Musik Interview: Tom Odell

„Der einzige Druck ist der, den ich mir selbst auferlege“ – Tom Odell im Interview

urbanite präsentiert Tom Odell im Haus Auensee

23.10.2018

Von Lily Allen entdeckt, macht sich der Engländer Tom Odell seit 2012 einen Namen als Sänger und Songschreiber. Im Interview philosophierten wir mit ihm über menschliche Fehlbarkeit, sprachen darüber, wie sein neues Album entstanden ist, obwohl er gar nicht vorhatte, es zu schreiben, und erfuhren, was Songwriting zu einer besonderen Kunstform macht.

 

Du hast vor kurzem die Singles „If You Wanna Love Somebody“ und „Jubilee Road“ veröffentlicht, das Album „Jubilee Road“ erscheint am 12. Oktober. Was kann man davon erwarten? 

Nun, es ist ein Album, das von dieser Straße inspiriert ist, in der ich gelebt habe, und ich denke da sind viele kleine Geschichten drin. Ich bin stolz darauf und freue mich, dass Menschen es hören werden. 

 

Es gibt also tatsächlich eine Straße dazu? 

Ich war viel auf Tour und bin in ein Haus in dieser Straße gezogen. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, ein Album zu machen und wollte mir etwas frei nehmen, aber dann ist es so gekommen, dass ich diese Songs geschrieben habe. Ich saß im Wohnzimmerfenster und sah jeden Morgen zu, wie sich das Leben der Straße entfaltete. Das fand ich sehr inspirierend. Ich habe Geschichten erschaffen, von denen ich schätze, das sie von diesen Charakteren kommen und ich habe mich mit dieser Idee von Gemeinschaft und dem Gefühl, dazu zu gehören, beschäftigt. Es unterscheidet sich also, was die Texte angeht, etwas von meinen vorhergehenden Alben. 

 

Interview: Tom Odell
Es heißt ja oft, das zweite Album sei schwierig zu schreiben, du veröffentlichst nun das dritte. Gibt es Unterschiede im Songwriting-Prozess zwischen „Wrong Crowd“ und „Jubilee Road“?

Ja, für „Wrong Crowd“ schrieb ich glaube ich so an die 80 Songs, um zur endgültigen Auswahl von elf Songs zu gelangen. Für dieses Album war es eher so, dass ich wahrscheinlich nur insgesamt 13 oder 14 Songs geschrieben habe. Es war also viel überlegter; ich wusste, worüber ich schreiben wollte, ich wusste in Bezug auf den Text mit einer viel größeren Klarheit, was ich erreichen wollte. In vielerlei Hinsicht habe ich es schneller geschrieben. Ich würde sagen, 80 % der Songs sind innerhalb von sechs Wochen entstanden, was für mich sehr schnell ist. Ich schätze, in mancherlei Hinsicht ist der Prozess ähnlich, da ich vor allem am Klavier schreibe, und ich habe immer viel mehr Worte geschrieben als ich bräuchte. Das ist der Prozess, an den ich gewöhnt bin.

 

Die Singles klingen sehr zeitlos. Gibt es denn in der Musikindustrie einen Druck, beim Songwriting Trends zu folgen, oder kannst du machen was du willst?

Ich denke ich bin ziemlich frei zu tun, was ich möchte. Der einzige Druck ist der, den ich mir selbst auferlege. Mein größtes Ziel ist es immer, Musik zu machen, die auch in 15 Jahren noch relevant sein könnte. Ich mag Musik, die gut altert. Das ist für mich immer eine Art Mantra gewesen, weil ich denke, dass große Kunst dem Test der Zeit widersteht. 

 

Du wirkst immer ziemlich ausgeglichen. Woher kommen die Emotionen, die sich in deiner Musik finden?

Ich weiß nicht, ich denke ich bin einfach vom Leben inspiriert. Dem Leben wohnt eine Zerbrechlichkeit inne, die ich als inspirierend empfinde, und mich interessieren die Details. Vor allem ist es ein Feiern der Imperfektionen des Lebens; das ist es, was es bedeutet ein Mensch zu sein. Es geht so oft um die Imperfektionen, und die Erfahrungen, die wir machen, das macht uns schließlich zu Charakteren. Und dieses Album wiederholt, wahrscheinlich unbeabsichtigt, im Rückblick in den Texten immer wieder diese Idee, dass es in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein. Es ist toll, nicht perfekt zu sein und wir sollten darin schwelgen anstatt es zu bedauern. Das Album durchläuft viele Geschichten und Szenarien. Ein Song beschäftigt sich mit dem Konzept der Sucht, ein anderer mit Oberflächlichkeit und Ruhm bis hin zu einem Song, der von einer Reibung zwischen den Generationen handelt. Ich denke es kommt immer wieder zurück zur Idee, dass man akzeptiert, nicht perfekt zu sein. 

 

Ehrlichkeit und Authentizität spielen also eine große Rolle?

Ich denke schon, ja. Ehrlichkeit ist glaube ich ein riesiger Teil davon, sicherlich. Ich glaube, dass dieses Album, auf den Text bezogen, das ehrlichste ist, das ich bis jetzt gemacht habe. Damit meine ich nicht autobiografisch betrachtet, sondern ich denke es ist ehrlich in seiner Art von Emotion. 

 

Du hast ja sehr früh angefangen, Musik zu schreiben. Gab es bei dir jemals einen Plan B?

Nein, nicht wirklich. Als ich 17/18 war, gab es eine Zeit, in der ich überlegt habe, ob ich zur Universität gehen soll, aber die Vorstellung das durchzuziehen ... ich hätte es nie tatsächlich machen können. Was ich aber sagen würde ist, dass ich mich über die Aussicht freue, an irgendeinem Punkt in meinem Leben andere Dinge im Bereich der Musik zu tun, und zu schreiben. Ich liebe es zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich immer Alben machen werde, ich werde sicherlich immer etwas erschaffen wollen und schreiben wollen. Aber ich fühle mich immer mehr zum geschriebenen Wort und zur Literatur hingezogen, und eben zur lyrischen Seite der Musik. Ich denke, es ist die Seite, die mich wirklich am meisten reizt. Literatur war wahrscheinlich eine größere Inspiration für das Album „Jubilee Road“, als andere Musik es war. 

 

Kannst du dir denn vorstellen, selbst einen Roman zu schreiben?

Ich schreibe immer etwas – vielleicht kommt das irgendwann in einem Roman heraus. Ich schreibe schon seit einer Weile, also ich weiß nicht – vielleicht. Bei Musik habe ich Zeit gehabt, um gut darin zu werden. Ich habe mit dem Klavier ja angefangen, als ich sieben Jahre alt war, während es beim Schreiben erst fünf oder sechs Jahre sind. Ich denke, ich muss erst einmal gut darin werden. (lacht)

 

Ich habe dich auch schon über Filme und Comedy Shows reden hören. Würdest du gerne die Musik für einen Film schreiben?

Ja sicher. Ein bisschen habe ich das schon gemacht und würde es gern mehr machen. Es gibt viele Dinge, die ich gern tun würde; ich bin sehr glücklich wenn ich etwas erschaffe. Ich gehe gern in meine eigene abgeschlossene Welt, es ist ein wunderbarer Rückzugsort. 

 

Gab es ein bestimmtes Stück, das dich dazu inspiriert hat, selbst Musik zu schreiben?

Ich glaube interessanterweise, dass es tatsächlich Elton John war. Ich hatte sein Pianobuch auf meinem Kindheits-Klavier. Da war ich etwa zwölf Jahre alt und habe alle seine Songs aus diesem Pianobuch gelernt, und von da an war es eine sehr natürliche Entwicklung, meine eigenen kleinen Melodien zu schreiben. Dann kamen etwas später Texte dazu, und plötzlich waren es Songs. Das großartige am Songschreiben ist, dass es so präsent in unserer Kultur ist. Ich meine, Songs sind so präsent. Man geht in ein Café und hört einen Song oder man steigt in ein Taxi und hört einen Song, man besucht seine Freunde und die haben Musik an. Das Bizarre daran ist: Sobald man mit dem Songwriting anfängt, ist es, als ob man von einer Bazille gebissen würde. Ich war sehr schnell besessen davon und ich denke, Songwriting hat ziemlich strenge Regeln im Vergleich zu anderen Kunstformen. Das Medium hat Grenzen, aber ich glaube, das macht es so ermächtigend. Denn wenn man etwas Brillantes in dreieinhalb Minuten schreiben und einen interessanten Weg finden kann, das zu präsentieren, dann finde ich letztendlich, dass man eine sehr erfüllende Kunst ausübt. Es ist so herausfordernd und wenn man es richtig hinbekommt, ist es so leicht, es Menschen vorzuführen, und sehr zugänglich. Jeder kann einen Song hören und sagen, ob er ihm gefällt oder nicht, anders als bei einem langen Roman oder einem expressionistischen Gemälde. Ich denke ein Song ist so universell. Das ist es, was es so spannend macht. 

 

Stimmt es eigentlich, dass du zu Beginn deiner Karriere an vielen Open Mic Nights teilgenommen hast?

Ja, das habe ich früher oft gemacht, als ich mit 18/19 in Brighton gelebt habe, und versucht habe als Songschreiber meinen Durchbruch zu schaffen. Ich habe damals mein Keyboard durch die Gegend geschleppt und in unterschiedlichen Bars gespielt. Es war eine wundervolle Zeit, ich habe so viel über Songs gelernt und darüber, wie man auftritt – was ja letztendlich, denke ich, das Wichtigste ist was man tun kann als Songschreiber. Man lernt so viel vom Performen. Damit bin ich sehr zufrieden bei den Touren, die ich jetzt mache, denn es hat mir verdammt viel über Songwriting beigebracht. 

 

In Leipzig gibt es ja auch viele kreative Leute, die auf kleinen Bühnen anfangen und sich damit bestimmt identifizieren können. 

Ja, es ist sehr informativ für das Schreiben. Man lernt sehr schnell auf eine recht brutale Art, was funktioniert und was nicht. Und mein Gefühl ist, dass es so eine geteilte Sache ist, eine geteilte Erfahrung. Musik ist am Besten, wenn sie geteilt wird. Sich mit Menschen und ihren Meinungen zu umgeben ist sehr wichtig.

 

Jetzt wo du vor einem deutlich größeren Publikum spielst: Gibt es Unterschiede, was die Verbindung mit den Fans angeht?

Nein, letztendlich ist es genau das Gleiche, aber ich denke jetzt nach ein paar Alben können die Band und ich die Zuhörer, die zu unseren Shows kommen, wirklich auf eine Art Reise mitnehmen und das liebe ich. Es ist ein intensives Erlebnis, das Publikum vom Anfang bis zum Ende der Show auf einer Reise zu begleiten. Es ist sehr angenehm, diese Art von Verantwortung zu bekommen. Ihre Aufmerksamkeit anderthalb Stunden lang zu haben, ist etwas Wundervolles. Ich genieße es wirklich und ich bin sehr stolz darauf. Das, was ich jetzt mit meiner Band habe, ist eine Show, die sich über viele Jahre entwickelt hat und ich denke, dass wir oft die Erwartungen der Leute übertreffen.

 

Du spielst ja am 7. November 2018 ein Konzert in Leipzig, im Haus Auensee. Warst du schon mal hier?

Ja, war ich, ich liebe die Stadt und freue mich sehr darauf, zurückzukommen!

 

Ein paar letzte Worte an die urbanite-Leser?

Kommt zur Show, ihr werdet es nicht bereuen. (lacht schelmisch)

 

TOM ODELL – JUBILEE ROAD TOUR 

7. November 2018, 20 Uhr, Haus Auensee ---> ACHTUNG! Das Konzert wurde aus terminlichen Gründen auf den 16. Januar 2019, 20 Uhr im Werk 2 verlegt! Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit.

Karten im VVK ca 40 €

Wir verlosen im Oktober 3 x 2 Tickets auf urbanite.net!

 

 



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