. Fakt ist jedoch, dass die mit Käse und Spinat gefüllte Gourmetbratwurst noch immer richtig lecker schmeckt und seit Jahren zu einem absoluten Freundschaftspreis verkauft wird. Sie ist und bleibt meine Weihnachtsmarktempfehlung schlechthin.
Des Weiteren finden erste ultraspontane Flashmobs in den Kaufhäusern der Innenstadt statt. Zumindest vermute ich das, andernfalls kann ich die hysterisch umherirrenden Menschen nicht verstehen, die bereits einen Monat vor Heiligabend nach Weihnachtsgeschenken suchen.

Auch wenn der Dezember derzeit noch hochaktuell ist, gibt es bereits erste Höhepunkte zu vermelden. RTL hat endlich die definitive Absetzung der Ostalgie bekannt gegeben. Stattdessen widmet man sich lieber akuteren Themen. Für die Ausrottung der nordamerikanischen Ureinwohner hat sich bisher doch kein Europäer so wirklich entschuldigt, oder? Immerhin waren es Briten, Spanier und Franzosen, die sich vor Jahrhunderten aufmachten, die Neue Welt zu entdecken und von lästigen Ansässigen zu befreien. Deutschlands wichtige Pflicht, als Steckenpferd und Vorreiter der Europäischen Union, ist es, die alte Kultur der Eingeborenen zu wahren. Deshalb gewinnt der ecuadorianische Indianer Leo Rojas die Supertalentshow 2011 und setzt mit seinen Mokassins den ersten Modetrend für das kommende Jahr. Dass Leos Vorfahren die Wigwams ein paar tausend Kilometer weiter südlich aufgeschlagen haben, spielt keine größere Rolle bei derartigen Aufarbeitungsprozessen im RTL-Format.

Während ich weiterhin in meinen Erinnerungen schwelge, tanzen draußen die Kinder fröhlich auf den Wiesen und wollen ihren ersten Schneemann formen. Doch die Hände greifen ins Leere, schaben höchstens etwas Erde auf – der Schnee schmilzt, bleibt nicht liegen und lässt Kinderträume platzen. Unversehens kehre ich in die Gegenwart zurück, greife nach dem Telefonhörer und rufe im Amazon-Hauptquartier an. Meine Lieferung sei defekt, beklage ich mich, die weiße Weihnacht scheint in Gefahr.
Wäre sie wohl, gäbe es nicht den Express-Versand. Pappiger Neuschnee wird mir versprochen, ausgeliefert bis spätestens Heiligabend. Die biegen das schon wieder hin, ich glaube daran …


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