Vorhang auf für eine neue Ära euro-scene

Theater und Tanz in Europa: euro-scene 2016

Vorhang auf für eine neue Ära euro-scene

13.10.2016
Autor: Anne Küste

2015 feierte die euro-scene ein Viertel Jahrhundert Festival zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes in Leipzig. Anlässlich des 25. Bestehens beehrten internationale und renommierte Stars wie Alain Platel, Romeo Castellucci und Josef Nadj die Bühnen Leipzigs. Das Festival im Zeichen der bekannten Regisseure und Choreographen lockte rund 6.500 Zuschauer und sorgte für eine Auslastung von 95%. Hohe Werte, an die ein Jahr später auch ohne Jubiläum und ohne die ganz großen Namen angeknüpft werden soll. 

Vorhang auf für eine neue Ära euro-scene
Nikolaus Habjan – Puppenbauer, Puppenspieler, Regisseur und Schauspieler

 

Die aktuelle Ausgabe der euro-scene macht Pause von Castellucci & Co. und beginnt eine neue Ära. Die Veröffentlichung des Festivalkalenders, mit Ausnahme von Jan Martens, macht deutlich: Es bereichern ausschließlich neue, deutlich unbekanntere Regisseure und Choreographen das Festivalprogramm. Der Fokus der Veranstalter liegt auf Künstlern und Stücken, die im Rahmen der euro-scene noch nie auf Leipzigs Bühnen zu bestaunen waren. 

 

Schwerpunkt ist eine Werkschau des Ausnahmekünstlers Nikolaus Habjan

 


Vorhang auf für eine neue Ära euro-scene
Nikolaus Habjan nimmt mit seiner Werkschau einen großen Teil der euro-scene ein.
Zu einem dieser Künstler zählt Nikolaus Habjan, der gleichzeitig das Motto der diesjährigen euro-scene prägt. „Doch bin ich nirgend, ach! Zu Haus“ ist eine Textzeile – ein Zitat aus dem Lied „Der Wanderer an den Mond“ von Franz Schubert, die Nikolaus Habjan für die Benennung eines seiner Stücke aufgreift. Die euro-scene wird die Wiener Entdeckung im Rahmen einer Werkschau mit vier seiner Inszenierungen und einem Künstlerportrait im Schauspielhaus, in der Schaubühne Lindenfels sowie im Haus Leipzig vorstellen. Der gerade mal 29-Jährige, besonders vielseitige und quirlige Österreicher, ist Puppenbauer, Puppenspieler, Regisseur und Schauspieler. Er erhält am 8. November 2016 auf der Bühne des Schauspielhauses die Ehre, das Festival zeitgenössischen und europäischen Theaters zu eröffnen. Das auserkorene Stück „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ basiert auf dem realen Schicksal von Friedrich Zawrel in der Wiener Jugendfürsorgeanstalt während der deutschen Besatzung Österreichs im 2. Weltkrieg. „Das Stück gehört zum Erschütterndsten, das in den letzten Jahren im Theater zu sehen war“, erläutert Ann- Elisabeth Wolff. Die Festivaldirektorin ist von der Tragik des Stücks überwältigt und zu Tränen gerührt. Sie schwärmt regelrecht von dem Talent Nikolaus Habjans und seinen lebensgroßen Puppen, mit denen er regelmäßig Gast am Burgtheater in Wien und anderen großen Theaterhäusern der österreichischen Hauptstadt ist. Nach Auffassung der Festivaldirektorin zählt Habjan zu den interessantesten Künstlern Österreichs, sodass es nicht wundert, dass der Wiener Puppenspieler mit seinem Stück „Doch bin ich nirgend, ach! Zu Haus“ auch den krönenden Abschluss des Festivals bildet. 

 

Die Suche nach Heimat zieht sich wie ein roter Faden durch das Festivalprogramm

 

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Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff
Auch wenn Nikolaus Habjan durch seine vielen Talente und mit seiner Werkschau einen großen Teil der euro-scene einnimmt, werden weitere sehenswerte, internationale Regisseure und Choreographen in Leipzig zu sehen sein. Wie gewohnt, versucht die euro-scene die Neugier ihrer Besucher nach europäischer Theaterscene zu stillen, ohne dass sie dafür extra halb Europa bereisen müssen. Vor allem die aktuellen weltpolitischen Themen wie Flucht, Krieg und Vertreibung spielen eine zentrale Rolle bei der Programmauswahl, erklärt Ann-Elisabeth Wolff. Die künstlerische und kritische Auseinandersetzung mit politisch brisanten Themen sorge daher insgesamt für eine nachdenkliche Stimmung bei der diesjährigen euro-scene. Eine Ausnahme bildet das Theaterstück „Kosovo for Dummies“ von Jeton Neziraj, das sich auf humorvolle Weise mit Fragen zu Heimat und Migration beschäftigt. Der Autor macht den Dönerladen des türkischen Muslimen Salal kurzerhand zum Schauplatz des Geschehens und lässt dort Menschen mit unterschiedlichsten Kulturen und Einstellungen aufeinandertreffen. 

 

Etliche Companien sind erstmals in Leipzig

 

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13 Gastspiele aus 10 Ländern zeigt die diesjährige euro-scene
Also: Auch wenn die euro-scene diese Jahr auf die großen Namen verzichtet, an Vielfalt büßt sie nicht ein. Das Festival zeigt 13 Gastspiele aus 10 Ländern in 22 Vorstellungen und 8 Spielstätten. Das Spektrum umfasst Tanz- und Sprechtheater, Figurentheater und darüber hinaus auch zwei Stücke für Kinder. Und weil das nicht reicht, lässt das Theater tanz-Speicher aus Würzburg mit seinem Programm „room service“ zusätzlich noch Hotelzimmer bespielen. Die Performances für jeweils zwei Zuschauer finden im Leipziger InterCityHotel statt und sollen den klassischen Schauspielbesucher in eine fremde Theatersituation versetzen. Die enge Beziehung zwischen Performer und Zuschauer zwingt den Gast dazu, seine übliche defensive Zuschaurolle zu verlassen. Das Hotelzimmer, das weder öffentlicher noch privater Raum ist, soll den besonderen Reiz ausmachen, diese Anonymität aufzugeben. 

 

 

Wer Lust hat, diese und weitere Theaterabenteuer im Rahmen der euro-scene zu erleben oder sich selbst einen Eindruck von dem Talent Nikolaus Habjan machen will, dem stehen vom 8. bis zum 13. November 2016 sowohl die Türen zu den klassischen Theaterbühnen Leipzigs als auch die Schiebetür zum InterCityHotel weit, weit offen. 

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