Ein Irokese in Radebeul erklärt uns passend zu den Karl-May-Festtagen die Welt der modernen Indianer Karl-May-Festtage: Gespräche mit einem Indianerhäuptling

Der Irokese Ray Halbritter kommt zu den Karl-May-Festtagen nach Radebeul. Wir sprechen mit ihm über die moderene Indianerkultur und räumen Vorurteile auf.

Ray Halbritter ist Irokesenhäuptling, Chef dreier großer Stämme der Oneida Indian Nation und Geschäftsführer des gleichnamigen Unternehmens, das eigene Casinos und Hotels besitzt. Von seinem US-Heimatstaat und dem traditionellen Territorium der Irokesen, New York, reist er einmal im Jahr nach Radebeul zu den Karl-May-Festtagen, um die Kultur seiner Vorfahren auch über den großen Teich hinweg bekannt zu machen. Wir haben für euch mit ihm gesprochen.

© André Wirsig / PR

Was verbindet Sie persönlich mit Deutschland und wie kam es zu Ihrer Teilnahme an de Karl-May-Festtagen in Radebeul?

2012 reiste ich gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Oneida nach Deutschland, um das Karl-May-Museum zu besuchen. Dort erfuhren wir viel über das Interesse der Deutschen an unserer Kultur, über das Festival an sich und fühlten sofort eine besondere Verbindung zwischen unseren Leuten und den Deutschen. Deshalb sind wir immer wieder zurückgekehrt. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, auf die Besonderheiten indianischer Filmkunst aufmerksam zu machen. 

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Wie wird Ihr Beitrag zu den Karl-May-Festtagen in diesem Jahr aussehen?

In diesem Jahr legen wir den Schwerpunkt auf traditionelle Tänze und Kunsthandwerk. Beides spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in unserer Kultur. Außerdem ermöglichen wir eine unverstellte und authentische Sicht auf das Leben der Ureinwohner Nordamerikas durch die Augen indianischer Filmemacher. Das „Gesetz des Friedens“ (orig.: „The Great Law of Peace“, mündlich überlieferte Verfassung der Irokesen, Anm. d. Red.) lehrt uns gegenseitigen Respekt, das Verständnis gegenüber unterschiedlichen Haltungen und wie wertvoll es ist, ein entsprechendes Leben zu führen. Wir ehren dieses Gesetz, indem wir an diesem Festival teilnehmen und unseren nachfolgenden Generationen mit gutem Beispiel vorangehen. 

Die Kultur der Ureinwohner Nordamerikas stößt hier auf großes Interesse. Warum, denken Sie, ist das so?

Die Lehren, die Schriftsteller wie Karl May in Worte fassen, spiegeln oftmals die traditionellen Werte und Haltungen der Ureinwohner Nordamerikas wieder. Unsere Vorfahren haben diese Lehren von Generation zu Generation weitergegeben, und diese Prinzipien – aufbereitet durch moderne Sprache und Erzählweise  – verwandeln Jahrhunderte alte Legenden in wertvolle und wichtige Erkenntnisse für die heutige Generation. 

In Deutschland ist der Brauch verbreitet, sich als stereotyper „Indianer” zu verkleiden, beispielsweise zu Fasching. Was denken Sie darüber?

Wir schätzen das ehrliche Interesse der Deutschen an unserer Kultur und verstehen, dass das Verkleiden nicht beleidigend gemeint ist. Gleichzeitig möchten wir durch unsere Teilnahme an den Karl-May-Festtagen über die wahre Kultur unserer Leute aufklären und insbesondere einige Stereotype aus der Welt räumen.

Aktuell spielen die indigenen Völker der USA hauptsächlich dann eine Rolle in den Medien, wenn es um Proteste geht, beispielsweise dem gegen die Dakota Access Pipeline. Wie werden die indigenen Stimmen Ihrer Ansicht nach von Medien und Gesellschaft wahrgenommen, was könnte sich verbessern?

Die Oneida sind seit Jahrzehnten Wächter des einzigartigen Erbes der Ureinwohner Nordamerikas, und die Bemühungen, dieses Erbe zu schützen, dauern bis heute an. Neben eigenen Einrichtungen und Programmen für den Erhalt und die Verbreitung der Sprache und Kultur der Oneida im Staat New York haben die Oneida auch eine Vorreiterrolle eingenommen: Wir unterstützen Institutionen, die die authentische Geschichte der Ureinwohner Nordamerikas erzählen, die vielfältige Kultur präsentieren und auch ein Augenmerk auf die weit entwickelte Rechtsprechung und Rechtsauslegung unserer Vorfahren legen. Außerdem investieren die Oneida in den Schutz der Würde und Rechte der Ureinwohner auch in Bezug auf den Profisport: gerade läuft die vielbeachtete Kampagne „Change the Mascot“ (mit dem Ziel, den Namen der „Redskins“, einem Football-Team aus Washington D.C., zu ändern, Anm. d. Red.)

Kinderfragen

Leila (7 Jahre, Dresden): „Benutzen Irokesen Handys?”

Danke für deine Frage, Leila. Ja, wir benutzen Handys. Wir genießen die Annehmlichkeiten moderner Technik genau wie jede andere Gesellschaft. Und die Oneida war der erste Stamm mit einem eigenen Internet-Auftritt – wir waren sogar schneller als das Weiße Haus!

Emil (6 Jahre, Leipzig): „Warum werden Fremde, die etwas angestellt haben, an den Marterpfahl gebunden?“

Danke für die Frage, Emil! Viele Dinge, die im Film über Indianer gezeigt werden, sind nicht wahr. Es sind Geschichten, die von Leuten erzählt werden, die gar keine Indianer sind. Tatsächlich ist es so, dass gerade die Ureinwohner in der gesamten nordamerikanischen Geschichte oft schlecht behandelt wurden. Das ist einer der Gründe, warum wir nach Deutschland reisen: Wir wollen unsere eigene Geschichte erzählen über unsere Leute, unsere Kultur und unsere Geschichte.

Franz (4 Jahre, Leipzig): „Warum haben Indianer keine echten Häuser?“

Vielen Dank für die Frage, Franz! Manche Indianerstämme benutzen tatsächlich noch die Zelte oder „Tipis“ wie ihre Vorfahren, aber nicht alle Indianerstämme lebten in Tipis. Vor langer Zeit wohnten beispielsweise die Oneida in sogenannten „Langhäusern“ – großen, stabilen Häusern aus Holz und Rinde. Aber heutzutage bevorzugen wir moderne Gebäude, genau wie du.

27. KARL-MAY-FESTTAGE RADEBEUL, am 11. bis 13. Mai 2018 | www.karl-may-fest.de

am Freitag, 11. Mai freier Eintritt für alle, Wochenendticket (VVK) 10 € / erm. 5 € / Familien 22 €, auch Tagestickets erhältlich, Kinder unter 5 frei