Leipziger Bands im Fokus #104: 100 Kilo Herz

Leipziger Bands im Fokus #104: 100 Kilo Herz

"Es sollten einfach öfter Leute bei Themen mitreden, die auch persönlich betroffen sind"

26.10.2020

Die Leute sehnen sich derzeit nach etwas Greifbarem, Natürlichem und Unverschleiertem. Auf Neudeutsch: Straight in your face! Dass 100 Kilo Herz genau dort zu Hause sind und diesen Spirit auf ganz authentische Art und Weise verkörpern, merken die Brass Punker an der aktuellen Resonanz mehr denn je. Ihr neues Album „Stadt Land Flucht” (VÖ: 07.08.2020) kletterte jüngst bis auf Platz 19 der deutschen Albumcharts. Frontsänger und Bassist Martin Roter alias Rodi (Foto: Mitte rechts) hat uns im Interview u. a. verraten, wie man sich die Last eines 100 Kilo schweren Herzens teilt, um es gemeinsam zum Schlagen zu bringen. 

Leipziger Bands im Fokus #104: 100 Kilo Herz
 Hey Rodi! Kannst du mir zu Beginn berichten, wie und wo ihr als Band eigentlich angefangen habt?

 

Die Band ist 2015 aus einem Abend heraus entstanden, bei dem Clemens (Gitarrist, Anmd. d. Red.) und mir auf jeden Fall der Alkohol geschmeckt hat. Er hatte mich bei einem gemeinsamen Konzert in Jena bezüglich Texten angesprochen. Unser erstes Konzert fand dann knapp zwei Jahre später in Halle statt. Das zweite direkt am Folgetag im Absturz in Leipzig. Später folgten gemeinsame Gigs mit Fahnenflucht und Dritte Wahl und irgendwann wurde es zum Selbstläufer. Dass es uns, 100 Kilo Herz, gibt, hat sich seither rumgesprochen. Es waren unsererseits auch die Zeit und Kraft da, der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Viele schaffen dieses Pensum einfach nicht.

  

Ihr habt euren wachsenden Erfolg also eurem Durchhaltevermögen zu verdanken?

 

Unserem Durchhaltevermögen, viel Glück, guten Konzerten und der Tatsache, dass wir einen Musikstil spielen, nach dem die Leute aktuell verlangen.

 

Was unterscheidet euren selbst deklarierten Brass Punk denn von Ska Punk?

 

Im Unterschied zum Ska Punk sind bei uns keine durchgängigen Off-Beat-Rhythmen zu finden, nur mal als Element. Die Essenz von 100 Kilo Herz ist aber Punkrock mit Bläsern. Dabei gibt es natürlich immer mal wieder Ausbrüche. „Träume (Reprise)“ vom aktuellen Album ist zum Beispiel unser bisher poppigster Song. Das neue Album könnte man als „ernster“ als das erste bezeichnen. Ich bevorzuge den Begriff „erwachsener“. Die Themen sind breiter geworden. Es steckt immer noch sehr viel Politik drin, was mir wichtig ist. Es gibt aber auch sehr persönliche Songs, wie „Sowas wie ein Testament“, in dem ich quasi die Eckpunkte für meine mögliche Beerdigung festhalte. Oder „An Ampeln“. Das ist ein Song über eine Beziehung, wie viele Leute sie wahrscheinlich schon erlebt haben. Und doch geht es letztlich darüber hinaus. Wenn man genauer hinschaut, wird auffallen, dass es in den Lyrics keine Pronomen gibt, damit quasi keine Heteronormativität herrscht. Alle sollen sich angesprochen fühlen, egal ob trans, nicht binär oder wer auch immer. Der Song ist vordergründig unpolitisch, hintergründig aber sprachlich durchkonzipiert.

 

 

In euren Texten seid ihr ja sehr direkt unterwegs und scheut es auch nicht, euch klar politisch zu positionieren. Kannst du eure Botschaft in einem Satz zusammenfassen?

 

(überlegt) Da würde ich lieber etwas weiter ausholen, wenn’s genehm ist. Die Leute sollten einfach aufhören, aus Unverständnis und fehlender Empathie heraus scheiße zueinander zu sein. Unbegründete Vorurteile, unbegründete Angst vor Menschen, deren Lebensrealität der eigenen vielleicht fremd ist: All das finde ich problematisch. Ein gutes Leben für alle wäre echt schön. Ich setze mich dafür ein, eine Basis für die Welt zu schaffen, in der Menschen nicht aufgrund dessen, wer sie sind, um ihr Leben fürchten müssen. Es muss irgendwann der Punkt kommen, an dem von staatlicher Seite und von Gerichten konkret anerkannt wird, dass Gewalt von rechts eine Gefahr darstellt. Es gibt einen Unterschied zwischen Meinung und Fakten. Fakten müssen Fakten bleiben. Ab einem gewissen Punkt ist meine Gesprächsbereitschaft einfach vorbei. Gewalt als Protestmethode im situativen Ermessen lehne ich per sé nicht ab. Ich selbst übe sie aber nicht aus. Da bin ich nicht kräftig genug, ganz schön langsam und habe obendrein immer Angst um meine Brille. Ich kann und will keine Grenze ziehen, ab wann Gewalt beginnt. Sie ist für mich aber immer dann inakzeptabel, wenn sie aus einer Machtposition heraus geschieht und sich gegen wehrlose Personen wendet; wenn sie in der Lage ist, schwerst zu schädigen. Sollte die Politik in Zukunft weiter nach rechts rücken, sehe ich eine Gefahr. Das Konzept Nationalstolz kann ich auch nicht so richtig nachvollziehen, da man dafür nichts leistet. Wir haben das Glück, hierzulande sicherer leben zu können als Milliarden andere Menschen auf unserem Planeten. Dafür habe ich aber nichts getan. Ich habe einfach Glück gehabt.

 

Oft werdet ihr in einem Satz mit Feine Sahne Fischfilet rezipiert. Wie empfindest du diese Referenz?

 

Ich finde sie nachvollziehbar. Die Leute brauchen etwas zum Einordnen und musikalisch liegt es ja nah beiein-
ander. Für uns gibt es schlechtere Bands, mit denen man verglichen werden könnte. Wenn die Leute uns jetzt mit Frei.Wild vergleichen würden, würde ich mich schon fragen, was wir falsch machen.

 

Was möchtest du denn zum Abschluss euren Fans oder denen, die es noch werden, noch mit auf den Weg geben?

 

Das Virus gibt es. Punkt. Wir sind gerade in einer Situation, in der wir lernen müssen, damit umzugehen. Unsere Freiheit wird nicht durch eine Maske eingeschränkt, sondern dann, wenn zum Beispiel Rechte von Transmenschen wieder von konservativen Regierungen beschnitten werden, wenn Homosexualität unter Strafe gestellt wird und wenn schwangere Frauen nicht entscheiden dürfen, was mit ihrem Körper passiert. Für diese Freiheiten haben wir hier gekämpft. Es sind Freiheiten und Rechte, die ich mir für alle Menschen wünsche. Bis dahin gilt es aber noch viele Kämpfe zu bestreiten. Der aktuelle Kampf ist aber erstmal, dafür zu sorgen, dass bereits erlangte Freiheiten nicht wieder zurückgenommen werden, weil ahnungslose Leute in der Politik sitzen. Es sollten einfach öfter Leute bei Themen mitreden, die auch persönlich betroffen sind.

 

Vielen Dank für diesen persönlichen Einblick, Rodi!

 

VERLOSUNG! Holt euch eine Vinyl von „Stadt Land Flucht“ nach Hause. Wer sie haben will, schreibt eine Mail mit dem Betreff „100 Kilo Herz“ an redaktion-leipzig@urbanite.net!

 



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